Full text: Hessenland (37.1925)

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wenigstens nicht mehr auf einem Kanapee schlafe.. . 
Im Lauf der Woche traf er seine Vorbereitungen, 
ain Sonntag war der Reifen fertig. Er hatte für 
jeden Sonntag ein Licht daran befestigt, kleine dünne 
gelbe Wachslichter, so wie sie zu Hans an jedem 
Adventsreifen brennen. Sein Herz schlug hörbar, 
als er die drei Treppen heraufstieg. Er fand die 
Familie Zibulski 51t Hause. Es war genau so, wie 
er es sich gedacht hatte. Die Hängelampe brannte 
schon. Die Alte fas; in der Sofaecke, Fräulein Ba- 
bette auf dem Stuhl an der Schmalseite. 
„Der Herr Brauer!" rief die Babette. „Der 
Brauer!" wiederholte August, und die Alte schob 
ihre Brille hoch und wollte ihren Augen nicht trauen, 
als sie jemand im Türrahmen stehen sah mit einem 
grünen Kranz in der Hand. 
Brauer entschuldigte sich verlegen: „Ich komme 
nur, lveil ich der Frau Zibulska einen Advents 
reifen aufhängen wollte — wenn ich auch immer 
noch keine rechte Wand für mein Bild habe." 
Ja das Bild! Er erfuhr, während er den Ad 
ventsreifen um die Hängelampe legte und die fälligen 
zwei Lichter anzündete, daß sich keiner recht von dem 
Bild trennen mochte. 
„Wenn ich nur dem Weibel, das vorn auf der 
ersten Bank sitzt, mal die Spitzen von der Haube zu 
rückschlagen konnte! Der möchte ich in die Augen 
sehen!" sagte August. ; 
„Ob er einen heiligen Gedanken fassen kann", er 
eiferte sich Babette. „Der Herr Bräuer hat doch 
wenigstens ein Streben in sich! Er ist schon von 
einem Kanapee in ein Bett avanciert — und wenn 
man's recht bedenkt — alles durch das Bild!" 
„Ja — gewiß durch das Bildche!" lobte Frau 
Zibulska. 
„Nicht allein durch das Bild", gestand Wilhelm 
Bräuer offenherzig. „Es kam auch davon, daß Sie 
mir einen Ansporn gegeben haben, Fräulein Ba 
bette." 
„Nein, nein," wehrte Frau Zibulska, „es steckt 
etwas Heiliges in dem Bild, etwas von zu .Hause — 
und darum bringt einen das Bild zu einem guten 
Vorsatz." 
„Das nennst du einen guten Vorsatz, wenn der 
August dem Frauchen die Schleierspitzen hochheben 
möchte?" eiferte Babette. 
„Allemal, wenn ein junger Kerl Verlangen da 
nach trägt, einem hübschen Frauenbild in die guten 
Augen zu sehen, so sollte das gelobt werden!" 
Es konnte eigentlich August niemand wider 
sprechen. Und Bräuer stimmte sogar so lebhaft zu, 
daß er fortan an jedem Adventssonntag kain, um 
ein neues Licht anzuzünden. Und es erging ihm, 
wie es schon manch einem erging: er hatte ein Bild, 
ein Mädchen und noch immer keine eigene Wand! 
Denn als alle Lichter an seinem Adventsreisen 
brannten — am letzten Advent, und ihm Fräulein 
Babette das Haus ausschloß, damit er heimging, 
blies er die Kerze, die sie in der Hand hielt, aus, 
küßte sie aus den Mund, und sie erhob keinen 
Widerspruch. 
Niemand erhob Widerspruch ! Was hätte es auch 
für einen Zweck gehabt? Es gibt Dinge, die sind 
mächtiger als wir selbst; wer das leugnen will, weiß 
nichts von dem Gesang der Engel in heiligen 
Nächten. 
Witzenhäuser Kirschen in Kassel. 
Wie der Berliner nach Werder, so pilgert der 
Kasselaner im Frühling alljährlich nach Witzen- 
hausen, um sich an der Pracht der blütenschweren 
Bäume zu berauschen, und der Witzenhäuser „Blüten- 
sonntag" ist längst zu einer wohlberechtigten Be- 
rühmtheit geworden, wie denn auch die saftigen 
Witzenhäuser Kirschen selbst längst ihren tradi 
tionellen Ruhm gefestigt haben. Die Verkehrsmög 
lichkeiten der Gegenwart befördern heute diese köst 
liche Frucht selbst über die hessischen Grenzen hin 
aus, während vor Erfindung der Eisenbahn das Ab 
satzgebiet auf die nähere Umgebung, namentlich auf 
die Nachbarstädte Kassel und Göttingen beschränkt 
war. Wenn wir lesen, daß schon um die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts eine halbe Million tragbare! 
Obst-, größtenteils Kirschenbäume Witzcnhausen um 
grünten, können wir ermessen, welche Bedeutung 
gerade die Witzenhäuser Kirschpflanzungen seit je für 
die Stadt hatten. 
Während der Absatz der Witzenhäuser Kirschen 
namentlich in der nahen Residenz unter der hessischen 
Regierung jegliche Förderung fand, umchte man den 
Händlern während der französischen Zwischenherr 
schaft doch einmal Schwierigkeiten. Am 26. Juni 
1812 erschienen vor dem Witzenhäuser Maire (Bür 
germeister) die Witzenhäuser Obstbauer und Obst 
händler Jakob Hesse, Wilhelm Köberich und Christian 
Meyer und gaben folgende Beschwerde zic Protokoll: 
Bisher hätten sie ohne einiges Hindernis aus die 
bestmöglichste Weise die selbstgezogenen Obstprodukte 
hiesiger Stadt, namentlich Kixschen, in der Residenz 
Kassel absetzen und verkaufen dürfen, jetzt aber würden 
ihnen von der Polizeibehörde dortselbst allerhand 
Hindernisse itnb Schwierigkeiten in den Weg gelegt. 
Erst habe nian sie vom Schloßplatz, wo sie seit vielen 
Jahren seil gehabt, weg nach dem Königsplatz, von 
da wieder herunter nach deni Schloßplatz, von da 
wieder zurück nach dem Königsplatz, und von da 
auf den Gouvernementsplatz bei der großen Kirche 
verwiesen, und es sei ihnen die Erlaubnis, das Obst 
in den Straßen feil bieten und damit hausieren zu 
dürfen, ganz versagt worden. Oftmals wären sie 
ivegen schlechter Witterung und anderen Gründen 
genötigt, ihr Obst auf die bestmöglichste Weise ab 
zusetzen, oftmals würden sie auch von einzelnen 
Familien in die Wohnungen bestellt, was ihnen 
durch jene Verfügung versagt wäre. Sie glaubten 
zwar nach den näheren Umständen, die dabei statt 
gefunden, nicht, daß die vorstehende Polizeibehörde 
an dieser Verfügung Anteil habe, sondern dieses eine
	        

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