Full text: Hessenland (38.1926)

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hier' eine Fülle authentischen Materials für das 
innere und äußere Leben jener Zeit. In die Kasseler 
Zeit- fallt dann sein grundlegendes Werk, die „Ge 
schichte der deutschen Kultur", eine bis heute noch nicht 
überbotene Geschichte deutschen Wesens. Hier gibt er 
eine systematische, organisch zusammenhängende Ge 
samtdarstellung der Entwicklung der deutschen Kultur 
und arbeitet neben klarer Aufdeckung der Gesamt- 
strömungeu die Wechselbeziehungen zwischen den ver 
schiedenen Zweigen der Entwicklung scharf heraus. 
Hier war zum ersten Male Ernst gemacht mit dem 
Begriff einer wissenschaftlichen Kulturgeschichte, wurde 
der Kern in den großen Zusammenhängen gesucht. 
Aus der Zahl seiner übrigen Werke seien noch 
„Häusliches und gesellschaftliches Leben im 19. Jahr 
hundert", „Die germanische Kultur in der Urzeit", 
„Die Kulturgeschichte der Deutschen im Mittel 
alter" upd „Die Kulturgeschichte der Deutschen in 
der Neuzeit" genannt. 
Nicht minder beachtenswert sind alle jene Aufsätze, 
in denen er mit scharfem Blick und gewappnet mit 
dem Rüstzeug seiner historischen Kenntnisse zu bren 
nenden Zeitfragen Stellung nahm und noch heute 
nimmt. Mochte er nun, vier Jahre vor dem Welt 
krieg, die Gründe für die Unbeliebtheit der Deutschen 
im Ausland nachweisen, in rücksichtsloser sachlicher 
Kritik, frei von moralisierenden Betrachtungen, die 
„Grundfehler des Krieges" aufdecken, die „Schuld 
der Heimat" untersuchen oder über unsere „gesell 
schaftliche Kultur", die „Verwirrung der Geister", 
die „Charakterlosigkeit als Ursache deutschen Ver 
falls", die „Entwertung aller Werte", die „Unter 
gangsstimmung der Gegenwart" oder über die „Tra 
gik der höheren Menschen" schreiben. 
Schon die Titel dieser viel beachteten Beiträge 
zur Geistesgeschichte der letzten Jahrzehnte, die wir 
hoffentlich bald einmal vereinigt sehen werden, lassen 
erkennen, daß Steinhaufen im allgemeinen den Zeit- 
erscheinungen recht pessimistisch gegenübersteht. Er, 
der schon Jahre vor dem Weltkrieg warnend auf den 
Niedergang hingewiesen hatte, hat dieses sein herbes 
Urteil über die zunehmende Veräußerlichung der 
Kultur im kaiserlichen Deutschland, das er unter 
dem Eindruck des beim Kriegsausbruch vorüber 
gehend zutage tretenden idealeren Aufschwungs mil 
dern zu müssen geglaubt hatte, wieder schroff auf 
genommen. So kann für ihn zurzeit von einer gesell 
schaftlichen Kultur keine Rede sein, wenn er auch 
nicht verkennt, daß sich wenigstens unter der Jugend 
schon vor dem Krieg unter Ablehnung des geschmack 
losen gesellschaftlichen Treibens ein Drängen nach 
neuen Formen der Geselligkeit entwickelt hatte. Als 
eine der Hauptursachen des deutschen Verfalls er 
scheint ihm die Charakterlosigkeit, vor allem hin 
sichtlich der moralischen und politischen Vertretung 
des eigenen Selbst. Dazu kommt die Entwertung 
aller Werte, sowohl der moralischen als solcher auf 
dem Gebiet des Geschmacks. Aber gegenüber der 
Untergangsstimmung der Gegenwart weist er doch 
einen möglichen Aufstieg nicht von der Hand, wenn 
anders das deutsche Volk unter Überwindung der un 
seligen Zersplitterung und des öden Parteiwesens 
sich davon überzeugt, daß es wirklich am Rande des 
Untergangs steht. 
Bemerkenswert ist die Stellung, die Steinhausen 
gegenüber der Losung der Gegenwart „der Mensch 
ist gut" einnimmt. Auch das Gegenteil könne mit 
Gründen gestützt werden. Eine maßgebliche Schicht 
haben die Guten zu keiner Zeit gebildet, wenn es 
auch — wie kurz vor dem letzten Krieg — Zeiten 
gab, die einen allgemeinen Willen zum Guten er 
kennen ließen. Und doch war der eigentliche Nähr 
boden des Weltkrieges der Materialismus der Zeit. 
In solchen Zeiten erleben die Guten, die ethisch, 
d. h. unegoistisch Gerichteten, die, ihrem innersten 
Wesen folgend, sich selbstlos Opfernden die Tragik, 
von der Mehrheit bekämpft und ausgenutzt zu wer 
den. Schon Schillet hatte den unerfüllbaren Wunsch 
ausgesprochen, daß „immer die Guten auch groß, 
immer die Großen auch gut" seien. Und so wäre 
es erstrebenswert, daß nicht nur die starken In 
telligenzen und rücksichtstosen Willens menschen, son 
dern gerade auch die Guten Führer des Volkes 
würden. Eine solche Tragik hastet überhaupt allen 
höheren Menschen an, die ebenso wie die mittel 
mäßigen Herdenmenschen in allen Schichten vor 
kommen. Keineswegs gehören alle geschichtlich ab 
gestempelten „großen Menschen" auch zu den „höhe 
ren Menschen", jener, wie gesagt, in allen Stünden 
vertretenen Aristokratie des Geistes und der Ge 
sinnung. So fällt nur ein Teil der Künstler und 
Dichter, der Philosophen und Gelehrten unter diesen 
Begriff. Diesen höheren individuellen Ausnahme 
menschen steht die mittelmäßige Menschheit blind, ja 
feindlich gegenüber. In dieser Verkennung, diesem 
so entstehenden Konflikt mit der Mittelmäßigkeit 
liegt eine hohe Tragik. Aus solcher Kluft ergibt sich 
die Einsamkeit- das geistige Alleinstehen, das Schopen 
hauer als Vorzug der Großen pries. Erhöht wird 
diese Tragik oft noch durch das Schicksal, das vielen 
höheren Menschen nicht den Boden gibt, auf dem sie 
gedeihen können, und so gelangen sie aus dieser 
Nichterfüllung ihres Wesens heraus dann oft zu 
einer Weltüberwindungsweise, die Steinhaufen die 
Philosophie des Abstands nennt, wie sie sich etwa 
bei den großm philosophischen Denkern und den 
Weisen im Sinne Buddhas ausprägt. Bei solcher 
Weltüberlegenheit schwindet auch ein wesentlicher 
Teil der Bitterkeit des tragischen Loses, das den: 
höheren Menschen beschieden ist. 
Eingehend hat sich Steinhaufen in jüngster Zeit 
noch einmal über den unindividualistischen Geist des 
letzten Menschenalters ausgesprochen. Auch Ottmar 
Spann hatte ja die jetzige große Zeitwende als eine 
auf das Absterben des Individualismus hinzielende 
Gegenrenaissance bezeichnet. Steinhaufen weist nun 
(Archiv für Kulturgeschichte XVI. 2.) nach, welche 
Bindungen in den letzten Jahrzehnten das indivi 
duelle Denken unterdrückten und das Schöpferische, 
in dem er das wesentliche Moment des Individualis 
mus sieht, mehr und mehr schwinden ließen. Schon 
vor 80 und 40 Jahren hatten Burckhardt und La-
	        

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