Full text: Hessenland (37.1925)

51 
Frau, da er Arzt ist, an das Bett unseres kran 
ken Kindes." 
„Gott sei Dank!" sagte der Landrat und 
lachte verlegen, um gleich darauf zu fluchen. 
„Bitten Sie sich eine halbe Stunde von Ihrer 
Frau frei, ich bin Ihnen eine Erklärung schul 
dig", bat er dann. „Ich will sie Ihnen im 
Gemeindehaus geben." 
Der Pfarrer schüttelte nachdenklich den Kops. 
Nun erfuhr er die Entstehungsgeschichte einer 
Lawine, die fast sein Glück verschüttet hätte. 
Unterwegs erzählte der Landrat dem Pfarrer, 
was er von seinem Apfel- und Fischlieferanten 
und der Superintendent voin Schneider-Herr- 
mann erfahren hatte. „Goldrenetten?" Der 
Pfarrer lächelte. „Die sind auf meinem Acker- 
gewachsen — Die Fische? Die sind aus dem 
Pfarrteich — und das andere — die Verleum 
dungen — die sind wie Spinnfäden, die durch 
die Luft fliegen — wirklich sie sind aus der 
Luft gegriffen — man weiß nicht recht, wer 
dafür verantwortlich gemacht werden kann ..." 
„Ja •— ja," sagte der Landrat, „wenn's doch 
mehr Leute in der Welt gäbe, die das Gute 
als Unterlage für Erklärungen unverständ 
licher Dinge benutzen wollten —" 
Der Landrat schickte nach den Schelmen. 
Buckelfack war zuerst zur Stelle. Er rieb sich 
verlegen-höflich die Hände und fragte, ob er 
dem Herrn Landrat mit irgend etwas dienen 
könne. Der Landrat sagte: „Buckelsack, als der 
Regimentsarzt Bunger von seiner Schwester, 
der Frau Pfarrer, auf der Landstraße heute 
nacht Abschied nahm, stahlt Ihr von dem 
Euch anvertrauten Obst das beste. Wollt Ihr 
leugnen?" 
Hessens Schicksalsstunde. 
Ruhig liegt Berlin da; alles geht feinen 
geregelten Gang; alles ist auch in fester Hano. 
Der politische Horizont zeigt keine düsteren, 
drohenden Wolken mehr. Der König von Preu 
ßen hat seine Residenz verlassen und sich nach 
seinem Hofjagdgebiet nach Groß-Schönebeck an 
der Elbe begeben, um nach Weidmannsart auf 
der Jagd Erholung zu finden. Während die 
hohen Herrschaften dem edlen Weidwerk nach 
gehen, sitzt in der Residenz der „Eiserne" und 
hämmert und hämmert mit eisernem Hammer. 
Er hämmert Geschichte, zertrümmert die Reiche, 
zerschlägt die Staaten. Er macht Weltgeschichte. 
Und in Hessens kurfürstlicher Residenz holt eben 
Nein, wie konnte er das denn. 
„Es wäre auch mehr als dummdreist; denn 
so gewiß Ihr saht, daß Bruder und Schwester 
sich küßten, so gewiß kamen Eure Diebereien 
an den Tag!" 
Trubbe und Schneider-Herrmann benahmen 
sich ihrem Temperament entsprechend. Sie 
schoben alles auf Buckelsack, der ihnen Tat 
sachen berichtet haben wollte. Der Feldhüter 
und der Teichwart verloren ihr Amt, und den 
Schneider ereilte die Strafe, die auf das Vogel 
stellen gesetzt ist, und der Landrat erteilte allen 
dreien in seiner Art einen derben Verweis. 
Und welche Strafe erhielten die, die so gern 
das Schlechte für wahr annehmen? Beschä 
mung brennt ähnlich wie Nesseln — 
Ob die drei nie mehr Äpfel und Fische stahlen 
und Leimruten legten? 
Sie sind nicht wieder dabei erwischt worden, 
aber mit des Pfarrers sittlichen Forderungen 
konnten sie sich ebensowenig befreunden, als 
des Landrats Schwester imstande war, die 
Volksseele zu verstehen . . . Wer das will, darf 
die Welt nicht non Hörensagen kennen, sondern 
muß sich ins Handgemenge begeben. Aber das 
mögen nur jene wagen, die die Kunst verstehen, 
ohne sich die Hände zu beschmutzen. 
Und Engelhardt sagte zu seiner Frau: „Sieh 
nur, Jettchen, da hätte ich fast aus Unbesonnen 
heit jemand unrecht getan, und der Distelfink 
war regelmäßig mit Leimruten gefangen! Daß 
die Menschen so oft in der verkehrten Richtung 
mißtrauisch sind!" 
Ja, woher mag das wohl kommen? 
die Glocke aus, hoch vom Turm, und schlägt 11. 
Sie schlägt so laut; und doch so wehmütig klingt 
ihr lauter Klang. Sie läutet Zeitgeschichte. Sie 
redet vom Kommen und Gehen, vom Vergehen 
und Verwehen. Ihr Klang erklingt gar tief in 
manches treuen Hessen Herz. Es ist Hessens 
Schicksalsstunde. Da wird's still sein auf dem 
Friedrichsplatz, trotzdem eine tausendköpfige 
Menge sich versammelt hatte. Behörden, Ab 
ordnungen, Vereine: sie alle haben sich ein 
gefunden. Unter großer Feierlichkeit wird die 
Besitzergreifung àrhessens durch Preußen ver 
kündigt. Es donnern Kanonen; es läuten 
die Glocken — das Sterbegeläut für einen viel-
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.