Full text: Hessenland (37.1925)

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sein, damals allerdings ungewisses Schicksal 
gemacht habe; wodurch er in Trübsinn ver 
fallen sey. 
Bey seiner Zurückkunft aus Frankreich ver- 
iveilte Bechstüdt zuerst in Zwehren. Einer 
seiner hiesigen Verwandten, dem er von seiner 
Ankunft Nachricht gegeben, fand ihn dort in 
einem fieberhaften Zustande, und nur mit 
Mühe konnte derselbe ihn zur Rückkehr nach 
Cassel bewegen, indem Bechftädt mit Bezie 
hung auf einen angeblich erhaltenen Brief be 
hauptete, daß er Sr. Königlichen Hoheit dem 
höchstseligen Kurfürsten als Spion geschildert 
worden sey, weshalb er alsbald arretiert wer 
den würde. Diese Gemüthskrankheit hat hier 
nächst in Cassel noch mehrere Wochen lang 
bey ihm fortgedauert, bis er zuletzt auch körper 
lich krank geworden. 
Nach erfolgter Genesung wurde Bechftädt 
von Sr. Königlichen Hoheit dem höchstseligen 
Kurfürsten wieder in Dienste genommen; je 
doch weil er feine Rückkehr aus Frankreich zu 
sehr verspätet hatte, nur als jüngster La 
kai, mit einem geringeren Gehalt, als die 
übrigen Lakaien erhielten, angestellt. In dieser 
Zeit war Bechftädt meistens tiefsinnig und in 
sich gekehrt, und ob er gleich nachher den 
übrigen Lakaien im Gehalte gleichgestellt wurde, 
so wurde doch sein Tiefsinn von Zeit zu Zeit 
immer wieder bemerkbar. So bildete er sich 
eines Tages ein: daß Se. Königliche Hoheit, 
der höchstselige Kurfürst ihm noch an diesen: 
Tage, oder doch am nächstfolgenden, den Ab 
schied geben werde, und ob er gleich an eben 
diesem Tage zur persönlichen Bedienung Sr. 
Königlichen Hoheit bestellt und zu einer be 
stimmten Stunde, um Allerhöchstdemselben die 
Haare aufzuwickeln, erscheinen sollte, so lief er 
doch von Wilhelmshöhe, wo sich damals der 
Hof befand, hinweg und konnte nur durch 
dringende Vorstellung feiner Ehefrau und an 
derer Personen zur Rückkehr bewogen werden. 
Dieser Vorgang soll sich, nach Angabe eines 
anderen Zeugen, sogar mehrmals ereignet 
haben. 
Einen ähnlichen Anfall von Trübsinn hatte 
Bechftädt vor 4 oder 5 Jahren, als er Se. 
Königliche Hoheit, den höchstseligen Kurfürsten, 
nach Nenndorf begleiten müssen. Anfänglich 
war er dort ganz munter; dann aber wurde 
er verschlossen und traurig, und man bemerkte 
öfters, daß er weine. In dieser Epoche ver 
ließ er das Palais, wenn er des Dienstes 
wegen zugegen seyn mußte und versäumte so 
gar auch einmal die Aufwartung an der Tafel. 
In dieser Gemüthstimmung begab er sich ¿u 
dem, damals in Nendorf ebenfalls anwesenden 
Leibchirurgus Mann, und empfahl diesem seine 
Frau und Kinder in einer solchen Art, daß 
dieser nicht anders schließen konnte, als daß 
Bechftädt Willens sey, sich selbst um das Leben 
zu bringen, oder doch in die weite Welt zu 
gehen. 
In ähnlicher Weise ersuchte er, am Tage 
vor der Zurückreise Sr. Königlichen Hoheit, 
des höchstseligen Kurfürsten, pon Nendorf nach 
Cassel, den Aide-Koch Bode: daß er ihm doch 
seinen Mantelsack abnehmen und diesen seiner 
Frau zustellen möge; worauf ihn dieser, gleich 
dem Leibchirurgus Mann zu trösten und auf 
andere Gedanken zu bringen gesucht hat. 
Von neueren Vorfällen ähnlicher Art er 
hellet zwar Nichts; allein einer der abgehörten 
Hofbedienten, der sonst mit Bechftädt in nähe 
ren Verhältnissen gestanden, gibt an: daß der 
selbe, auch in der letzten Zeit, da er bey Sr. 
Königlichen Hoheit dem höchstseligen Kurfürsten 
gedient, ein sehr zurückhaltendes Wesen ge 
zeigt und daß es geschienen habe, als ob Bech- 
städt das Zutrauen zu den Menschen verlohren 
gehabt, welche Gemüthsstimmung sich jedoch 
seit dessen Anstellung im Dienste Sr. Hoheit 
des Kurprinzen wieder geändert habe. 
Es kann demnach nicht wohl bezweifelt 
werden, daß Bechftädt seit längeren Jahren 
an einer Seelenkrankheit gelitten habe. Hätte 
er auch, wie wenigstens von einem Zeugen in 
Beziehung auf den Vorgang in Nendorf an 
gegeben wird, bisweilen Unannehmlichkeiten in 
seinem Dienste gehabt, so läßt sich doch sein 
ganzes Benehmen daraus allein weder recht 
fertigen noch zureichend erklären. 
Die Schwächen und Krankheiten der Ver 
standeskräfte sind indeß sehr verschieden, und 
noch zur Zeit hat es menschlicher Forschung 
nicht geglückt, die Tiefen dieser Wissenschaft 
zu ergründen. 
Daß der Verstorbene an Melancholie oder 
Hypochondrie gelitten, solches ergibt sich deut 
lich aus demjenigen, was soeben aus seinem 
früheren Leben angeführt worden. Sein Um 
gang mit Menschen beschränkte sich auf den 
engen Kreis feiner Familie, und es erhellet 
nicht, daß er für irgend eine andere Freude 
des Lebens Neigung oder Leidenschaft gehabt 
habe. Verschlossen gegen alle Menschen, machte 
er nicht einmal seine Ehefrau zur Vertrauten 
der Unfälle, die ihm begegnet waren. Ob aber 
die Gemütskrankheit des Verstorbenen aus 
physischen oder aus psychologischen Ursachen,
	        

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