Full text: Hessenland (37.1925)

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zeit stand wohl vor den jetzigen Stallen noch 
eine Reihe Stallen. Bei hohen Festen hatte 
der Abt seinen Platz vorne rechts, wohl 
schon im Querhaus. Rechts und links an der 
Innenseite der ersten Säulen, die die Vierung 
mitbilden, sind Kreuze. Es sollen Weihe 
kreuze sein. Sie sollen angebracht worden sein, 
wenn nach großer Verfehlung des Klosters 
eine Aussöhnung mit Gott und neue Weihe 
stattgefunden hatte, als Zeichen dieser Aus 
söhnung und neuen Einweihung. 
Von der Vierung hängen drei Glockenseile 
herab. Das vorderste gehört zur Hasenglocke, 
der Mönchsglocke, das hintere nördliche zur 
großen Landgrafenglocke, 1744 gestiftet von 
Landgraf Friedrich (1730 — 4754), zugleich 
König von Schweden (1720—1751) und Land 
graf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt(1739 
bis 1768), als Wilhelm von Urs Obervorsteher 
war (1715 —1746). Das hintere südliche 
Glockenseil gehört zu der von dem Hainaer 
Pfarrer Johannes Faust ebenfalls 1744 ge 
stifteten kleinen Glocke. Kutschbach in Naum 
burg hat diese beiden Glocken gegossen. 
In: Querschiff sehen wir als Konsoleuver- 
zieruug die Zeichen der Evangelisten: südlich 
rechts: der Löwe des Markus, 'links der Adler 
des Johannes, nördlich rechts der Engel des 
Matthäus und links der Ochse des Lukas. 
Gegenüber der Tür aus der Sakristei in der 
Südwand ist in der Nordwand des Querschiffes 
die Porta qua itur ad coemeterium, die 
Pforte, durch die es zum Begräbnis (Fried 
hof) geht. — Gehen wir jetzt die Stufen zum 
Presbyterium hinauf, so fällt zunächst der 
schöne, eingelegte Plattenbelag aus der Mönchs 
zeit auf, die Platten finb von den Mönchen 
selbst ausgeführt. Der Steinaltar mit je einer 
Steinsäule rechts und links ist von Ungewitter 
aus den Jahren 1858—1860. Der Mönchs 
altar, der rvohl aus Holz war, ist nicht mehr 
vorhanden. Er soll sehr groß gewesen sein. 
In der Ostwand des Presbyteriums sind rechts 
und links noch die Balkenreste zu sehen, die 
den Mönchsaltar von hinten stützten. Rechts 
vorr dem Altar in der Wand ist die große 
Piscina. Bor und hinter ihr ist je ein Wand 
schrank. Der vordere hat innen noch ein klei 
neres Schränkchen. In der Piscina sind zwei 
Öffnungen, in die direkt in die Erde Reste 
geweihter Flüssigkeiten gegossen wurden, damit 
sie mcht entweiht wurden. Piscina heißt eigent 
lich Fischteich, später Bezeichnung für Flüssig 
keit. Die Wandschränke dienten zur Aufbewah 
rung von Abendmahlsgefäßen, von Reliquien, 
und dergl. Reliquien, deren das Kloster sehr 
viele hatte, wurden auch in den Kapellen auf 
bewahrt. 
Links von dem Ostaltar ist das Sakraments- 
Häuschen uiid links davon die Priesterbank. 
Sakramentshäuschen und Priesterbank zählen 
zu den größten Kunstwerken der Kirche. Das 
Sakramentshäuschen, aus etwa 1300, ist von 
wunderbarer Schönheit. Ein Spitzbogen gibt 
im unteren Teil den Raum für die Monstranz. 
Oben sitzen Gott Vater (vom Beschauer rechts) 
und Christus (vom Beschauer links). Zwei be 
sonders würdige und sympathische Gestalten. 
Beide zeigen mit dem Zeigefinger nach unten 
nach dem verwandelten Brot. Das Spruch 
band von Gott Vater sagt aus deutsch: „Ja 
kobus (sagte) wahrhaft, Gott ist in diesem 
Ort." (Jacobus vere deus est in loco isto.) 
Das Spruchband von Christus besagt: „Pau 
lus, du versicherst, daß das Christus ist." 
(Paulus akkirrnas quin die est Christus.) 
Über dem Spitzbogen ist ein Wimperg mit 
Krabben, flankiert von Fialen. Der Wimperg 
ist ganz spitzwinklig. Ganz oben in der Spitze 
ist eine Flamme mit einem Gesicht, vielleicht 
der Heilige Geist. Oben rechts ist der Hirte 
(Christus) mit dem Lamm und dem Spruch 
band: „Johannes (sagte) siehe das Lamm 
Gottes" (Johannes ecce agnus dei). Links 
ist ein Hirte (Christus) mit einem Stab mit 
dem Spruchband: „Es gab diese Speise Gott, 
unser Gott für die Dauer der Erde" (Dedit 
hanc escam deus, deus noster in continuum). 
Oben an der Verzierung zwischen den Fialen- 
svitzen sind zwei Wappen. Eins mit einem 
Hund (Familie von Hund als Mitstifter?). 
Neben dem Sakramentshäuschen steht die 
Priesterbank mit drei Sitzen. Hier saß, wenn 
während der Messe Chorgesang ivar, in der 
Mitte der Messe lesende Priester. Rechts und 
links von ihm saßen seine Assistenten. Die 
Sitze sind zum Aufklappen. Sie haben einen 
Vorsprung als Stütze beim Stehen im Stuhl. 
Diese Vorsprünge heißen Misericordien (Er 
barmer). Um den Ansatz zweier Stützen sind 
an der Unterseite der Sitze schöne aus Holz 
geschnitzte Blätter. Tie Seiten- und die Tren 
nungswände der einzelnen Sitze zeigen Figuren. 
Von links her ein Löwe (Stärke), dann ein 
Affe mit Möuchskapuze (Eitelkeit aud) im 
Mönchsgewand), ein Molch mit eigenartigem 
Lächeln (Sünde, im Schlamm), zuletzt eine 
Eule (Weisheit). 
Wir verlassen jetzt das Presbyterium und 
biegen in das nördliche Seitenschiff ein. —
	        

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