Full text: Hessenland (37.1925)

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Die Tagung 
des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde in Kirchhain 
vom 31. Juli bis 2. August 1925- 
Der Wettergott ist den Lagungen des Hessischen Ge 
schichtsvereins nicht hold, und wenn er einmal in einem 
Jahre dabei sein freundliches Gesicht zeigt, wie 1924 in 
Spangenberg, dann öffnet er im nächsten Jahre feine 
Schleusen um so stärker. So hatte denn auch die dies 
jährige Tagung in Kirchhain, die erste, die wieder, wre 
in der Vorkriegszeit, eine dreitägige Dauer hatte, arg 
unter der Ungunst der Witterung zu leiden, ohne daß 
indessen darunter die Stimmung der zahlreich aus Nähe 
und Ferne herbeigeeilten Teilnehmer gelitten hätte. Der 
erste Festtag, Freitag, 31. Juli, begann um Uhr- 
nachmittags mit der Sitzung des Gesamtvorstandes, zu 
der Mitglieder aus Kassel, Marburg, Eschwege und Ham 
burg erschienen waren. Ein reichliches Teil Arbeit war 
zu bewältigen, so daß die Sitzung erst gegen 8 Uhr 
endete. Kamn blieb den VorstandsmitgUedern Zeit, sich 
etwas zu erholen. Denn um 8 Uhr begann bereits der 
übliche Begrüßungsabend. Er fand im großen Saal 
des Gasthofs „Deutscher Kaiser" statt, der die Teil 
nehmer kaum fassen konnte. Bürgermeister Grün er 
öffnete die Feier und hieß den Verein im Namen der 
Stadt Kirchhain willkommen, indem er ungefähr folgendes 
ausführte: „Im Namen der städtischen Körperschaften 
und auch im Namen der Bürgerschaft darf ich Ihnen,, 
verehrte Festgäste, herzlichen Gruß, herzliches Will 
kommen entbieten und Ihnen danken, daß Sie unser 
Städtchen als Ort Ihrer Tagung gewählt haben. Schon 
im Jahre 1914 sollte die Tagung hier stattfinden. Da 
kam der Krieg, und wie so vieles andere, mußte die, 
Versammlung unterbleiben. Um -so mehr freuen wir 
uns, daß Sie jetzt zu uns gekommen sind. Nachdem der 
Verein die schwere Zeit des Krieges und der Inflation 
überwunden hat, geht es mit der Vereinsarbeit wieder 
vorwärts, die zum Wohle unserer engeren und weiteren 
Heimat geleistet wird. Und diese Arbeit ist not. Ein 
großer Deutscher hat gesagt: ,Das Volk, das seine 
Vergangenheit ehrt, dem gehört die Zukunft.' Wir 
Hessen können besonders stolz aus unsere Vergangenheit 
sein. Auch in Kirchhain und Umgebung lausen vrele 
Fäden der Heimat-Geschichte zusammen. Die alte Stadt 
mauer und die alten Gassen könnten viel von Kämpfen 
erzählen, die sich zwischen Mainz und Hessen abgespielt 
haben. Wenn wir den Gipfel der Amöneburg ersteigen, 
so finden wir die Stätte, von der Bonifatius, der 
Apostel der Deutschen, vor mehr als 1200 Jahren die 
Fackel des Christentums in das Heidental schlenderte; 
>n Rauschenbcrg werden die Gäste die Trümmer der 
alten Burg der Grafen von Ziegenhain finden, und tn 
Haina die Stelle, von der aus fleißige Mönche Kultur 
und Sitte verbreiten. In Kirchhain besteht eine Orts 
gruppe des Geschichtsvereins, und es ist zu hoffen, daß 
auch diese von der Tagung Anregung und Förderung 
empfängt. Nochmals darf ich danken, daß Sie Ihr Weg 
zu uns geführt hat, und Sie nochmals herzlich will 
kommen heißen." Der Vorsitzende des Geschichtsvereins, 
Bibliotheksdirektor Or. Hops, erwiderte auf diese, all 
gemein beifällig aufgenommene Ansprache etwa fol 
gendes : „Als wir heute aus Kassel abfuhren und in den 
segengrauen Himmel sahen, waren unsere Hoffnungen 
ltark herabgestimmt und wir fragten uns, >vie wird das 
Wetter in Kirchhain werden und wie wird sich die 
Sache abwickeln. Aber seitdem ich hier bin und einen 
Einblick in die Verhältnisse gewonnen habe, kann ich 
feststellen, daß der.Regen nur als Einzelerscheinung 
zu bewerten ist. Dazu ist noch zu bemerken, daß der 
Herr Bürgermeister verfügt hat, daß das Barometer 
ab morgen zu steigen hat, und Petrus wird dann wohl 
den Himmel im Sonnenglanz erstrahlen lassen. Es ist 
meine Pflicht, für alles, was uns bis jetzt geboten ist 
und noch geboten wird, von ganzem Herzen zu danken. 
Der Willkommengruß in den hessischen Farben und im 
Grün unserer Wälder, die frohe Aufnahme, das zeigt 
uns allen, daß wir vier wirklich willkommen sind. Wer 
dies bisher noch nicht eingesehen hatte, hat dies heute 
abend zur Genüge voll und ganz erleben können. Der 
Grutz der Musik, die wirkungsvollen Männerchöre, der 
Gruß durch das Turnen der Männer, Schülerinnen und 
Damen, das übertrifft alles, was wir bisher gesehen 
und gehört haben. Alles steht unter dem einen Zeichen, 
uns herzlich willkommen zu heißen, und wir müssen herz 
lich danken. Wenn Herr Bürgermeister aus die Geschichte 
von Hessen und insbesondere auf die der hiesigen Gegend 
hinwies, wenn wir morgen aus berufenem Munde aus 
der Geschichte dieses Teiles Hessens allerlei Interessan 
tes hören werden, so bitte ich Sie, nicht der Meinung 
zu sein, daß wir Forscher nur einer Wissenschaft huldigen, 
die eigentlich theoretisch ist und in der Gegenwart nichts 
zu sagen hat. In dieser Notzeit des Vaterlandes sehe 
ich nicht die größte Gefahr darin, daß wir wirtschaftlich 
so niedergedrückt sind, daß wir uns nicht wieder aufrichten 
könnten. Ein vorwärts schreitendes Volk werd diese Miß 
stände alle überbrücken. Noch ist der, Zeitpunkt des 
Wiederaufstiegs nicht gekommen. Alber daß er bald 
kommen möge, ist unsere Hoffnung, und ihr gilt unsere 
Arbeit. Unsere Pflicht ist es, mit unserer Forschung 
einzusetzen. Wir wollen dem Volke zeigen, wo der Ur 
quell liegt, und wie dieser für das ganze Volk und 
Vaterland nutzbar zu machen ist. Der erste Gruß un 
serem Vaterland! Unser Vaterland, dem wir mit un 
serer Forschung dienen, unser Vaterland als Urquell 
aller Kraft, unser Vaterland es lebe hoch!" Das Hoch 
fand begeisterten Widerhall; dann sang man stehend das 
Deutschlandlied. 
Wie schon aus den Worten des Vorsitzenden er 
sichtlich, wurde der Begrüßungsabend, verschönt durch 
Darbietungen verschiedenster Art. Der Gesangverein Con- 
cordia trug in vollendeter Form eine Anzahl Männer 
chöre vor („Das ist der Tag des Herrn", „Durch junges 
Grün, durch blühende Auen", „Im Krug zum grünen 
Kranze", „Zieh mit mir in den Lenz hinein"), die 
Herren Lehrer Knock), Müller und Weber erfreuten durch 
vorzügliche Musikvorträge. Turnübungen der ersten Riege 
des Turnvereins am Barren fanden gleichen, stürmischen 
Beifall, wie die erwähnten musikalischen Darbietungen. 
Aber das Schönste, was geboten wurde, waren doch die 
Turnübungen am Barren, durch die eine Anzahl junger 
Kirchhainer Damen das Fest verschönten und in denen 
sich Kraft mit Anmut vereint zeigte, sowie die den 
Schluß der Vorführungen bildenden Bronzegruppen, die 
von vier jugendkräftigen Kirchhainern gestellt wurden. 
So herrschte denn an diesem Abend eine recht frohe, 
durch keinen Mißton gestörte Feststimmung, und als 
„sich der Schwarm verlaufen hatte zu mitternächtiger 
Stunde", da fand in den Vorderräumen des Gasthofs
	        

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