Full text: Hessenland (37.1925)

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das Reich der Lebendigen und das Totenreich 
am innigsten zu einander in Beziehung treten, 
ivo die Toten ihre Gräber verlassen und ent 
weder ihre menschlichen Wohnungen aufsuchen, 
ja wohl gar die Lebenden zu deren zeitweiligem 
Verlassen nötigen, oder auch mit der wilden 
Jagd durch die Lüfte fahren. So ist es denn 
kein Wunder, wenn gerade in dieser sozusagen 
den Toten gehörenden Zeit dem einzelnen An 
deutungen zugehen, die ihn als demnächstigen 
Angehörigen des Totenreiches kennzeichnen. 
Wer daher am Weihnachtsabend einen doppel 
ten Schatten wirft, der wird, falls er das bis 
her noch unterlassen, gut tun, sein Testament 
zu machen, denn er muß bald sterben. Gleich 
schlimm ist es, wenn dem Betreffenden am 
Weihnachts- oder Neujahrsabend bei brennen 
der Lampe der Schatten fehlt. Desgleichen, 
wenn man am Sylvesterabend oder Neujahrs- 
tag seinen Schatten ohne Kopf sieht, so be 
deutet auch das: du mußt bald bzw. noch in 
diesem Jahr sterben. Ebenso wird die Person, 
die in der Neujahrsnacht etwas zerbricht, im 
neuen Jahr sterben. Vorsichtige Leute werden 
es des weiteren unterlassen, zwischen Weih 
nachten und Neujahr Wäsche aufzuhängen, weil 
sonst bald jemand in der betr. Familie stirbt. 
In derselben Zeit soll man auch kein Hemd 
nähen, sonst näht man sich das Totenhemd. 
Die Möglichkeit, in der „Totenzeit" etwas 
über die Zeit des eigenen Sterbens zu er 
fahren, fordert mit dämonischer Anziehungs 
kraft menschlichen Vorwitz dazu auf, selbst 
tätig danach zu forschen. Am Sylvestertage 
öffnen daher mit dem Schlage der Mitter- 
nachtsstnnde viele auf gut Glück das Gesang 
buch, um zu erfahren, was ihnen das Schick 
sal in dem neuen Jahr bringen werde. Ist 
das zufällig gegriffene Lied ein Sterbe- oder 
Begräbnislied, so wird man in dem Jahre 
sterben.^ Statt des Gesangbuchs kann auch die 
Bibel als Orakel gebraucht werden. Ein Be 
richterstatter aus dem kurfürstlichen Oberhessen 
kennt noch ein anderes Orakel. Am Neujahrs 
abend wird zwischen elf und zwölf Uhr der 
Tisch gedeckt und für jeden Hausbewohner ein 
Teller mit Wasser und Brotstückchen aufge 
stellt. Sinkt das Brot in einem Teller nicht 
unter, so muß der Besitzer des Tellers bald 
sterben. Statt des Brotes verwendet man an 
derwärts das Salz. Man macht am letzten 
Abend des Jahres so viel Häufchen Salz auf 
den Tisch als Menschen im Hause sind. Ist 
4 (kurfürstl. Overhessen). 
am Morgen eins davon geschmolzen, so deutet 
das an, daß die Person, für die das Häuftein 
gesetzt wurde, das Ende des Jahres nicht er 
leben wird. 
6 . 
Mit dem Bisherigen ist die Summe der Tod 
anzeichen noch keineswegs erschöpft, sie setzt 
sich fort, hinein in das Alltagsleben in Haus, 
Dorf und Gemeinde. Ein erheblicher Anteil 
entfällt da auf die Glocken und die Uhr, Wand- 
wie Turmuhr. Auch das ist bei genauerer Er 
wägung nicht verwunderlich. Die Uhr nimmt 
in der an der Scholle haftenden Bauernfamilie 
—. ich denke dabei an die wohl hundert und 
hnndertundzwanzig Jahre dauernde gute alte 
„Schwarzwälder"— eine sehr bedeutsame Stel 
lung ein, schlügt sie doch wohl drei auf einander 
folgenden Geschlechtern die Geburts-, Hoch- 
zeits- und Sterbestunde. Und nun gar Uhr und 
Glocken im Turm der Dorfkirche, die mit 
ihrem ehernen Klange das Kommen und Gehen 
ungezählter Generationen begleiten. Bei dem 
tiefgewurzelten Bedürfnis der deutschen Volks 
seele, altvcrtraute Dinge gemütlich zu erfassen, 
sind daher Uhr und Glocken keine bloßen 
Sachen mehr, sie werden unwillkürlich bis zu 
einem gewissen Grade beseelt, fühlen daher 
Leid und Tod der Haus- und Dorfinsassen mit, 
ja, voraus. Der Klang der Kirchenglocken hat 
deshalb unter Umständen eine unheimliche Vor 
bedeutung. So sagen die Bauern, wenn ihnen 
der Wind den Ton der Glocken besonders kräf 
tig zuträgt: „Die Glocken Zummerck, es stirbt 
bald wieder jemand." Ebenso muß, wenn es 
„sehr stark" läutet, wenn „die kleine Glocke 
hell tönt", wenn die Glocken „summen" oder 
nachklingen^, wenn sie „dumpf" oder „traurig" 
läuten, bald jemand im Dorfe sterben. Das 
gilt natürlich erst recht, wenn die Glocken beim 
Begräbnisgeläut ungewöhnlich tönen, „singen". 
Stillstehen der Wanduhr im besonderen deutet 
auf den eben eingetretenen Tod eines entfernt 
wohnenden Angehörigen. Wenn während des 
Lüntens die Uhr schlägt, so stirbt bald jemand. 
Manchmal wird ein bestimmtes Läuten ge 
nannt. So das Vaterunserläuten, ferner das 
Schulläuten, das Mittag- oder Abendläuten, 
das Abendläuten, das Ave- oder Halbmeß 
läuten bzw. Wandlungsläuten, das Sterbe 
geläut. Auch an das Vaterunser allein, ohne 
Zusammentreffen mit dem Uhrschlag, heftet 
sich der Todankündigungsglaube. Wenn es 
während des Betens des Vaterunsers in der 
5 Mdl.
	        

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