Full text: Hessenland (37.1925)

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bett ersten Sätzen die Zuhörer in seinem Bann. Hier 
verband sich unwandelbare Liebe zur Vaterstadt mit 
tiefem, selbstgeschürftem Wissen von ihrer Geschichte. 
Aus dem Vollen schöpfend, konnte der Redner so in 
markanten Bildern das geschichtliche Werden dieser be 
deutsamen Siedlung lebendig werden lassen und daneben 
immer wieder mit köstlichen Erinnerungen eines Witzen- 
häuser Jungen auch dem schlichtesten unter den Zu 
hörern ans Herz packen. Diese Stunde wird jedem un 
vergeßlich bleiben. Und als dann das Stadtoberhaupt 
dem Redner als einem der besten Söhtte dev Stadt und 
ebenso dem greisen Kammerherrn von Motz, dessen 
(Geschlecht seit Jahrhunderten eng mit Witzenhaufen ver 
bunden ist, den Ehrenbürgerbrief überreichte, dröhnte 
ein spontaner Ausdruck freudiger Zustimmung durch die 
iveite Halle. 
Inzwischen füllten sich die engen Straßen des Städt 
chens in fast beängstigender Weise, und die Atzung der 
Vieltausende in den Gasthäusern hätte den zwölf Ar 
beiten des Herkules würdig angereiht werden können. 
Bald nach 2 Uhr 
teilte der mit Span 
nung erwartete kul 
turhistorische Festzug, 
dessen Aufbau in den 
bewährten Händen 
des Kasseler Kunst 
malers Ferd. G i l d 
gelegen hatte, die 
Massen in zwei un 
durchdringliche Mau 
ern. Er verkörperte 
in 16 malerischen 
Gruppen die Ge 
schichte Witzenhatisens 
von der dörflichen 
Siedlung bis zur 
Gegenwart. Eine 
Gruppe für sich bil 
deten die Wander 
vögel mit dem Mo 
dell des Ludwigstein 
und vor allem die 
Kolonialschüler, die 
u. a. waschechte Ty 
pen der Eingeborenen 
aller Erdteile boten. 
Sodann überließ man sich dem Festtrubel draußen in 
der Bischhäuser Au, über deren Zelten gleich einem 
Wahrzeichen irdischer Freuden der Duft ungezählter 
Rostwürstchen schivebte. Daß namentlich auch die kuli 
narischen Darbietungen der Festwiese eines wenig erfreu 
lichen metallischen Beigeschmacks nicht entbehrten, mag 
nicht unerwähnt bleiben; der Freund einer Veredlung 
unserer Volksfeste fand auch hier Erfreuliches und Un 
erfreuliches nah beieinander. Fernab im großen Zelt 
ging das von Studienassessor Heinrich R ö s e r - Kassel 
verfaßte Spiel „Michel Sperling" in Szene, das die 
Aus Heimat und Fremde. 
H o ch s ch u l n a ch r i ch t e n. Marburg: Ter a. o. 
Professor für Prähistorie Dr. Bremer wurde zum 
Direktor des Nationalmuseums in Dubliit (Irland) er 
nannt. — Der a. o. Prof, der romanischen Philologie 
Dr. K. Glaser erhielt neben feinem bisherigen Lehr 
auftrag noch einen solchen für romanische Kulturkunde. — 
Der a. o. Prof. Die. M u n d k e übernahm eine Pfarr- 
Abwehr eines Kroatcneinfalls in Witzenhauseit int 30- 
jährigen Kriege in den Mittelpunkt stellte. Von ihm ist 
zu sagen, daß die frische, aufopfernde Mitarbeit der 
Laiendarsteller uneingeschränktes Lob verdiente. Eine 
Beleuchtung der Türme und umliegenden Höhen gab 
diesem Hanpttag einen hübschen Abschluß. 
Besonderer Tank gebührt dem Witzenhäuser Magistrat, 
daß er seinen fremden Gästen inmitten des Trubels auch 
eine Stunde stiller Einkehr und erlesenen Genusses er 
möglichte. Im Rathaussaale hatte der hessische Knnst- 
maler Heinrich P s o r r , der neuerdings seinen Wohn 
sitz nach Münden verlegte, sein lauschiges Atelier in 
Laudenbach am Fuße des Meißners aber immer noch 
beibehalten hat, eine Kollektivausstellung seiner Werke 
veranstaltet, die zahlreiche Besucher anzog, zumal Pforr 
uns so selten Gelegenheit gibt, seine Kunst zu sehen. 
Heimatliche Landschaften, innigzarte Blumenstücke, treff 
sichere Porträts und trefflich geschaute Genrebilder füllten 
die Wände. Pforrs volkstümliche Bilder mit ihren ver 
blüffenden Lichteffekten — wir erinnern nur an sein von 
der„Deutschen Kunst 
ausstellung Kassel" 
1913 her bekanntes 
und im „Hessenland 
1912, Seite 206, 
wiedergegebenes Bild 
„Meine Eltern" — 
werden immer zu 
den besten Leistun 
gen hessischer Kunst 
gezählt werden. 
Der Festmontag 
brachte dantt noch den 
traditionellen Ernte 
festzug, ein Feuer 
werk an der Werra 
und Wiederholungen 
des Vortages, der 
Dienstag war dem 
Spiel und Sport ge- 
tvidmct. Dann trat 
der Alltag wieder in 
seine Rechte. Und 
wenn das Witzen 
häuser Kreisblatt zum 
Kehraus seinen Rück 
blick mit der Mah 
nung schloß, daß man sich nun wieder darauf besinnen 
müsse, daß tvir nicht dazu da seien, „um Feste zu feiern, 
sondern um feste zu arbeiten", so ist dem kräftig zuzu 
stimmen. Das eine aber darf erhofft werden, daß nach 
diesem schönen Fest Lenzbachs seine Mitbürger ihr alt 
überkommenes Erntefest tvieder alljährlich in die Er 
scheinung treten lassen. Nicht als „Fremdenattraktion", 
sondern möglichst ganz unter sich. Kinder und Kindes 
kinder iverden ihre Freude daran haben, zum Wohl der 
Stadt und im Sinne echter Heimatpslege. H. 
stelle in Düsseldorf. — Der a. o. Prof. Dr. Kehl 
übernahm die Stelle des leitenden Direktors am städt. 
Krankenhaus in Siegen. — Der Lektor für englische 
Sprache Dr. Freund wurde zum o. Professor an der 
Universität Houston (Texas) berufen. — Der Pfarrer 
Neande r in Stockholm wurde von der theol. Fakul 
tät zum Ehrendoktor ernannt. — Gießen: Der 
Göttinger Studenten aus der Biedermeierzeit im kulturhistorischen 
Festzug.
	        

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