Full text: Hessenland (37.1925)

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zeigte und herzlich von ihm Abschied nahm!" 
Und als er' seinen weißen Kopf unmutig schüt 
telte, meinte Jettchen: „Sorge dafür, daß die 
Sache nicht zum Schaden des Standes unter 
die Leute kommt. Aus amtsbrüderlicher Freund 
schaft! Und weil du an die Unschuld der Frau 
glaubst!" Jettchen wurde listig. 
In der Küche des Landrats war Trubbe 
seine Ware losgeworden. Des Landrats leut 
selige Schwester war des Lobes voll und fragte 
nach den Zuständen auf dem Lande. Sie hatte 
eine Vorliebe für „völkische" Eigenarten, sie 
liebte die Volksseele, der sie nahezukommen 
trachtete. Das Fräulein kam schnell auf seine 
Kosten, als der Teichwart die Verfehlung seiner 
Pfarrfrau zum besten gab. Kaum eine Viertel 
stunde später mußte der Landrat den Bericht 
seiner Schwester anhören. Er antwortete mit 
einem Donnerwetter. Er hatte kurz vorher 
eine Beschwerde des Buchenwälder Schult 
heißen über das allzu strenge Regiment des 
neuen Pfarrers lesen müssen, der alte, längst 
eingeschlafene Kirchenzucht wieder ausgrub. 
Gemeindeabende wollte er abhalten, für das 
Schulzimmer beanspruchte er einen Ventilator, 
die Säuglinge, die zur Taufe gebracht wurden, 
besah er sich sogar und empfahl neue Wickel 
vorrichtungen! Und alles sollte im Geschwind 
schritt gehen — 
„Frieden und Ruhe will ich in meinem Kreise 
haben!" Der Landrat schlug sogar mit der 
Faust auf die Fensterbank. 
„Und übrigens paßt es mir gar nicht, daß 
du dich in diese Dinge mischest. Die Sache ist 
mir doppelt peinlich, weil mir der Kerl, der 
Pfarrer wollt' ich sagen, so gut gefiel! Und 
die Frau sah bildhübsch aus . . ." 
Fräulein Kathinka lächelte. Das brachte den 
Herrn Landrat erst recht in Rage. Er nahm 
Hut und Stock und eilte zur andern Hälfte des 
Kirchenamtes und traf seinen Freund Engel 
hardt gerade dabei, jede Einmengung in des 
Pfarrers Familienleben abzulehnen. 
Schließlich erbot er sich, um Weiterungen 
vorzubeugen, persönlich noch heute mit dem 
Pfarrer Rücksprache zu nehmen, ehe das Ge 
rücht sich aus diesen drei schmutzigen Kanälen 
weiter ins Leben ergieße. Indessen dies ge 
schah, saß Frau Doraline am Bett ihres kran 
ken Söhnchens und betrachtete ängstlich die 
Kurven der Fiebertabellen. Sie legte kalte 
Umschläge aus die heiße Stirn des Kranken 
und dachte: Es kann nicht sein. — 
Der Pfarrer stand am Fußende des Bett- 
chens und bat: „Überlaß mir nur eine Stunde 
lang das Kind und ruhe aus. Du brichst mir 
noch zusammen, wenn du nicht ausruhst." 
„Nein. — Sieh doch, das Fieber ist gefallen, 
und mir scheint, seine Händchen sind feucht, die 
Besserung setzt ein nein, jetzt kann ich nicht 
weichen!" 
Doraline legte den Kopf auf die Kante des 
Bettgitters, oh nun war die Hoffnung greif 
bar geworden, wie glücklich war sie! 
Draußen fuhr ein Wagen vor. 
Das Mädchen berichtete ängstlich: „Der Herr 
Landrat. . 
Frau Doraline war so hingenommen von 
der guten Wendung im Befinden ihres Soh 
nes, daß sie über die ungewöhnliche Zeit des 
Besuches nicht nachdachte. 
Die Männer standen sich in des Pfarrers 
Studierstnbe gegenüber. Der Pfarrer sah bleich 
und übernächtig aus, der Landrat hatte einen 
roten Kopf. 
„Entschuldigen Sie mich, Herr Landrat, 
wenn ich zerstreut bin und keinen Sinn für 
Gemeindeangelegenheiten habe. Eine rauhe 
Hand griff nach meinem Glück." 
„Deshalb gerade bin ich hier, junger Freund. 
Und nun lassen Sie alle Floskeln beiseite, 
Lieber, reden Sie sich das Herz frei; was von 
meiner Seite geschehen kann, soll geschehen!" 
„Tausend Dank — wir sind aber, glaub' ich, 
über den Berg — wenn die Temperatur nicht 
wieder steigt. . ." 
„Mann Gottes, drücken Sie sich doch nicht 
so — geschraubt aus — von wem reden Sie 
denn? Ist Ihre Frau krank geworden?" 
„Beinahe — aber seit der Junge — ge 
statten Sie, Herr Landrat, Sie sprechen doch 
von der Krankheit unseres Kindes?" 
„So — meinen Sie? Nein, ich sprach von 
Ihrer Frau Gemahlin." 
Der Pfarrer sah seinen Landrat fassungslos 
an und sagte höflich: „Meiner Frau, Herr 
Landrat, geht es, wie es eben einer Mutter 
geht, die, müde von Sorgen und Nachtwachen, 
sich endlich einer Hoffnung auf Besserung 
gegenübersteht." 
Der Landrat rief fassungslos: „Entweder 
bin ich ein Narr — oder —. Bitte, sagen Sie 
mir doch nur eins. Ein Mann, der Ihr 
Freund ist, fragt ohne jeden Vor- und Nach 
gedanken: Wo war Ihre Frau heute nacht 
gegen drei Uhr morgen?" 
„Sie brachte ihren Bruder auf den Weg zur 
Station, er hat ein Kommando in L. und eilte, 
auf die Bitte meiner ganz mutlos gewordenen
	        

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