Full text: Hessenland (37.1925)

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Hessisches aus alten Reisebeschreibungen. Von Dr. Carl KneM 
(S ch l u ß.) 
Ein anderer Tanziger, Carl B e n tz m a n n 
(1- am 12. Mai 1792 als Gerichtsverwandter 
oder Schöffe der Rechten Stadt Danzig) durch 
wanderte in den Jahren 1755—57 Deutsch 
land, die Niederlande, Frankreich, kam dann 
über Straßburg nach Mainz, Frankfurt, Kassel 
und reiste von da über Leipzig nach Berlin. 
Einen Abschnitt aus seinem Reisejournal lasse 
ich hier folgen^: 
„Den 29. (Juni 1757) um 4 Uhr Morgens 
mieten wir von hier (Göttingen) nach Cassel. 
Route von Goettingen bis Cassel: Von 
Goettingen bis Münden 3 Meilen 
bis Gassei 2 Meilen 
5 Meilen 
.... Ohngeachtet von Goettingen bis Cas 
sel nur 5 Meilen sind, so braucht man doch 
beinahe einen ganzen Tag zu dieser Reise, ein 
mal weil der Weg dahin sehr bergig und von 
den Steinen, die vom Regen mitten im Wege 
geworfen, fast unbrauchbar gemacht worden; 
über dieses muß man lange in Münden auf 
Pferde warten. Münden ist ein kleines 
Städtchen, ist aber, weil es mitten unter den 
Bergen lieget, ziemlich plaisant. In Cassel 
kam ich um 6 Uhr Abends an und logirte zu 
Ltralsund. Den 30. Juni machte ich meine 
Visite bey Herrn Hofrath Arckenholz 10 11 , 
welcher mir (!) im sogenannten Kunst hause 
herumführte; par teure dieses Hauses sind die 
Classen nemlich die anatomische etc. und 
machen ein klein Gymnasium aus. 6 Profes- 
sores sind an diesem Gymnasio und es halten 
sich bis 40 pursche alhir auf, die 2 Jahr in 
diesem Gymnasio frequentiren müssen, ehe sie 
aus Academien geheu können. Die 8culptur 
Kammer ist auch par teure. Hier findet man 
die schönsten das relieks im Stein gehauen, 
so vormals im Schloß zur Lamperie gewesen 
sind. Die hochseligen Landgraf Gaul und dessen 
Gemahlin sind in Marmor im Brustbilde ge 
hauen und so vortreslich gearbeitet, als man 
selten finden wird. Übrigens findet man hie 
viele andere statnen aus Stein. In der ersten 
6tage dieses Hauses ist das Medaillen und das 
Müntz Cadinet, in welchem eine prächtige 
Sammlung von gemmis. Das schönste Stück 
darunter ist ein ganzes Frauengeschmeide von 
10 Im Danziger Stadtarchiv: Handschriften 4 0 LI 13. 
11 Geb. 1695, gest. 14. 7 1777 (Strieder, Hess. Ge 
lehrtengeschichte I, S. 114 ff.). 
geschnittenen gemmis, welches das einzige sein 
soll, so existiret, porro eine große Sammlung 
von alten Münzen, worunter ich auch die 
römischen asser gesehen. Hier siehet man auch 
ein Modell in Silber gearbeitet und mit gol 
den Medaillen, perlen und Adelgestein besetzet, 
von der Ehrenpforte, die man in Stockholm 
der Königin Ulrica Eleonora von Schweden 
bei ihrer Krönung erbauet, welches Model die 
Königin von dem berühmten Künstler Lert- 
mann verfertigen und dem hochseeligen Land 
grafen Carl damit ein present gemachet. Die 
ses ist ein prächtiges Stück. Man findet hir 
auch superde Gemälde, unter welchen eins von 
Mosaischer Arbeit den Heiligen Petrum vor 
stellet, eins stellet den prospect von der 8t. 
Peterskirche vor, welches von Heuman ein 
Cassellaner gernahlet worden; man findet noch 
viele prächtige Gemälde mehr. Bon hier gehet 
man noch eine Treppe höher und kommet in 
die Kunstkammer, in welcher man die schönsten 
8tatuen in Pronzo findet, unter welchen Ari 
stoteles superde gearbeitet. Man zeuget auch 
hir die Form, in welchen die Römer zuerst 
ihre Münzen geschlagen, sie ist von Stein, und 
der Stempel ist einige male im Stein gegraben. 
Auf diesen Schnitt Haben sie das Metal gelegt 
und mit Hammern die Figuren ins Metal ge 
schlagen. In Pronzo zeiget man auch einen 
Priapisrnurn. Von hier geht man in die Thier 
Kammer, wo man alle Gattungen voll aus 
gestopften Thieren siehet, die vormals im hie 
sigen Thirgarten gewesen. Die Insecten sind 
die vortrefflichsten, die ich in dieser Cammer 
gesehen, sie sind durch einen Palsam schon feint 
40 Jahren conservirt worden, und man hat 
sich viele Mühe gegeben, diesen Palsam wieder 
zu erfinden, aber hat es nicht dahin bringen 
können. Man findet auch ein Gemälde, ans 
welchem alle Thiere abgemahlet sind, ivelches 
von Pose gemahlet worden, bereit 3 Brüoer 
gewesen sind, von denen aber der älteste der 
beste gewesen. Von hir gehet man in die Uhr 
kammer, in welcher man viele Arten von 
Uhren siehet. Die rarste ist, welche der Land 
graf Wilhelm der 4te von Jobs Phirgus 12 
hat verfertigen lassen. Diese hält man für die 
einzige in ihrer Art. Sie schlüget alle Stunde 
und 1/4 Stunde, zeiget den Lauf der Sterne, die 
12 Über Jost Bürgt vgl. Gundlach, Casseler Bürger 
buch, 1895, S. 132.
        

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