Full text: Hessenland (37.1925)

geschriebenen zusammenfassenden Würdigung seines Schaf 
fens von diesem Schaffen eine Fülle der besten Gaben 
vereinigt, die uns noch einmal den ganzen Künstler 
lebendig werden lassen. Auch das farbige Titelbild, ein 
wetterfester Schwälmer Bauer im Feststaat, ist ein echter 
Thielmann. So wird auch dieser Jahrgang der Hessen 
kunst (Preis 2,50 M) 'das Verständnis für Thielmanns 
Schaffen in immer weitere Kreise tragen. Otto Groß 
mann widmet „Unserer lieben Frauen vom Kloster 
Altenberg" bei Wetzlar, dem 1916 leider nach München 
verkauften Mittelstück eines großen Altarschreins, als der 
herrlichsten Madonna der deutschen Frühgotik, der „Gia- 
conda oes Lahntals", einen begeisterten Aufsatz. Al 
brecht Kippenberger behandelt die Tierdarstel- 
lungen in dem Werk des Frankenberger Schnitzers und 
Bildhauers Philipp Soldan und weist in dessen Ver 
stehen der Tierseele über das Naturalistische hinaus auf 
ähnliche Schöpfungen der deutschen Renaissance hin. 
Carl K n e t s ch bringt im Anschluß an seinen frühe 
ren Aufsatz (Hessen-Kunst 1922) viel Neues über Hemz 
von Lüder und löst dabei auch die Frage seiner Herkunft. 
Rudolf 5p a l l o endlich behandelt in eingehender 
Untersuchung das Philippsepitaph der Kasseler Martrns- 
kirche, die Reliefs aus dem Alabastergemach des Land 
grafenschlosses und weist deren Schöpfern Godefroy uno 
Beaumont noch weitere, jetzt im Landesmuseum befind 
liche Stücke zu. — Von A. Holtmeyers vortreff 
licher Sammlung „Alt-Hessen" liegt jetzt das lang 
erwartete 4. Heft vor: Hugo Brunner 1', Schloß 
Wilhelmstal. Mit 64 Tafeln und 2 Lage 
plänen. (1925. XXX. Seiten und 64 Tafeln. 4,50 M.) 
In vorzüglichen Aufnahmen, meist der Staatl. Meßbild 
anstalt und des Marburger Kunstgeschichtlichen Semi 
nars, werden uns hier Park und Schloß Wilhelmsthal, 
vor allem auch die Jnnenräume, die Decken- und Wand 
verzierungen und das kostbare Inventar vorgeführt, 
kurz alles, tvas in jener unvergleichlichen Schöpfung des 
hessischen Rokoko immer wieder unsere Bewunderung 
weckt. Vorausgeschickt ist Brunners, auf sorgfältigstem 
Quellenstudium fußende Baugeschichte des Schlosses. 
Dankbar hätte man auch eine kunstgeschichtliche Wür 
digung all dieser Rokokopracht empfunden, die uns viel 
leicht der Herausgeber bei einer Neuauflage beschert. 
Hoffentlich kehrt man in einer solchen auch tvieder zu 
der bewährten Regel zurück, die Schreibung alter Orts 
namen nicht der jeweils neuesten Orthographie zu unter 
werfen. Dieses so hohen Genuß vermittelnde Werk wird 
kein Hesse in seiner Bibliothek missen wollen. — Die 
Monographie W e tuet M eyer-Barkhausens 
über die „ E l i s a b e t h k i r ch e in Marburg" 
<1925. 68 Seiten und 82 Abbildungen. 5 M) muß als 
eine der wichtigsten Erscheinungen der hessischen Kunst 
geschichte gewertet tverden. Ist sie doch tveit mehr als ein 
bloßer Führer. Wenn der Verfasser auch auf die engen Be 
ziehungen dieses herrlichen Baues zu den spätromanischen 
Baubestrebungen Kölns hinweist, so ist es ihm weniger 
um die eigentliche Baugeschichte zu tun. Er sucht vor 
allem an der Hand ausgezeichneten Bildmaterials Sinn 
und Wert dieser eigenartigen Architekturschöpfungen zu er 
fassen, in ihr den Geist einer überragenden Künstler 
persönlichkeit aufzuzeigen und so dieses edle Bauwerk dem 
künstlerischen Erleben der Gegenwart zu erschließen. — 
Einen willkommenen Beitrag zur hessischen Literatur 
geschichte bringt Hermann Froebs fleißige und 
warmherzige Untersuchung über Ern st Kochs „P r i n z 
Rosa-Stramin" (1925. 77 Seiten. 3 M). Dem 
Verfasser ist es gelungen, die Genesis dieses Lieblings 
werkes der Hessen fast restlos nachzuweisen; er zeigt, 
ivelche Stücke ans dem Gedankenaustausch mit seiner 
Braut hervorgingen, ivelche schon früher als ursprünglich 
selbständig gedachte Skizzen und Gedichte vorhanden und 
in Kasseler Zeitschriften gedruckt tvaren, und hebt schließ 
lich die übrigen, auf Erlebnissen beruhenden, wohl erst bei 
Abfassung des Werkes entstandenen Teile heraus. Den 
größten Umfang bildet dann eine feinsinnige ästhetische 
Würdigung des Werkes, die uns bei aller Abhängigkeit 
von Heine und Jean Paul doch einen Dichter von 
eigener Auffassung der Dinge zeigt, der, aus dem Boden 
der Heimat gehoben, diese Leistung leider nie wieder er 
reicht hat. EL 
Der Heimats ch o llenverlag, Melsungen, 
trügt den Sinn für hessische Eigenart nicht nur durch 
seine Zeitschrift in weite Kreise, sondern hat auch durch 
seine Verlagswerke bereits einer ganzen Anzahl begabter 
hessischer Dichter den Weg in die Öffentlichkeit gebahnt. 
Die Ungunst der Zeiten hat ihn nicht abgehalten, auch 
in diesem Jahr eine große Reihe beachtenswerter Neu 
erscheinungen herauszubringen. Heinrich R u p p e l, 
dessen „Helle Herzkammern", tvie vorauszu 
sehen war, bereits eine Neuauflage erfuhren und zwar 
in einer besonders gut ausgestatteten Ausgabe, bietet uns 
als Weihnachtsgabe sein Balladenbuch „Der dunkle 
W e g" (1925. 131 Seiten. Ganzleinen 5 M), dessen 
Titel schon den Akkord angibt, auf oen bas ganze Buch 
gestimmt ist. Ten dunklen, schweren Weg des Todes, 
der vor uns allen liegt, gehen auch die Träger dieser 
wuchtigen Balladen, über deren Tod besonders schicksal 
hafte Schwere liegt. Ter Bauer, der durch des Bruders 
Hand dahinsinkt, der in den Fluten versinkende Hoch 
zeitszug, der Förster als Opfer des Wilderers, der Sohn, 
dessen Mutter nutzlos ihre Ehre für ihn opfert, der in 
den Tod Gehetzte, dem sich vergebend die Arme des 
Gottessohnes öffnen, der Pfarrer, der mit seinem- Leben 
das eines Kindes rettet — sie alle sind mit sicherer Hand 
aus dem Leben gegriffen uno meisterhaft in die geheim 
nisvolle Beleuchtung der Ballade gestellt. Das atem 
beklemmende Motiv des Todestanzes, das gruselige Um 
gehen des gritzgrauen Männleins im Kirchturm, das er 
schütternde Ende des sterbend ans Tageslicht gebrachten 
Grubenpferdes — alles weiß Ruppel mit allen Mitteln 
der Balladentechnik zu Meisterstücken zu gestalten. Tie 
letzte Ballade „Der Tod und der Künstler" ist dem Ge 
dächtnis Wilhelm Thielmanns gewidmet. Besondere Sorg 
falt wurde auf die Ausstattung des Bandes verwandt, 
der zweifarbig auf schweres Papier gedruckt und dessen 
Umschlag von Professor Niemann gezeichnet wurde. — 
Neben Ruppel tritt Otto B l ü s e, den in unsere 
Literatur eingeführt zu haben dem Verlag hoch an 
gerechnet sein soll. Seine Gedichte „Wandlungen 
der Seele" (1925. 79 Seiten. Ganzleinen 3 M) 
sind von einem Rhythmus der Sprache getragen, dem 
der Leser sofort erliegt. Wie ein Hauch gleiten diese 
zarten lyrischen Gebilde von feinster Gestaltungskraft an 
uns vorüber. Wie frisch Blüse oft behandelte Sagenstoffe 
anfaßt, zeigt er im „Liebenbach" und „Bilsteiner". Diese 
vier Dutzend Gedichte geben den starken Eindruck einer 
Dichterpersönlichkeit, deren weiterem Schaffen wir mit 
großen Erwartungen entgegensehen. — Als einmaligen 
Druck in 120 Exemplaren brachte Will Scheller 
seine trotz verblüffender Einfachheit in feinster Ziselier 
arbeit geprägten Verse „Das kleine Jahr" (16 
Seiten. 2 M) heraus, kleine, den jeweiligen Monat 
charakterisierende Stimmungsbildchen von seltener Präg 
nanz. — „Aus Tag und T r a u m " . (77 Seiten, 
gev. 1,60 M) nennt Adolf Häger, dessen „Rose 
Berndt" uns noch in guter Erinnerung ist, seine Ge 
dichte, in denen- uns ein zwar noch Werdender, aber ehr-
	        

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