Full text: Hessenland (38.1926)

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so war der Tausch dem ehrgeizigen Hans nicht un 
willkommen. 
Strahlender Sonnenschein und die im Flaggen 
schmuck prangende Stadt schufen am Jubiläumstage 
für alle Beteiligten die rechte Feststimmung. Pünkt^- 
lich zur festgesetzten Stunde waren die Zugfeil 
nehmer und mehrere Musikkorps vor der Stadthalle 
versammelt. Die Pferde der „Berittenen" wurden 
vom Stallburschen bereitgehalten. Hans, im Voll 
wichs, kletterte unter tatkräftiger Beihilfe auf das 
stattliche, mit blitzblankem Zaumzeug geschmückte 
Tier, das auf den Namen „Wotan" hörte. In der 
schwarzen Sammetpekesche, den weißen Lederhosen, 
dem Federbarett und der dreifarbigen Schärpe, den 
Schläger an der Seite, empfand er, sich fröhlich in 
den Bügeln wiegend und die Aufstellung des Fest- 
zuges beobachtend, die Wahrheit des Dichterwortes, 
daß das Glück dieser Erde außer auf mehreren andern 
schönen Dingen auch auf dem „Rücken der Pferde" 
ruhe. Plötzlich spitzte Wotan die Ohren, die immer 
lebhafter spielten, als ob er in der Ferne lausche, 
wo man in der Tat zuerst gedämpft, dann ganz 
deutlich Marschmusik hörte. Unruhig hin- und her 
tänzelnd, machte der Gaul Miene, eine kleine Extra 
tour zu unternehmen. Es nützte nichts, daß Hans 
die Schenkel fester anlegte und die Zügel kürzer 
faßte. Im Gegenteil! Wotan tat unvermutet einen 
mächtigen Satz, so daß die Umstehenden erschreckt 
auseinanderstoben, ging durch und jagte in gestreck 
tem Galopp in einer der Stadt entgegengesetzten 
Richtung die Landstraße entlang. 
Der wackere Reiter, der jede Gewalt über den 
wild dahinstürmenden Gaul verloren hatte, wurde 
von dem einzigen Gedanken beherrscht „Nur oben 
bleiben", und während Bäume und Telegraphen - 
stangen an ihm vorüberflitzten, schwirrten ihm alle 
weisen Schlagworte des Reitlehrers wieder durch 
den Sinn: „Schenkel ran!", „Zügel kurz", „Gesäß 
fest in den Sattel" — aber die schöne Theorie nützte 
nichts. Die Sporen und die lange Schlägerscheide 
berührten Wotan in den empfindlichsten Stellen 
der Flanke, so daß er das Tempo immer mehr ver 
stärkte und schließlich auf einem Feldwege dem hüge 
ligen Gelände zusteuerte. Von dort vernahm man 
die Marschweise, und dahin zog es den alten Militär^- 
gaul anscheinend mit unwiderstehlicher Macht. 
Hinter der Anhöhe bot sich dem atemlosen 
„Zwangsreiter", dem die Situation allmählich lebens 
gefährlich erschien, ein eigenartiges Schauspiel, dessen 
Hauptrolle er von da ab freilich selbst spielen sollte. 
Auf dem dort gelegenen Exerzierplatz stand das 
Jägerbataillon in Paradeaufstellung, und der Major 
ritt gerade unter den Klängen des Präsentiermarsches 
die Front ab, als sich vom Hügel her ein einzelner 
Reiter in vollem Galopp der Aufstellung näherte. 
Im ersten Augenblick glaubte der Major, der in 
dem grellen Sonnenlicht die Gestalt in der allerdings 
etwas sonderbaren Uniform nicht recht erkennen 
konnte, einen unerwartet auftauchenden Vorgesetzten 
aus der nahen Residenzgarnison vor sich zu haben. 
Er ließ „Gewehr über" nehmen und 'ritt auf alle 
Fälle in kurzem Galopp dem Ankömmling entgegen. 
Als er aber nur einen bunt aufgeputzten Studenten 
heransprengen sah, schrie er in der Meinung, daß 
es sich um einen gewöhnlichen Ulk handele, mit vor 
Zorn geröteter Miene: „Was unterstehen Sie sich? 
Runter vom Exerzierplatz!" 
Aber Hans oder vielmehr sein Gaul nahmen von 
dieser wohlwollenden Ansprache des Kommandeurs 
keinerlei Notiz, vielmehr gondelte Wotan, das alte 
Majorspferd, vorschriftsmäßig vom rechten Flügel 
des Bataillons an in langen Sprüngen die ganze 
Front ab. Dem unglücklichen, jeder Einwirkung aus 
seinen Renner beraubten Reiter war das Weinen 
näher als das Lachen. Das Lachen besorgten schon 
die in höchstem Grade belustigten Soldaten. Erst 
lachten die Hauptleute und Leutnants, dann die 
Unteroffiziere und zuletzt gröhlten die Mannschaften 
nur so vor Vergnügen. Alle Bande der Disziplin 
schienen gelöst zu sein. Von allen Seiten schallten 
lärmende Zurufe, denn die Jäger waren trotz ihrer 
Grundfarbe den geschniegelten Studenten nicht ge 
rade grün. 
„Nanu, wer ist denn das? Fastnacht ist doch 
schon vorbei!" 
„Es ist ein Zirkusdirektor!" — „Ne, ein chinesi 
scher Kunstreiter!" — 
„Ach ne, ein sibirischer General!" — „I wo, er 
sucht seine durchgegangene Braut!" 
„Männeken, sehen Sie sich vor, der Gaul wird 
hinten alle!"— 
„Droschke für den Rückweg gefällig?"— 
Mit diesem Hagel von anzüglichen Redensarten, 
der eine fabelhafte Ähnlichkeit mit Spießrutenlaufen 
hatte, ging es fort, bis einer von den Mannschaften, 
offenbar ein rheinischer Junge, laut schrie: 
„Kiek ens, der Jaul nimmt die Parade ab. 
Hurrah!" worauf eine Kompagnie der andern das 
„Hurrah" weitergab. Wotan reagierte auf diese un 
gewohnte Ovation, indem er von neuem durchging 
und in wilden Sprüngen auf dem Wiesengeländo 
umherjagte. Hans, mehr tot als lebendig, schwankte 
bedenklich im Sattel; ihm war, als habe Wotan sich 
in Grane, das Brunhildenroß, verwandelt, das ihn, 
freilich nicht im Schoße einer Walküre, „von Amts 
wegen" nach Walhall brachte. Die Walküre selbst 
saß wohl derweil mit betrübtem Gesichtchen an 
einem Fenster und wartete und wartete... 
Der ergrimmte Major, der ob der unerhörten 
Dreistigkeit der Leute die wegen ihrer Maßlosigkeit 
ziemlich wirkungslose Drohung ausgestoßen hatte, 
daß er das ganze Bataillon drei Tage einsperren 
werde, konnte sich schließlich beim Anblick des wenig 
harmonischen Einvernehmens zwischen Roß und 
Reiter der allgemeinen Heiterkeit nicht verschließen 
und lachte wie alle andern. Dann rief er: „Wir 
wollen uns des Viehes erbarmen, vier Mann zum 
Einfängen des Gaules ausschwärmen!" 
So gab es zum allgemeinen Ergötzen noch eine 
fröhliche Hatz, ein wahres Kesseltreiben, bis ein 
Jäger endlich den sich aufbäumenden Wotan anhielt 
und „verhaftete", während anderthalb Zentner
	        

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