Full text: Hessenland (37.1925)

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welche zum Landgräflichen Hause gehören, ge 
sehen hat, muß man gestehen, daß Cassel einer 
von den merkwürdigsten Plätzen in Deutsch 
land ist. Die Stadt, welche sich in die fran 
zösische Neustadt, Alt Cassel und Neu Cassel 
abtheilet, pranget besonders wegen der fran 
zösischen Neustadt, so aus den schönsten Ge 
bäuden bestehet und vor welcher vordem eine 
Esplanade von Hohen und im Schwibbogen 
gezogenen Kastanienbäumen gewesen ist, die 
aber in neulichem Kriege von den Franzosen 
ausgehauen ist und itzt also nur aus einer jun 
gen Pflanzschule von Lindenbäumen bestehet. 
Das erste, was ich hier von Merkwürdigkeiten 
sahe, war die unvergleichliche Gemählde- 
sammlung des Landgrafen. Der vorige 
Herr hat ein absonderliches Gebäude hiezu er 
richten lassen, und jedes Zimmer pranget mit 
schönen Stücken mehrentheils von italienischen 
Meistern verfertiget. Was den langen Saal 
oder die Gallerie anlangt, so kan ich sie wegen 
ihrer Länge und Breite mit der preussischen 
Gallerie zu Lanssouci vergleichen. Ich ver 
gesse zeitlebens nicht das Gemählde, welches 
die 2 lachende Schönheiten vorstellet. Vou 
hier gieng ich nach dem Au-Garten, welcher 
an Reize und Anmuth kaum seinesgleichen ln 
der Welt haben mag. Die Bekanntschaft, welche 
ich hier mit einem von denen hier etablirten 
französischen Réfugiés machte, verschaffte mir 
vielen Vortheil. Ausserdem war ich hier an 
des Herrn Oberstallmeisters und Kammerherrn 
von Wiedorf Excellenz recomandiret, allein 
dieser Herr war eben mit dem Fürsten nach 
Spaa gereiset. Den prächtigen Orangengarten 
kan ich mit dem zu Versailles vergleichen. Hie 
bey flösset das Orange n h a u ß. Man stelle 
sich ein Gebäude vor, welches aus 4 Pavillons 
bestehet, so aber au rez de chaussée nur einen 
langen Saal ausmachet. Es ist dieses zu 
Winterszeit das Landgräfliche Lusthauß, und 
verdienet auch mit Recht diesen Namen, indem 
der ganze Saal, welcher vermittelst 12 Ofen 
allezeit warm gehalten wird, mit Orangen 
bäumen besetzt ist. Die Wände formiren nichts 
als Alkofen, die bald eine Grotte, bald eine 
Cascade, bald ein Blumenfeld, bald einen 
Schenktisch und mehrere Stücke presentiren. 
Das Bad, welches gänzlich aus weissem 
Marmor bestehet, ist ein Saal, wo der be 
rühmte Italiener Monnot von den Jahren 
1717 bis 1724 durch die prächtigsten basrelief 
mit Vorstellungen aus der Mythologie sich 
verewiget hat. Die Kunftkammer ist reich 
an Edelgesteinen und alten Münzen. Der 
M a r st a l l sowohl des Landgrafen als der 
Cardes de Corps enthält die ausgesuchteste 
und schönste mehrentheils Hollsteinsche Pferde. 
Des andern Tages [8. Julis fuhr ich nach 
dem eine Stunde von Caßel gelegenen Schloß 
Weissenste in, welches des Königs in 
Schweden Eriedrichs Herr Vater, Landgraf 
Carl hat errichten lassen. Bevor man an dem 
Berg der Cascade kommt, glaubt man ein 
kleines Gebäude zu sehen, allein je mehr man 
sich demselben nähert, desto prächtiger wird es. 
Was das Schloß selbst anlangt, so siehet man 
ein weitläuftiges und altes Gebäude, welches 
der izige Landgraf aufs andere Jahr gänzlich 
will niederreisfen lassen. Mit der Einrichtung 
des Gartens hat er schon den Anfang gemacht, 
der so groß werden wird, daß er mit oer 
Cascade des Carlsberges eine Gemeinschaft 
haben wird. Das Werk selbst, der sogenannte 
Carlsberg oder Winterkasten zeiget 
den grösten und verwegensten Baumeister seiner 
Zeit. Der damalige Landgraf hat Felsen eine 
Viertelstunde weit durchhauen lassen und von 
einer daselbst befindlichen Quelle das Wasser 
nach diesem Berg leiten lassen. Auf dessen 
Gipfel wurde nun von einem Italiener Floren- 
tino ein Gebäude von unbehauenen Schaum 
burger Steinen errichtet, welches nebst den 
6a8caden über 50 Millionen Thaler gekostet. 
Achthundert und zwey und vierzig Stuffen 
muß man besteigen, bevor man vom Ende der 
Cascade bis an das Gebäude selbst kommt. 
Der Landgraf Carl hat dieses Werk angefan 
gen, und der izige Herl will es zu Stande brin 
gen, nach dem damahls gegebenen Modell, so 
daß, wenn es fertig ist, es 30000 Fuß in der 
Länge betragen wird. Ganz Europa wird nicht 
was Kostbareres aufweisen können. 
Ausser Weissenftein sahe ich noch desselbigen 
Tages das 2 Stunden von Cassel gelegene 
Lustschloß Wilhelmsthal, welches vordem 
^rnalienthal genannt wurde. Der letztverstorbene 
Herr hat dieses prächtige Gebäude errichten las 
sen, und der izige macht es zu einem der an 
sehnlichsten fürstlichen Lustschlösser. Der Pallast 
hat ausser der Haupt-Eayade 2 Pavillons. In 
den Gemächern herrschet ein nobler und durch 
Abwechselungen vermischter Geschmack, sowohl 
in der Bauart selbst, als vornehmlich in der 
Ausmeublirung der Zimmer. Aus vielen schö 
nen Stücken muß ich besonders die Gemächer 
mit den Gemählden der fürstl. Prinzessinnen 
ausmenbliret anführen. Der Garten ist das 
reizendste bey diesem Schlosse. Eine Grotte, 
welche reiche Cascaden hat, ist hinter einem
	        

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