Full text: Hessenland (37.1925)

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der erloschenen Ritter von Karpfen durch Hei 
rat an sich gebracht; so konnten sie dessen ent- 
raten, was der Obervogt erworben; ohnehin 
mußte ja die Herrschaft Neidlingen mit seinem 
Tode an das Haus Württemberg heimfallen. 
Nachdem der Held sein Haus bestellt und noch 
am 28. Januar 1667 eine Stiftung von 15000 
Gulden für Studierende, für Hausarme, für 
Kirchen und Schulen und deren Diener gemacht 
hatte, entschlief er gottselig im siebenzigsten 
Jahre seines Lebens am 13. Juni 1667 und 
ward in der St. Martinskirche zu Kirchheim 
beigesetzt. Dort ruht er an der Seite seiner- 
treuen Lebensgefährtin, die mit ihm die Mühen 
und Gefahren, aber auch die Ehren und Er 
folge seines Lebens durchgekostet hatte. Ein 
schmuckloses Denkmal, dem schlichten Sinne 
des Helden entsprechend, das erst im Jahre 
1833 durch ein knnst- und prunkvolleres er 
setzt ist, verriet, wer hier einer fröhlichen Ur 
ständ entgegenschlummere; einfach und schlicht 
melden die Worte: 
„Der Kommandant von Hohentwiel, 
„Fest wie sein Fels, der niemals siel, 
„Des Fürsten Schild, des Feindes Tort, 
„Der Künste Freund, des Armen Hort, 
„Ein Bürger, Held und Christ wie Gold, 
„So schläft hier Conrad Widerholt." 
„Sanft ruht auch seines Hausis Zier, 
„Frau Anna Armgard Burkhartsch hier, 
„Von Delmenhorst war ihr Geschlecht, 
„Im Glauben rein, von Tugend ächt." 
„Gott über Dir, Du edles Paar, 
„Im Segen bleibt ihr immerdar." 
Dem Bilde des trefflichen Kriegsmannes 
Widerholt möchte ich noch einige Züge hinzu 
fügen, die geeignet sind, uns den Menschen 
näher zu bringen. Was wir an dem Kriegs 
helden bewundern mußten, ist die unerschütter 
liche Treue des Kommandanten von Hohen 
twiel, der die glänzendsten Anerbietungen des 
mächtigsten Gegners, selbst die Erhebung in 
den Reichsgrafenstand, ausschlng, um seinem 
Herzoge, dem er Treue gelobt, zu dienen, 
wenngleich diesem diesseits des Rheins nichts 
weiter gehörte, als eben der Felsen, dessen 
Bewachung er ihm anvertraut hatte. Schauen 
wir uns um uilter den Kriegshelden des daran 
wahrlich nicht armen 30jährigen Krieges, von 
jenem Wallenstein, dem Herzog von Friedland, 
an, dessen Charakterbild in der Geschichte bis 
ans den heutigen Tag schwankt, die lange Reihe 
hindurch bis herunter zu den zahlreichen Aben 
teurern aus deutscheil und fremden Landen, 
die die Wogen des Krieges hierhin und dorthin 
warfen; hat die meisten nicht der Durst nach 
Gold und der Hunger nach äußeren Ehren 
völlig beherrscht, nicht wenige unter ihnen 
selbst zu offenbarem Verrat getrieben? Wem 
fällt da nicht jener Peter Melander ein, der 
als hessischer General sich Ruhm erwarb, später 
in kaiserliche Dienste übertrat und als Feld 
marschall und Graf Holzapfel zu hohen Ehren 
und großem Gut gelangte? Wie hoch über 
ihm und seinesgleichen steht die schlichte Ge 
stalt Konrad Widerholts! — Nicht minder- 
wohltuend berührt die Menschlichkeit, die der 
rauhe Kriegsmann in den Wettern des Krieges 
übte. Wir haben gesehen, wie schonungslos der 
Krieg gerade die herrlichen Fluren des Hegaus 
durchtobtc, wie der Oberst Widerholt, sobald 
ihn nicht ein feindlicher Heerhaufe eingeschlos 
sen hielt, erfolgreiche Beutezüge unternahm. 
Das war für ihn eine traurige Notwendigkeit; 
aber niemals verlor er dabei die Menschlichkeit 
aus den Augen; er brachte es niemals übers 
Herz, das letzte Stück Vieh den Armen weg 
zutreiben; ja, die Gegner erzählten selbst, daß 
Widerholt, der sonst ein Erzfeind der Katho 
liken war, das Franenklösterlein Sießen, das 
besonders hart mitgenommen war, mit Al 
mosen beschenkte; und den reichen Prälaten 
des Klosters Weingarten, der als Gefangener 
auf dem Hohentwiel saß, behandelte er so 
glimpflich, daß dieser nach seiner Auslösung 
der Frau Oberstin, bei der er in Kost ge 
wesen, ein Bezoar in Gold gefaßt und ein 
Unser-Frauen-Bild verehrte. Und doch war es 
keineswegs Gleichgültigkeit gegen die Religion, 
die unserm Widerholt diese Duldsamkeit gegen 
Andersgläubige vorschrieb, nein, der Oberst 
war ein wahrhaft frommer Mann: mitten in 
den Stürmen des Krieges, die seine Feste er 
schütterten, baute er ans dem Hohentwiel in 
den Jahren 1639 bis 1645 die Kirche; und 
auf sein eifriges Betreiben hin erschien wohl 
im Jahre 1636 nach der glücklich überstandenen 
ersten Belagerung wieder ein Nachfolger für 
den durch Krankheit dahingerafften Seelsorger. 
Und wenn der gefeierte Kriegsmann auf der 
Heimkehr von einem glücklichen Streifzuge in 
ein schlichtes Bürgerhaus einkehrte, um einen 
jungen Erdenpilger über das Taufbecken zu 
halten oder einem glücklichen Brautpaare be 
sondere Ehre zu erweisen, möchten wir das 
in dem Bilde unseres Helden missen? Oder, 
wenn er im Jahre 1661, als er in seiner 
Eigenschaft als Obervogt zu Kirchheim an 
geordnet hatte, auf dem Teck-Türmlein eine 
Wache wieder einzurichten, gleichzeitig dem 
Amte empfahl, den Posten hin und wieder mit
	        

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