Full text: Hessenland (37.1925)

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was er tun solle. Er war weder unglücklich noch 
niedergeschlagen, hatte er doch einen starken Willen 
und das Gefühl seiner gesunden Kraft. Plötzlich kam 
ihm der Gedanke an den Geber des Bildes — kurz 
entschlossen schlug er den Weg zu ihm ein. 
* * * 
Drei Tage nach dem Umzug war alles wieder in 
guter Ordnung. Die Mutter des Studenten ver 
mißte nur eins: Das Abendmahl in einer hessischen 
Dorfkirche. 
„Wo hast du das Bild von Bantzer?" fragte sie. 
Ta erzählte der Student von dem jungen Arbeiter 
und gestand, daß er sich Vorwürfe über seine Halb 
heit mache. „Ich hätte mir seinen Namen sagen 
lassen sollen. Ich gab ihm ein Bild und wußte, daß 
er nicht einmal eine Wand hatte, um es aufzu 
hängen !" 
„Ja, du gabst ohne Sinn und Verstand!" 
„Ich erfuhr von unserem Spediteur, daß er seine 
Arbeit aufgegeben hat." 
„Warum mag er das getan haben?" 
Das sollte der Student bald erfahren. Denn 
Bräuer suchte ihn auf, erzählte ihm treuherzig, wer 
ihm sein Bild aufbewahre, bis er selber über einen 
Platz verfüge — an einer guten Wand. 
Auch daß es Fräulein Babette über ihr Bett ge 
hangen habe, verschwieg er nicht. 
„Wir wollen Ihnen gern helfen, Herr Bräuer", 
sagte die Mutter des Studenten. „Was können Sie 
leisten?" 
Bräuer besah seine Hände, streckte sie aus und 
ballte sie wieder zu Fäusten. „Ich kann arbeiten." 
Es machte der Mutter des Studenten keine große 
Mühe, ihn als Arbeiter auf einem jener wenigen 
Güter am Rande der Großstadt unterzubringen, die 
der Bauspekulation noch nicht zum Opfer gefallen 
waren. Er wurde dort zweiter Kutscher und hatte 
eine Kammer mit einem guten Bett. Aber es war 
seiner Ansicht nach noch nicht die Wand vorhanden, 
an die er ein Bild hängen mochte, und noch nicht 
der Raum, in den er Fräulein Babette führen 
konnte, darum ließ er so viel Zeit verstreichen, ehe 
er seinen Freund August aufsuchte. 
Das Bild war in seinen Gedanken an eine zweite 
Stelle gerückt. Er dachte mehr an Fräulein Babette. 
Wenigstens waren diese beiden — das Bild und 
sie — unzertrennlich voneinander. Und wenn er 
ganz aufrichtig gegen sich sein wollte, mußte er ge 
stehen, daß als drittes eine kleine saubere Woh 
nung — so ähnlich wie die von Frau Zibulska — 
mit einem Blick aus alte grüne Bäume dazu gehöre. 
Blumenbretter mußten an den Fenstern sein, und 
neben dem Kachelofen stand ein Sofa — davor ein 
Tisch — darüber eine Hängelampe mit einem Schinn 
aus rosa Seidenpapier — dann eine Kommode, und 
über dieser hing sein Bild. Ja — Wilhelm Bräuer 
konnte Pläne'spinnen, wenn er mit seinen Gäulen 
auf den Acker fuhr... Oder wenn er Sonntags 
draußen vor dem Tor in der kleinen Kneipe ein- . 
Wihenhausen. Gotisches Haus von 1480. 
Aufnahme von Heinrich Huhn-Witzenhausen. 
kehrte, in dem altfränkischen „Märkischen Krug", 
der so sonderbar gegen die hohen Mietskasernen ab 
stach. 
Nahe an diesem Krug lag ein Birkenwäldchen 
und dahinter ein Friedhof. 
Wieder saß Bräuer einmal hinter den: Wirtshaus 
fenster tlnd sah viel Leute vorübergehen, die Kränze 
und Blumen nach dem Friedhof trugen und gestor 
benen Hoffnungen nachtrauerten. Da kam ihm ganz 
zum Bewußtsein, daß er im Gegensatz zu jenen von 
einer hellen sonnigen Zukunft träume. 
Auf der Straße ging auch eine junge Frau in 
Trauerkleidern. Sie trug ein kleines grünes Tannen 
bäumchen — ein Adventsbäumchen — im Arm. 
Das Bäumchen ließ eine Erinnerung in ihm 
wachwerden. Er schlug sich mit der flachen Hand 
vor die Stirn. War er nicht Frau Zibulska — nein, 
Fräulein Babette Dank schuldig für die Gastfreund 
schaft an jenem Abend? 
Er würde ihr einen Adventsreifen winden, aus 
Tannengrün mit Lichtern, und ihn selbst hin 
tragen — nächsten Sonntag, als am zweiten Advent! 
Und Fräulein Babette würde er erzählen, daß er
	        

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