Full text: Hessenland (37.1925)

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M. I. AE. Das Wort Gottes bleibt in Ewig 
keit. Diesen Satz hatte er auf dem Reichstage 
zu Worms seinen Dienern auf die Ärmel sticken 
lassen. Darunter steht: 
Des F ü r st e n S p r u ch. 
Gott hilf verbreiten mir dein Eher. 
Das ist mein höchster Wunsch und Gher (Begehr). 
Darnach daß ich mein Nolck regier 
Daß wir alle beid aefallen dir 
Und was ich hie gestiftet hab 
Daß solchs nit werd gestellet ab 
Und wer das thut den straf dein Hand 
Mit Armuth, Krankheit, Schmach und Schand 
Bis daß er deine Wohlgefall 
Erkenn und thu, sprecht Amen all. — 
Rechts von dem Wappen ist unten eilte Tafel 
mit dem Harpyen-Spruch. Nach hintell an der 
Tafel sitzt ein Apssatzkranker (Aussatzknoten 
an der Haut) mit einer Krücke und in den er 
hobenen Händen eine Schüssel. Links von dem 
Aussätzigen ist eine Harpye angekettet an einem 
Opferkasten (wenn das Geld im Kasten klingt 
usw.). Die Harpye soll die vertriebenen Mönche 
darstellen. Die Tafel hier hat folgende Inschrift: 
Die H a r P y a. 
Harpya ist mein alter Nam 
Nichts Schnöderes aus der Hölle kam 
Non Gott gesandt zur Straf der Sund 
Non Hunger ist mir bleich mein Mund 
Nach Raub mein krummen Klauen stahn 
Ein Stank laß ich, wohin ich fahrn 
Doch gibt mein Antlitz schönen Schein 
Mein Gesellen feint hinweck ich ein bin hie 
Zum Spott gebunden an, 
Daß mich speien jedermann. 
Rechts von dieser Tafel steht eine alldere höhere 
Tafel. Hinter ihr ragt die heilige Elisabeth 
hervor mit Königskrone und Kopftuch. Rechts 
von ihrem Kopf ist das Königswappen von Un 
garn — die heilige Elisabeth war eine un 
garische Königstochter —. Links von ihrem 
Kops ist eine kleinere Tafel mit dem St. Elisa 
beth-Spruch. Der Spruch lalltet: 
S a n c t - .E l i s a b e t h S p r u ch. 
Wer Hoffnung hat zu Gottes Reich 
Der thu nit dem Exempel gleich 
Wie ungnad (ohne Gnade) that der reiche Mann, 
Der unbarmherziglich leit stahn 
Lazarum vor der Thür, voller Schweren 
Drumb muß er nun wiewohl ungern 
Ewiglich leiden große Qual 
In Höllen Glut das nehmt wahr all. — 
Die heilige Elisabeth, die Ahnfrau Philipps 
des Großmütigen, soll auf diesem Steine die 
Züge seiner Gemahlin, Christine von Sachsen, 
haben. Sie gibt hier einem Aussätzigen zu 
trinken und hat Speise für ihn auf dem 
Teller, eine gebratene Gans, und unter dem 
Arm einen Laib Brot. Das Brot soll früher 
diese Form im Hospital gehabt haben. ' Bis 
1850 war derartiges Holzgeschirr im Hospital 
im Gebrauch. Die gebratene Gans bezieht sich 
auf die Zehentgänse, die es, solange Natural 
wirtschaft bestand (bis 1851), gab und die es 
ermöglichten, an hohen Festen den Kränkelt 
Gänsebraten zu geben. Die untere Spruchtafel 
hat oben die Zahl 1530. Der Spruch hier lautet: 
Ein lange Zeit bin ich gewest 
Der hungerigeu Harpyen Nest 
Bis daß ein neuer Herkules 
Sie hat verjagt aus diesem Nest. 
Daß ich Hinfurt nun bleiben soll 
Der armen Kranken Hospital 
Darzu mich geben und geweiht 
Ja gnädiglich auch hat gefreit 
Und mit gereicht sein milde Hand 
Der christlich Fürst in Hessenland 
Landgraf Philipp der theuere Held 
Ein hoher Preis in aller Welt 
Nach Christus Geburt die Zahl da war 
Fünfzehnhundert dreißig Jahr 
Nun bin ich aber so gestifst, 
Daß ich niemand aufnehm um Gift (— Geld) 
Der Arme hat hie aus milder Gunst 
Sein Kost, Behausung, Kleid umsunst 
Gibt anders jemand sonst ein Gab, 
Dem bessere Gott Seel und Hab. — 
Uber den drei unteren Sprnchtafeln sind 
Engelsköpfe mit seitlichen Flügeln. 
Wir gehen jetzt wieder durch den Lettner. 
Rechts am Lettner auf der Ostseite (Mönchs 
chor) war wieder eilt Altar und rechts oben 
davon wohl eine Botivplatte an der jetzt leeren, 
ausgehauenen Stelle. 
Was uns hier im südlichen Seitenschiff noch 
auffällt, ist eine sehr lange und dicke Eichen 
bohle. Sie liegt seit der Mönchszeit hier. Bis 
in die 70er Jahre waren es zwei. Die andere 
wurde zu einer Tischplatte in dem Kapitelsaal 
(s. oben) verwandt. Diese Bohlen waren in 
der Tat von den Mönchen wohl zu Tischplatten 
bestimmt. Da man diesen Zweck vergessen hatte, 
so bemächtigte sich die Sage der Angelegenheit 
und es wurde gesagt, die Mönche hätten diese 
Bohlen als Strafe tragen.müssen, Johann der 
Starke von Ziegenhain habe sic getragen, auch 
Heinz von Lüder habe sie tragen können. Es ist 
wohl unmöglich, daß ein Mann solche Bohlen 
trägt. — 
Noch einmal werfen wir einen Blick über die 
ganze Kirche und lassen nochmals das Große 
und Gewaltige auf uns einwirken. Mit dem 
Gefühl, etwas Einzigartiges, Großes und nicht 
Erwartetes gesehen zu haben, verlassen wir 
durch das Kouventualenportal die Kirche. Sie 
dient jetzt im Sommer in ihrem westlichen Teil 
—Konversenkirche — zum evangelischen Gottes 
dienst für das Hospital und die Gemeinde 
Haina nebst Altenhaina und Kirschgarten. Im
	        

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