Full text: Hessenland (37.1925)

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nicht zurückschreckendem Realismus geschildert 
und mit meisterhafter Kunst lebendig. Da 
neben breitet der Verfasser, ein rechtes Kind 
seiner Zeit, obschon er keine rechte Schule be 
sucht, wohl aber allerlei gelesen hat, gelegent 
lich gern seine gelehrten Kenntnisse aus. Im 
allgemeinen aber liegt gerade in der Volks 
tümlichkeit sein großer Vorzug, und gerade die 
volkstümliche Überlieferung ist ihm eine wich- 
tige Quelle. So ist dieser Roman auch für 
die Kulturgeschichte von höchster Bedeutung. 
etwas ganz Ungewohntes war, schon hier und 
da in die Erscheinung. Tugend und Laster 
stellt er in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. 
Nichts ist ihn: beständig als die Unbeständig 
keit. Überall setzt er sich mit den Dingen, die 
seine Zeit bewegen, auseinander, sucht die 
letzten Probleme des Daseins zu enthüllen. 
In diesem Bekenntnisroman spiegelt sich das 
deutsche Wesen jener Zeit. Die innere Entwick 
lung des Menschen von der Einfalt durch aller 
lei Wirrnisse zur Läuterung als ins Typische 
Wie der Teufel (Simpliztus) dem Pfaffen den Speck gestohlen. Zeichnung von E. Gottwald. 
Der Aberglauben der Zeit, das Hexenunwesen, 
die Schatzgräberei nehmen einen breiten Raum 
ein, wenn der Verfasser selbst auch diesen Din 
gen schon kritischer gegenüber steht. 
Es hat mir so wollen behagen, 
Mit Lachen die Wahrheit zu sagen 
steht als Motto auf dem Titel der letzten Aus 
gabe, und alles ist in diesen abgeklärten Hu 
mor getaucht, der auch gern zu Ironie und 
Satire übergreift. Auch eine ästhetische Wer 
tung der Landschaft tritt, was damals noch 
erhobenes Erlebnis wird hier zur Dichtung. 
Es führt eine Linie von Parzival über Sim- 
plizissimus zu Wilhelm Meister; denn eben 
dieses Problem, wie der Mensch durch seine 
Zeit zum Manne wird, ist, worauf kürzlich 
noch Oeftering hinwies, in der deutschen Lite 
ratur dreimal klassisch gelöst worden, durch 
Wolfram von Eschenbach im „Parzival", durch 
Grimmelshausen im „Simplizissimus" und 
durch Goethe im „Wilhelm Meister". 
So wird denn der „abenteuerliche Sim- 
plizissimus" unseres Gelnhäuser Landsmanns
	        

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