Full text: Hessenland (38.1926)

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Die Woüweber- oder Tuchmacherzunft in Eschwege. 
(Schluß.) 
In der vom Landgrafen Philipp d. G. im Jahre 
1534 erlassenen Wollordniung ist bestimmt, daß 
die Wolle nur in sogen. Kleuder aufgebündelt von 
je 21 Pfund Kasseler Gewicht verkauft werden darf. 
Nur in der Zeit von Walpurgi (25. Februar) bis 
zum Margaretentag (13. Juli) war Kauf und Ver 
kauf der Wolle zwischen Schafbesitzer und Woll- 
händler zugelassen. Die Beamten waren angewiesen, 
mindestens 4 Wochen vor Margaretentag den Tuch 
machern sowie den Händlern den Tag bekannt zu 
machen, an welchem der Wollhandel stattfand. Die 
Tuchmacher mußten, nach Verhältnis ihres Bedarfs, 
mit den vorhandenen Vorräten befriedigt werden. 
Zurückhalten der Wolle war bei Strafe verboten; 
ebenso Unterschiebung geringer Ware. Kein Händ 
ler durfte für das Kleuder Wolle mehr als 2 Al 
bus (etwa 18 Pf.) Nutzen nehmen. 
Diese Wollordnung ist in den folgenden zwei 
Jahrhunderten wiederholt erneuert, auch ist ein Zoll 
von 1/2 Albus für den Kleuder auswärtiger Wolle 
festgesetzt. Die Einführung schlechter Wolle aus dem 
Auslande ist bei Strafe verboten. Die Wolle wurde 
meist gewaschen verkauft. Die Schafwäsche fand. 
Alljährlich im Beginn des Sommers statt. Von 
einem Schafe wurden etwa 7—8 Pfund Wolle ge 
wonnen. Die beste Wolle ist die vom Rücken. 
In zahlreichen Städten, so auch in Kassel, waren 
Wollmärkte eingerichtet. Auch die hiesigen Tuch 
macher haben dort vielfach ihren Bedarf gedeckt. 
Auf Nachsuchen der hiesigen Zunft hat dann die 
kurfürstliche Regierung zu Kassel im Jahre 1863 
die Einrichtung eines eigenen Wollmarktes für 
die Stadt Eschwege genehmigt und zwar in Ver 
bindung mit dem Krammarkt am Mittwoch und 
Donnerstag der Woche, in welche Johanni fällt. 
Der erste Wollmarkt wurde hier am 23. Juni 1863 
auf dem Klauskirchhofe abgehalten. Verkauft wur 
den 969 Stein (je 20 Pfund). Unverkauft blieben 
48 Zentner. Der Durchschnittspreis der Landwolle 
war 55 Taler für den Zentner. In 1865 wurden 
1993/4 Zentner zum Durchschnittspreise von 60 bis 
65 Talern umgesetzt. Im Jahre 1866 fiel der 
Markt des Krieges wegen aus. Im Jahre 1867 
kamen auf dem Markt nur noch 70 bis 80 Zentner 
Wolle zum Verkauf. Im Jahre 1868 fand der letzte 
Wollmarkt in Eschwege statt. Von den angefahrenen 
50 bis 60 Zentnern Wolle konnten nur 10 Zentner 
im Preise von 40 bis 45 Taler abgesetzt werden. 
Damit war der Wollmarkt in Eschwege erloschen. 
Gemeinsamer Ein- oder Verkauf seitens der Zunft 
war nicht üblich. Jeder Meister handelte auf eigene 
Rechnung. Die angekaufte Wolle wurde in älterer 
Zeit nur auf dem Spinnrad gesponnen und zwar in 
verschiedenen Dörfern der Umgegend, namentlich 
in den Dörfern des benachbarten Eichsfeldes. Der 
Spinnerlohn stellte sich um die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts auf 25 bis 30 Pf. für das Pfund 
Von Rechnungsrat Hartdegen. 
Wolle. Mit der Zeit entstanden dann in Eschwege, 
Frieda, Albungen und Reichensachsen. mechanische 
Spinnereien, die sich allmählich zu Fabrikbetrieben 
entwickelten und den Tuchmachern das nötige Woll 
garn in verschiedenen Sortimenten lieferten. Wenn 
nicht schon die rohe Wolle gefärbt war, so geschah 
dies mit dem Garn oder wohl auch erst mit dem 
fertigen Fabrikat. Das Färben geschah in zünf 
tigen Färbereien. Es wurde mit verschiedenen Far 
ben gefärbt, auch in gemusterten Farben. Das 
Weben des Garnes wurde auf dem einfachen höl 
zernen Webstuhl vorgenommen. Diese - Webstühle 
wurden von hiesigen Schreinern hergestellt. Der 
Anschaffungspreis soll vor 50 bis 60 Jahren etwa 
20 Mark für das Stück betragen haben. Die große 
Mehrzahl der Meister besetz nur je einen derartigen 
Stuhl, einzelne Meister zwei, auch drei Stühle. 
Es konnten mit dem Stuhl wöchentlich zwei Stück 
Tuch hergestellt werden. Aus den vorhandenen Ak 
ten läßt sich die Gesamtproduktion leider nicht fest 
stellen; sie war in den verschiedenen Jahren wohl 
sehr verschieden. Bei einer Anzahl von Meistern 
ruhte das Gewerbe zeitweilig. Nach beendigter Webe- 
arbeit wurde das Tuch gewalkt. Das geschah in der 
Walkmühle am sogen, steinernen Wehr in der Werra. 
Die Mühle war Eigentum der Zunft. Wann und 
in welcher Weise sie erworben, konnte nicht nach 
gewiesen werden. Als im Jahre 1837 anläßlich der 
Erborgung eines Kapitals aus der Landeskreditkafse 
der Eigentumsnachweis verlangt wurde, konnte dieser 
nur durch die eidlich abgegebene Versicherung von 
zwei alten unbeteiligten Bürgern Georg Christoph 
Brill und Christian Gemeling, daß ihres Wissens 
idie Tuchmacherzunft von jeher die Mühle besessen 
habe, erbracht werden. 
Es ist anzunehmen, daß das Grundstück, auf dem 
die Mühle der Zunft bereits bei ihrer Gründung er 
richtet ist, überlassen wurde und zwar aus dem 
damaligen Klostervermögen. Auf dem 7i/ 2 Ruten 
großen Grundstück hafteten als Abgaben 3 Taler 
3 Sgr. 9 Hll. sogen. Klosterzinsen, 3 Taler 25 Sgr. 
4 Hll. Amtszins und eine weitere Abgabe von 
10 Eschweger Wecke im Anschlage von 1 Sgr. 7 Hll. 
und 2 Ellen Eschweger Tuch, veranschlagt zu 15 Sgr., 
beides als weitere sogen. Klosterzinsen. Diese Ge 
samtabgabe von 7 Talern 15 Sgr. 8 Hll. ist im 
Jahre 1851 durch eine Kapitalzahlung von 150 Tlr. 
20 Sgr. 4 Hll. an den kurhessischen Staat abgelöst 
worden. 
Aus den vorliegenden Zunftrechnungen ergibt sich, 
daß der alte Bau abgebrochen und an seiner Stelle 
nach längerer Zeit im Jahre 1821 ein neuer größerer 
Bau errichtet worden ist; die Baukosten haben 
3500 Taler betragen. Vor seiner Fertigstellung 
ist, beim zeitweiligen Fehlen einer Mühle in Esch 
wege, die Walkmühle zu Bischhausen von unserer 
Zunft benutzt worden. Nach den Zunftrechnungen,
	        

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