Full text: Hessenland (37.1925)

283 
Vom Kasseler Theater. 
An schönen Sommertagen, wenn die Staatstheater 
und die Bühnen ohne erdrückende Kassensorgen schließen, 
wenn in den illustrierten Zeitschriften die lockenden 
Strandbilder mit den Bühnenstars, den .Heldentenören 
und den Filmdiven im paradiesischen Erholungszustande 
erscheinen, dann beginnt für den Leiter der Sommer 
theater, der Kleinbühne, die größere Sorge nach einem 
zugkräftigen Spielplan, der auch die theatermüden Gäste 
hereinlockt. Nicht immer sind gerade die Zurückgebliebenen 
in den Großstädten, denen keine Sommerfrische winkt, 
dre Kapitalkräftigen; auch mit diesem bedeutenden Um 
stand rechnet der Herr Direktor, wenn er am Abend nicht 
vor leerem Hause spielen will. Darum nicht beneidens- 
>vert isr das Los dieser Hüter der schönen Literatur, und 
Elchen als Maler, der sich vom Weiberknecht zum Herren- 
menschen emporrcißt, am eindrucksvollsten, während 
Martha Krull als Abenteuerin zwar eine achtbare Leistung 
bot, doch nicht die ganze Verderbtheit, das Dämonische 
in dieser Gestalt, zu fassen wußte. 
Dann kam der Italiener Pirandello zu Wort, 
der erst im Winter so jäh hinter die Kulissen des Staats 
theaters verschwunden war. Seine Rätseldichtung: „ S o 
ist es ... Ist es so?" hält die Zuschauer zwei Stunden 
in Bann. Wir werden eins mit der Kleinstadtneugierde, 
die nach dem schicksalmäßigen Zusammenhang dreier Per 
sonen forscht, die durch ihr seltsames Betragen auffällig 
werden. Mutter und Tochter sind in Liebe verbunden, 
aber in derselben Stadt räumlich streng geschieden. So 
Hessische Dorfftraße (Gieselwerder). 
Aus Wehrhahn, „Wanderungen und Fahrten tm Weserbergland" (Verlag C. V. Engelhard & (io. G. m. b. H., Hannover). 
der Stab soll nicht über sie gebrochen werden, wenn 
zehnte und elfte Muse mehr als zuvor bemüht werden. 
Herr Scheurmann vom Kleinen Theater hielt 
zwar zunächst noch die ernste Maske vor und versuchte, 
mit S t r i n d b e r g s „Kameraden" Gegenliebe zu 
finden. Zwar führt auch diese Dichtung den Titel 
„Komödie", aber zum Lachen gibt's da wahrlich nichts. 
Die beiden Frauen, die Strindberg der Verachtung aus 
liefert, können kaum schmutziger gedacht werden. Die 
Gattin und Kameradin eines Künstlers offenbart als 
wesentlichen Charakterzug feige Schadenfreude. Neben 
bei betrügt sie ihren Mann, unterschlügt Gelder und hat 
höchst zweifelhaften Verkehr. Dann gibt's in dem Be 
weisstück von der Minderwertigkeit des Weibes bei 
Strindberg noch eine alte Kupplerin und ein. widernatür 
liches Mannweib. Diesen schwülen, haßerfüllten Dunst 
kreis hatte • des Spielleiters Chmelnitzky stark geistige 
Leitung gut getroffen. Unter den Darstellern war Hans 
will es der Schwiegersohn, der Gatte, der die Mutter 
von einer Wahnidee befangen glaubt, während diese über 
zeugt ist, daß der Schwiegersohn im Wahne lebt, seine 
Frau sei längst tot, und er lebe mit einer andern. Hinter 
dies seltsame Geheimnis drängt sich die fremde Welt der 
Kleinstadt. Vergebens werden Akten durchwühlt, Detek 
tive aufgeboten, Beamte in Bewegung gebracht, das 
große Rätselraten bleibt bis zum Ende, und mit einer 
ironischen Verbeugung entläßt der Dichter seine Zu 
schauer. Das Ganze ein Nichts, ein dramatisches Karten 
kunststück, die Dame verschwindet aus dem Spiel, wird 
wieder verdeckt ausgelegt und ist schließlich eine andere 
Karte. Aber fabelhaft geschickt sind die Hände, die dieses 
Spiel mischen. Stilechter Expressionismus unter Chmel- 
nitzkys und Schuberts Leitung brachten die Aufführung 
zum Erfolg, in der Marie Wolfs das rein Menschliche 
einer gequälten Mutter (oder einer armen Irren?) 
warmblütig und überzeugend lebte.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.