Full text: Hessenland (37.1925)

hundertjährigen Staat! Es ist die Sterbestunde 
des kurhessischen Staates. Sein Licht ist er 
loschen. Kurhessen hat aufgehört zu bestehen. 
Gar schnell eilt ein kurzes Telegramm — die 
Todesanzeige vom kurhessischen Staate — von 
Berlin hin zum Könige von Preußen. Eine 
Pause ist eingetreten beim fröhlichen Jagen; 
man befindet sich gerade bei dem Frühstück. 
In langen Reihen liegt das erlegte Wild, viele 
stolze Recken des Waldes mit stattlichen Ge 
weihen, getroffen von dem tödlichen Blei. Heiter 
ist die Stimmung; denn hold war Diana den 
Jägern. Man schaudert von diesem, man redet 
von jenem, was'man am Vormittag erlebt hat. 
Da eilt ein Kurier heran und überbringt dem 
König ein Telegramm. Ernst wird sein Blick; 
und ernst klingt seine Stimme, als er zu seiner 
Umgebung sagt: „Das Telegramm, das ich 
eben erhalte, wird Sie interessieren: ,Soeben 
ist Kurhessen annektiert, v. Bismarck?" Dann 
übergibt der König das Telegramm dem einen 
der drei anwesenden Oberförster, Witte von 
Groß-Schönebeck, mit den Worten: „Vielleicht 
Thurnhosbach. 
Tkaturschuh in Städten. 
Der hessische Ornithologe Dr. Otto Schnurre 
trat vor zwei Jahren in einer Tageszeitung 
von Frankfurt am Main für die Erhaltung des 
dortigen Ostparks als Naturfreistätte ein und 
fand mit seinen Vorschlägen bei den städtischen 
Behörden volles Verständnis. Ter durch seine 
mannigfaltigen Landschafts- und Vegetations 
formen sich vor den üblichen städtischen An 
lagen vorteilhaft auszeichnende Ostpark weist 
neben großen Rasenflächen, Baum- und Ge 
büschgruppen auch eine kleine Steppe, sonnige 
Hügel und einen verlandenden Teich mit einer 
unzugänglichen Insel und einem echten Schilf 
sumpf auf. Naturgemäß ist das Tierleben hier 
besonders reich. Vor allem verdient die Vogel 
welt Beachtung, finden wir doch hier neben 
Stockenten, Bläß- und Teichhühnern sowie den 
niedlichen Zwergtauchern drei Rohrsänger- 
Arten: den Teichrohrsänger, die Rohrdrossel 
und den sonst in Hessen seltenen Schilfsänger. 
Tie Umwandlung des Parks in eine Stätte 
des Naturschutzes dachte sich unser Landsmann 
Schnurre nicht etwa in der Weise, daß man 
das ganze Gebiet in ein „Vogelschutzgehölz" 
(nach Berlepschschem Muster) verwandelte, nein, 
alles Vorhandene sollte in geschickter Weise be 
nutzt werden. Die Gartenverwaltung Frank 
hat das Telegramm später einmal Wert für 
Sie. Ich ma'che es Ihnen zum Geschenk." — 
1898 stand ich vor dem kurzgefaßten und 
doch so viel sagenden Telegramm. Meine Haus 
lehrerstelle in der Neumark ging zu Ende. 
Meine Schüler waren für das Gymnasium an 
meldet. Die Heimreise führte mich über Pots 
dam, woselbst ich, der freundlichen Einladung 
von Forstmeister v. d. Witte folgend, einige 
Tage blieb, um die Sehenswürdigkeiten von 
Potsdam und seiner schönen Umgebung zu ge 
nießen. Von allen Sehenswürdigkeiten inter 
essierte mich am meisten das kurze, vielsagende 
Telegramm in seinem schlichten Rahmen über 
dem Sofa. Schweigend stand ich davor. Wie 
sollte ich reden, wo die Weltgeschichte so er 
schütternd, so unbarmherzig redet! Und doch 
ist es der Gang der Weltgeschichte, daß Staaten 
gehen und Staaten kommen. Ja, die Welt 
geschichte ist das Weltgericht. Kurhessen ist 
vergangen; aber Hessenland bleibt; und des 
Hessen Liebe zu seiner Heimat wird nicht ver 
gehen, solange eines Hessen Herz noch schlägt. 
Rausch. 
Bon W. Sunkel. 
furts ist nach Schnurres Anregungen ver 
fahren, wie überhaupt auf dem Gebiete des 
Naturschutzes Frankfurt in vieler Hinsicht als 
vorbildlich gelten muß. Arbeiten von bisher 
rein gärtnerischer Natur werden nunmehr auch 
mit Berücksichtigung ihrer Wirkung auf die 
Tierwelt ausgeführt. Das Schneiden der Ge 
büsche und des Schilfes unterbleibt zur Brut 
zeit. Diese Maßnahme ermöglichte der seltenen 
Zwergrohrdommel in den letzten Jahren meh 
rere erfolgreiche Bruten. Ein Teil der Wiesen 
bleibt ungemäht, damit die Vögel an den hier 
reifenden Grassamen im Winter sich laben 
können. Auch eine sachgemäße Ansiedlung von 
bisher dort nicht ansässigen deutschen Tieren 
empfiehlt der genannte Forscher. Es kommen 
dafür in Betracht: Zauneidechsen, Laubfrosch, 
Kröten, Unken, Nattern, Igel, Wasserspitzmaus, 
Haselmaus, Wiesel, Hermelin u. a. 
Schneller und gründlicher, als wir von an 
deren Behörden es gewohnt sind, hat die 
Gartenverwaltung der alten Kaiserstadt am 
Main die Naturschutzanregungen Schnurres 
aufgegriffen und verwirklicht. Dafür gebührt 
ihr der Dank der Natur- und Heimatfreunde. 
Und auch in diesem Fall sieht man mal wieder, 
daß es letzten Endes auch beim Naturschutz auf
        

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