Full text: Hessenland (37.1925)

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Vom Italiener ging es zum Iren B. Shaw, dessen 
Frühwerk „Frau Warrens Gewerbe" in einer 
sein durchdachten Aufführung geboten wurde. Der un 
ermüdliche Sittenprediger des modernen Europa be 
trachtet auch in dieser Jugenddichtung die Bühne als 
leine moralische Anstalt. Frau Warren bezieht ihre Ein 
künfte aus dem Ertrag einiger „Familienpensionen", 
will sagen Freudenhäuser, in Brüssel, Budapest usw. 
Und als ihre wohlerzogene Tochter die ganze Wahrheit 
hierüber erfährt, sagt sie sich los von dieser Mutter. 
Und doch steht diese als Siegerin in der großen Aus 
sprache zwischen beiden. Denn Frau Warren und ihr 
verbrecherischer Geschäftsteilhaber sagen der vorheuchelten 
Gesellschaft kräftig die Meinung über diese dunkele An 
gelegenheit. Und wenn gelegentlich eines Aktschlusses 
ein alter Pastor dieser berüchtigten Geschäftsfrau höflich 
den Arm reicht, um sie zu Tisch zu führen, dann liegt 
in dieser grotesken Handlung der ganze Shawsche Hohn 
über die seltsamen Widersprüche unserer sogenannten 
Kultur. Hellmuth Schubert hatte in die szenische Auf 
machung einen seltsamen, aber feinsinnigen Gedanken 
geworfen. Ein bildhafter, kreisrunder Ausschnitt in 
einer Zwischenwand vermittelte sinnbildlich die verwor 
renen, gegensätzlichen Geschehnisse der Handlung. Wally 
Rossotv als Frau Warren war mehr als eine gewöhnliche 
Kupplerin. In dieser Frau strömte Herzblut, aus ihr 
sprach bitterste Lebensnot. Martha Krull, die Tochter, 
die Studentin, tvar überlegen, herb, kühl und doch ein 
ganzer Mensch. Hans Clasens dunkler Ehrenmann war 
die stärkste Leistung. 
Auf gleicher Höhe bewegte sich die vierte Maske, 
W e d e k i n d s „Büchse der Pandora", die, 
längst erwartet, zur Höhe eines literarischen Tagesereig 
nisses aufstieg. Der große Tanz um die Verderberiu 
Lulu, aus dem „Erdgeist" sattsam bekannt, begleitet hier 
die drei letzten Stationen dieses Dirnenlebens aus dem 
Zuchthaus über Paris nach London, wo sie dem berüch 
tigten Jack ein Opfer wird. Eine Dirne als Heldin, ein 
Vorwurf nicht eben neu, aber alles rein Menschliche 
fehlt diesem Geschöpf, das nur einen Trieb kennt, sonst 
aber ins Nichts starrt. Der Moralist Wedekind läßt 
sie die unmoralischsten Dinge sagen und tun, die letzten 
Masken fallen, die wilde Geschlechtsbestie bleibt. Für 
ihre Darstellung war eine allererste Kraft gewonnen, 
Rahel Sanzara aus Berlin, die in allen Farben faulen 
den Verderbens bösartig schillerte. Eine große, einheit 
liche, fesselnde Leistung. Unter den Künstlern des Kleinen 
Theaters waren ebenbürtige Gaben, so Scheurmanns 
Schigolch, Wally Rossow als Gräfin Geschwitz und Cla 
sens prächtiger Athlet. 
Damit war der Ernst von dieser Bühne verbannt, 
Ludwig Schmitz aus Mannheim lockte trotz steigen 
den Thermometers die Freunde der lachenden Muse 
in sein heiteres Reich. Was mit diesem Gast an 
Komödien einzog, ist eigentlich nebensächlich. Er schafft 
sich seine Possen selbst, ganz gleich, ob er als „Charleys 
Tante", als „Schneider Wibbel", als einer von den 
„Drei. Zwillingen" oder als „Wahrer Jakob" über die 
Bretter wirbelte. Von dieser ausgelassensten aller Launen, 
dresem nicht unterzukriegenden Humor, diesem über allen 
komischen Zufällen sicheren Herrscher lassen wir uns den 
blödesten Blödsinn auftischen, schlucken ihn herunter und 
erklären ihn nachher für geistreich und wohlbekömmlich. 
Denn der Künstler bleibt bei aller zuweilen beliebten 
rheinischen Derbheit doch immer vornehm, sein frohes 
Augenspiel versichert uns nach jeder Entgleisung, „Kin 
der, es war nicht bös gemeint, lacht dazu, das Leben ist 
ernst genug ..." Er wird Mittelpunkt des Kleinen 
Theaters bis zum Beginn der herbstlichen Spielzeit 
bleiben. A. L a t w e s e n.' 
Witzenhausens Siebenhundertjahrfeier. 
Schon oft ist in diesem Jahre gesagt worden, daß in 
Deutschland mit seinen gegenwärtigen wirtschaftlichen 
Nöten zu viel gefeiert werde, und das Wort „Deutsch 
land feiert sich zu Tode" dringt immer wieder an unser 
Ohr. Mit tiefem Bedauern muß festgestellt werden, daß 
in vielen Kreisen unseres Volkes trotz allen inneren und 
äußeren Nöten, in denen wir stecken, dem Vergnügen 
mehr als nötig geopfert wird. Andrerseits braucht ein 
Volk, das am Boden lag und wieder emporstrebt, eines 
Haltes, an dem es sich wieder aufrichten kann. Und 
wenn sein Wohlergehen immer Ausfluß eines starken 
Heimatgefühles war, so wird det besonders stark betonte 
Ausdruck eines solchen Heimatgefühles, verbunden mit 
einem besinnlichen Rückblick in seine Vergangenheit, wohl 
geeignet sein, ihm zu weiterem Ringen Mut und 
Kraft zu geben. Wer Grebenstein, dann Fritzlar und 
fetzt wieder Witzenhausen miterlebt hat, wo wirklich ein 
mal der leidige Parteihader unter der Wucht dieses 
Heimatgefühls vergessen werden konnte und die alten 
Landsleute aus weiter Ferne herbeieilten, im Schatten 
ihrer alten Geburtshäuser wieder jung wurden und 
Jugendfreundschaften neu besiegelten, der wird solchen 
Festen doch nicht alle Berechtigung absprechen können. 
Die Witzenhäuser hatten das ihre in den August ver 
legt, dessen Wetterbeständigkeit längst sprichwörtlich wurde. 
Fast wäre ihre Hoffnung, da der heurige August recht 
übel aus der Art schlug, zu Schanden geworden, aber 
sie kamen gerade an ihren Jubiläumstagen mit einem 
blauen, heiteren Auge davon. 
Das Herz konnte einem aufgehen, wenn man das 
saubere Städtchen betrat und sah, mit wie viel Liebe 
und mit welchem guten Geschmack die Witzenhäuser ihre 
Häuser, Straßen und Gassen geschmückt hatten. Die 
ganze Stadt war ein großer Festsaal, in dem sich wahr 
lich Feste feiern ließen. Der Vorabend brachte einen 
wirkungsvollen Fackelzug durch die illuminierte Stadt 
und dann draußen im Festzelt einen Kommers, der, aucki 
abgesehen von den Massenchören der Gesangvereine, der 
gehaltvollen Ansprache des Bürgermeisters D o m k e und 
den Darbietungen des rühmlichst bekannten Stadtmusik- 
drrektors Philipp, schon durch die Seßhaftigkeit 
manches trunk- und ehrenfesten Bürgers seine Aner 
kennung fand. Dem großen Wecken in der Frühe des 
L-onntags folgten die Festgottesdienste. Dann sangen die 
Witzenhäuser Kinder auf dem Marktplatz ein paar präch 
tige Lieder, und nun füllte sich die riesengroße Fest 
halle mit Einheimischen und Fremden, die, namentlich 
aus Kassel, Göttingen und Eschwege den dichtgefüllten 
Sonderzügen entstiegen waren. Der Festakt, dem u. a. 
auch der Oberpräsident, der Regierungspräsident, der 
Landeshauptmann und der Rektor der Göttinger Univer 
sität beiwohnten, bildete den geistigen Höhepunkt dieses 
Tages. Meister Philipp und die Gesangvereine der 
Stadt unter Lehrer Müller boten auch hier wieder ihr 
Bestes. Ein Prolog, den der bekannte Dichter Karl Graf 
von Berlepsch in nachbarlicher Freundschaft verfaßt 
hatte, gab der weihevollen Stimmung würdigen Ausdruck. 
Dann betrat ein Witzenhäuser Kind, Geh. Regierungs 
rat Profesior Or. Edward Schröder von der Göt 
tinger Universität, das Podium und hatte schon nach
	        

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