Full text: Hessenland (37.1925)

202 
die Stadt Höxter, um das eigene Gewerbe zu 
schützen, die Einfuhr verbot, die nur dem Fürst- 
abt von Corvey gestattet blieb. 22 Auch in der 
Erhaltung und Pflege der geistigen Kultur 
spielten die Landstädte eine gewisse Rolle. Als 
die Klosterschulen verfielen, traten die Stadt 
schulen an ihre Stelle. Waren auch ihre 
Leistungen ungleich und im ganzen nicht hoch, 
so beweisen doch die zahlreichen Namen von 
22 P. Wigand, Denkwürdige Beiträge für Geschichte 
und Rechtsalterthümer. S. 167. 
Bürgersöhnen in den Matrikeln der Univer 
sitäten, besonders in der von Erfurt, daß sie 
als Vorbereitungsschulen für die Studien wirk 
ten. Die Städte vertraten neben dem Stand 
der Prälaten und der Ritter auf den Land 
tagen die „Landschaft", der zahlreiche und 
wichtige Bauernstand blieb bis zum Jahre 
1815 ausgeschlossen und ist erst damals zu 
eigener Vertretung und dann auch, den Spuren 
der Bürger folgend, zur Befreiung durch 
gedrungen. 
Joh. Jak. Christoph von Grimmelshausen. Von paul Heidelbach. 
Vor dreihundert Jah-ren, inmitten des Deutsch - 
lands Gauen verheerenden dreißigjährigen 
Krieges, lvurde in dem durch eben diesen Krieg 
zu einer Trümmerstätte gewordenen Geln 
hausen ein Dichter geboren, der in seinem 
„Abenteuerlichen Simplizissimus", dem besten 
deutschen Roman des 17. Jahrhunderts, ein 
Werk schuf, das in jenen Tagen, da sein Vater 
land zertreten und verwüstet wurde, der Sehn 
sucht seiner Zeit nach einer besseren Zukunft 
wie kein zweites Werk Ausdruck gab— Johann 
Jakob Christoph von Grimmelshausen. 
Mehr als anderthalb Jahrhunderte hat es 
gedauert, bis man wenigstens den Namen dieses 
Hessen, der nach der barocken Mode der Zeit 
diesen seinen Namen durch unerschöpfliche ana- 
grammatische Versetzung der Buchstaben zu ver 
hüllen suchte, ermittelte. Noch Gervinus in 
seiner Literaturgeschichte bezeichnet ihn als Ger 
man Schleisheim von Sulsfort, und erst den 
scharfsinnigen Untersuchungen von Echtermeyer 
(1838) und Passow (1843) gelang der Nachweis, 
daß Grimmelshausen der Verfasser sowohl des 
„Simplizissimus"wie einer ganzen Reihe anderer 
Schriften war. Aber über sein Leben selbst 
blieb nran noch lange im Unklaren, wenn man 
auch schon früh — und weit über das Ziel 
hinaus — bemüht gewesen war, allerhand An 
spielungen in seinen Werken zu seinem Leben 
in Beziehung zu setzen. Verhältnismäßig spät 
setzte die biographische, unser Wissen um seine 
Person fördernde Forschung ein. Nachdem sich 
schon Duncker (Zeitschrift für Hess. Geschichte 
Bd. 19) und nach ihm Grotefend (Hessenland 
1897) erfolgreich um die Herkunft des Dichters, 
der sich gelegentlich selbst als „Gelnhusamis“ 
bezeichnete, bemüht hatten, hat die neueste Zeit 
namentlich durch die Forschungen des Amster 
damer Universitätsprofessors Dr. Schölte, des 
Karlsruher Professors Dr. W. Oeftering, der 
Münchener Professoren Dr. A. Bechtold und H. 
Borcherdt, des Geheimrats Professor Dr. Elster- 
Marburg sowie verschiedener Heimatforscher wie 
Kreuter und Haldy, erhebliches Licht in das 
bisherige Dunkel gebracht.* Vor allem aber 
erwarten wir mit Spannung die vom Insel- 
verlag vorbereitete Herausgabe der auf Akten 
material der westfälischen und süddeutschen Ar 
chive fußenden Grimmelshausenforschung des 
verstorbenen Marburger Archivdirektors Ge 
heimrat Dr. Koennecke, die über das Leben 
unseres hessischen Landsmannes reichen Auf 
schluß zu geben verspricht. 
Joh. Jak. Christoph von Grimmelshausen 
wurde um 1625, vielleicht auch schon früher, 
in Gelnhausen geboren. Hier, in der Ober 
haitzergasse, waren seine Urgroßeltern, der 
Zentgraf zu Reichenbach Jorg Christoph von 
Grimmelshausen und seine Frau Katharine, 
seit 1571 ansässig. Des Dichters Großvater 
Melchior Christoffel war, wie guch andere 
Mitglieder der wahrscheinlich dem niederen 
Adel angehörenden Familie, Bäcker; er war 
Zunftmeister und besaß ein Wohnhaus in der 
Schmidtgasse Nr. 12, jetzt Gasthaus zum 
Weißen Ochsen von Heinrich Denhardt; in 
diesem Haus wurde der Dichter als Sohn des 
Johann Christoph geboren und verbrachte hier 
seine ersten Jugendjahre. Leider sind die Geln- 
häuser Kirchenbücher aus der Zeit des 30- 
jährigen Krieges nicht mehr vorhanden. Ver 
mutlich brachte der Krieg die Familie in recht 
* Von neueren Untersuchungen, die diesem Aufsatz zu 
Grunde liegen, sei noch besonders auf „Joh. Jakob CH. 
von Grimmelshausen. 1624—1924. Festbuch, heraus 
gegeben im Auftrag der Gemeinde Renchen von Ernst 
Batzer" hingewiesen, dem auch die Zeichnungen unseres 
Heftes von Ernst Gottwald entnommen sind. Ferner wird 
in der Beilage zum Gelnhäuser Tageblatt „Die Heimat" 
1924, Nr. 10—12 und 1925, Nr. 1 in verschiedenen 
Aufsätzen von I. L. Kreuter die Frage der Abstammung 
Grimmelshausens und die urkundliche Feststellung seiner 
Geburtsstätte gefördert.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.