Full text: Hessenland (37.1925)

ärmliche Verhältnisse, und so hatte sich auch 
Grimmelshausen bald nach der Plünderung 
seiner Vaterstadt nach Hanau gewandt, wie 
auch der ältere Bruder seines Vaters, der 
Bäcker, Wachtmeister der Bürgergarde und 
Mitglied des jungen Rates zu Gelnhausen, 
Caspar Christoffel, der als eapitain d’armes 
in Hanauische Dienste trat. Im 19. Kapitel 
des ersten Buches des „Abenteuerlichen Sim- 
plizissimus", das wir in diesem Heft wieder 
geben, schildert Simplicius seinen Besuch in 
dem eben (1634) eroberten Gelnhausen. In 
seinem „Ewigwährenden Kalender" sagt Grim 
melshausen: „Anno 1635 wurde ich in Knaben - 
weis von den Hessen gefangen und nach Cassel 
geführt", und weiter heißt es in der Vorrede 
zum „Satyrischen Pilgram", der Autor sei 
zehnjährig ein „rotziger Musquedirer" gewor 
den. Authentisches erfahren wir erst wieder 
aus dem Jahr 1638, wo er mit der Armee des 
Grafen Götz von Westfalen nach dem Ober 
rhein kommt. Als Regimentssekretär des 
Obristen von Elter finden wir ihn auf ver 
schiedenen Kriegsschauplätzen. In Offenburg 
verheiratet er sich 1649 mit Katharina Hen- 
ninger, der Tochter des Wachtmeisters Hen- 
ninger in Zabern. Die Heiratsurkunde bezeich 
net ihn ausdrücklich als ehelichen Sohn des 
„Herrn Johannis Christoffen, geweßten Bur 
gers zu Gelnhausen". Wohl kurz vor seiner 
Verheiratung scheint er, der hessische Pro 
testant, zum Katholizismus übergetreten zu sein. 
Nach dem Krieg ist er Schaffner des Ofsen- 
burger Kommandanten Hans Reinhard von 
Schauenburg zu Gaisbach in Baden (1649 bis 
1661), wo sich der einstige Musketier, wie zahl 
reiche Urkunden bezeugen, als ein tatkräftiger 
und pflichttreuer Verwalter der Güter seines 
Herrn bewährte, daneben aber auch schon in 
seiner Schreibstube Muße für seine schriftstelle 
rische Betätigung fand. Er bewohnte in Gais 
bach ein kleines Haus auf der sog. „Spital 
bühne". In den Jahren 1662—65 ist er dann 
Schaffner des reichen Straßburger Arztes Dr. 
Johann Küffer auf dessen Ullenbnrg bei 
Renchen. Von 1665 — 67 finden wir ihn 
wieder in Gaisbach, wo er als Wirt zum Sil 
bernen Stern in seinem früheren Heim auf der 
Spitalbühne eine Weinwirtschaft betreibt und 
nun erst recht Zeit hat, mit dem Federkiel zu 
fabulieren. Seit 1667 hat er dann noch fast 
zehn Jahre lang das dem Bischof von Straß- 
burg unterstellte Schultheißenamt zu Renchen 
im badischen Schwarzwald verwaltet; von hier 
aus hat er seine Simplizianischen Schriften 
zum Druck befördert, und hier, an der Schwarz 
wälder Kinzig, hat den an der hessischen Kin 
zig Geborenen am 17. August 1676 der Tod 
ereilt. 
Neben dem „Simplizissimus" (1668) hat 
Grimmelshausen noch etwa 25 andere Werke 
geschrieben. Eng mit dem Hauptwerk ver 
bunden sind „Trutz Simplex" (1670), die 
meisterhafte Lebensbeschreibung der Landstör 
zerin Courasche, der „seltsame Springinsfeld" 
(1670) und das „wunderbarliche Vogelnest" 
(1672 und 74). Daneben schrieb er eine Reihe 
geschmackloser Liebesromane im Stile des Phi 
lipp von Zesen. Weiter erzählte er die Ge 
schichte des „ersten Bärenhäuter" und war 
im „Ewigwährenden Kalender" der erste Vor 
läufer Hebels. 
Der erste wirkliche Roman der deutschen 
Literatur war sein „Abenteuerlicher Simpli 
zissimus". Hier schildert er in der Einkleidung 
der Selbstbiographie auf dem Hintergrund des 
blutigen großen Krieges, dessen trefflichster 
literarischer Schilderer er war, die Entwicke 
lung eines jungen Menschen, dem das Leben 
mancherlei Erfolg bringt, aber auch übel mit 
spielt, bis er sich als weltmüder Erdenpilger 
zu dem Entschluß durchringt, sein Leben als 
Einsiedler zu beschließen. In der Einsamkeit 
des Waldes aufwachsend genießt er unter der 
Obhut eines Spessartbauern eine verwahrloste 
Erziehung, bis ihn die Kriegsfurie vertreibt. 
Er kommt zu einem Einsiedler, der sich im 
Lauf der Erzählung als sein Vater heraus 
stellt, und wird hier in zwei Jahren „aus einer 
Bestia zu einem Christenmenschen". Nach des 
Einsiedlers Tode wandert er fort, wird auf 
der Festung Hanau gefangen genommen, er 
fährt von dem Gouverneur, daß der Einsied 
ler, ein früherer adliger Offizier, dessen Schwa 
ger gewesen ist und nach der Schlacht bei Höchst 
seine Frau verloren hat. Diese hat dann, wie 
wir später erfahren, sich zu jenem Spessart 
bauern geflüchtet und dort einen Sohn ge 
boren, eben jenen Pflegesohn des Bauern, den 
Simplizius. Simplizius wird vom Gouver 
neur als Page angenommen, fällt aber in Un 
gnade. Der Gouverneur macht ihn schließlich 
zu seinem Narren. Dann wird er von Kroaten 
gefangen genommen, entflieht, wird Einsiev- 
ler, muß sich seine Nahrung durch Diebstahl 
erwerben und setzt sich dabei zufällig im Haus 
einer Hexe auf eine verzauberte Bank, die ihn 
durch die Luft in eine Hexenversammlung 
führt. In der Gegend von Magdeburg wird 
er gefangen, schließt mit dem trefflichen Herz
	        

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