Full text: Hessenland (37.1925)

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zugängliche Ebene durch die eben genannte 
Wasserscheide begrenzt, die sich vom Vogels- 
berg zum Haina-Gebirge und von da über die 
Sackpfeife zum Edderkopf zieht. Denn die klei 
nere Wasserscheide, die im Norden zwischen 
Butzbach und Gießen die Wetterau vom Lahn 
tal und der Ohmebene trennt, bildet keine 
wirklich hindernde Grenze. Die weiten Löß 
flächen an der Ohm um Amöneburg sind leich 
ter von Süden als von Norden zugänglich und 
können noch fast zum Gebiet der Wetterau ge 
rechnet werden. Bequemer als nach Norden sind 
die Übergänge aus der Wetterau nach Osten, 
nach dem oberen und mittleren Fnldatale, 
durch die Senken zwischen Spessart, Vogels 
berg und Knüll. 
Diese Übergangsmöglichkeiten aus dem mitt 
leren Rheingebiet in die Täler der Werra und 
Fulda, die nach Thüringen und Westsalen über 
leiten, bestimmen den Lauf der alten Fern 
straßen, die im Mittelalter Hessen durchzogen. 
Diese Fernstraßen gaben damals dem Lande 
sein Gepräge, durch sie erhielt es die eingangs 
erwähnte Bedeutung als Ubergangsland. Und 
die Funde lehren, daß fast alle die großen 
mittelalterlichen Fernstraßen schon in vor 
geschichtlicher Zeit benutzt worden sind. Auf 
diesen alten Straßen sind auch die Römer ins 
Land gezogen. Erst als sie die Wetterau ganz 
in ihre Verwaltung genommen hatten, als sie 
die ersten Limites angelegt und durch Kastelle 
gesichert hatten, schufen sie hier im Dekumaten- 
land ein neues, enges Straßennetz, das mit 
seinen Fäden ihr Zentrum Nida-Heddernheim 
und die einzelnen Kastelle und Stützpunkte mit 
einander verband. Das waren die ersten wirk 
lichen Künststraßen in Hessen, die aber, ledig 
lich aus militärischen Gesichtspunkten erbaut, 
zu völliger Bedeutungslosigkeit herabsinken 
mußten, als mit dem Sturz der Römerherr 
schaft in der Wetterau (258/9) auch alle diese 
Stützpunkte ihren Sinn verloren und dem Ver 
fall preisgegeben waren. Nur wenige, wie die 
Elisabethenstraße von Mainz nach Nida, wur- 
den auch weiterhin benutzt uud haben sich bis in 
unsere Tage erhalten. Die Wege, auf denen 
sich Handel und Verkehr im Mittelalter durch 
Hessen bewegten, mußten naturgemäß diesel 
ben sein, die schon in vorrömischer Zeit benutzt 
waren, deren Trace lediglich duvch das Gelände 
bestimmt war. Diese Straßen suchten auf mög 
lichst kürzern Wege, unter Vermeidung allzu 
starker Nrveauunterschiede, die entscheidender: 
Punkte, Gebirgsübergänge und Flußfurten, 
miteinander zu verbinden. Sie gehen nicht 
durch die leicht Überschwemmungen ausgesetzter: 
Talweiten, sondern sind soweit den Hang der 
Berge hinausgeschoben, daß sie die tiefer ein 
schneidenden Seitentälchen oberhalb ihres End 
punktes umgehen; so laufei: sie oft geradezu als 
Kammwege auf den Bergzüger: dahin. 
Die Erforschung dieser alten Fernstraßen in 
Hessen, der vorgeschichtlicher: wie der mittel 
alterlichen, ist, seit Kofler vor über dreißig 
Jahren sie das erstemal zusammengestellt hat 3 , 
weit fortgeschritten. Am klarsten überblicke!: 
wir diese Straßensysteme dank Georg Wolfss 
Forschungen in der südlichen Wetterau 4 5 * 7 , und 
derselbe Forscher hat auch die von der Wetterau 
uordwärts durch das ehemalige Kurhessen füh 
renden Straßen im Anschluß an den Bericht 
des Tacitus über den Feldzug des Germanicus 
15 n. Chr. ins Herz des Chattenlandes einer 
zusammenhängender: Betrachtung unterzogen? 
Für die Untersuchung lag ihm bereits eine 
wertvolle Grundlage in der Behandlung des 
selben Themas durch Karl Schumacher vor.'' 
Den neusten Beitrag zu unserer Straßenfor 
schung verdanken wir Joseph Vonderau, der 
jüngst die vor- und frühgeschichtlicher: Straßen 
des Fuldaer Landes, die wir zürn Teil auch 
durch die literarische Überlieferung aus des 
Klosters Gründungszeit kennen, genau im Ge 
lände festlegen konnte? 
Hier können in diesem Zusammenhange nur 
die wichtigsten dieser Straßen aufgezählt wer 
den, nur die, die für die großen Völker- und 
Knlturbewegungen wichtig geworden sind. Diese 
alten Straßen zerfallen nach dem Gesagten in 
zwei Gruppen, eine, die die Verbindung vor: 
der Wetterau und der oberrheinischen Tief 
ebene nach Norden, ins Sachsenland sucht, uud 
eine andere, die nach Nordosten, nach Thürin 
gen, hinüberführt. 
Zu der ersteren Gruppe, zu den westfälischer: 
Straßen, gehören zwei Straßensysteme, die 
teilweise parallel laufen und vielfach durch 
Querverbindungen miteinander verbunden sind, 
so daß bis in den Kreis Marburg hinein eir: 
Übergang von der einen Straße zur anderen 
leicht möglich war. Die westlichere der beider: 
Straßen ist die 
3 Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst 1833. 
4 Die südliche Wetterau in vor- und frühgeschichtlicher 
Zeit, 1913, mit Landkarte. 
5 Zeitschr. d. Ver. f. Hess. Gesch. u. Landesk. 50, 1917. 
^ Mainzer Zeitschrift 1912; s. auch III. Bericht der 
Römisch-germanischen Kommission (1906/7), S. 11 ss. 
7 Fuldaer Geschichtsblätter 1920, S. 129 ff., 145 ff., 
1921, S. 1 ff., 27 ff.
	        

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