Full text: Hessenland (37.1925)

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Stadt ihm zur Verfügung stehe. * 17 19 20 21 Die Stadt 
ist Burg, ihre Bewohner sind die Bürger. Die 
Stadt Geismar verspricht im Jahre 1374 dem 
Kloster Lippoldsberg, seine Güter „vor Geis 
mar unde daby np den dorpen" vor Schaden 
zu bewahren und seine Meier, „d e i n u n s e r 
borg" sind, zu schützen. 1 ? 
Die ersten Besiedler der Städte waren zu 
meist hörige Bauern, woher hätten auch Freie 
kommen sollen? Es gab zwar noch freie Bauern 
im Lande, wie sie sich z. B. in Calden nach 
weisen lassen, aber es waren freie Grund 
besitzer, die die Umsiedelung nicht locken 
konnte, und ihre Zahl nahm im 13. Jahr 
hundert weiter ab, hauptsächlich durch Er 
gebung in den Schutz der Kirche. Die Auf 
lösung der Wirtschaftsämter, denen die Hörigen 
mit ihrer Hufe unterstanden, und die Bildung 
von Meierhöfen aus mehreren Hufen trieb 
viele Bauern von der Scholle und machte sie 
zu geeigneten Neusiedlern. Das alte Wort: 
„Stadtluft macht frei" besteht zwar zu Recht, 
doch hat es nur eine bedingte Geltung. Zu 
nächst erhalten die neuen Bürger nur Frei 
heiten, und es bedurfte langer Zeit, bis sie 
zu derjenigen Bürgerfreiheit gelangten, die im 
Mittelalter überhaupt erreicht wurde. Der 
Abt von Corvey übertrug im Jahre 1250 zur 
Schadloshaltnng dem Kloster Helmarshausen 
seine in der Neustadt und der Altstadt woh 
nenden Hörigen zu demselben Recht, wie er 
sie besessen hatte, bezüglich derer, die etwa 
noch einwandern würden, behielt er sich aber 
seine Rechte vor. 1 ^ Frühere Abgaben von Hö 
rigen legte man auf den Grund und Boden um, 
und in dieser Form bestanden sie vereinzelk bis 
zum Anfang des vorigen Jahrhunderts, und 
eine besonders unbillige, demütigende und ver 
haßte Auflage, der Heiratszwang, kraft dessen 
der Fürst die Bürger zwingen konnte, ihre 
Kinder nach seinem Interesse und Belieben zu 
verheiraten, wurde in Wolfhagen, Zierenberg 
und Grebenstein erst kurz vor dem Ende des 
Mittelalters förmlich aufgehoben. Grundsätz 
lich galten endlich Rechte und Freiheiten nur 
soweit, als sie vom Stadtherrn bestätigt waren. 
Lange blieben die Städte Komplexe von 
Dorfschaften, die als Sondergemeinden weiter 
bestanden und wohl auch gesondert angesiedelt 
wurden. Dafür zeugen nicht nur die Zieren-- 
i** Staatsarchiv Münster, Fürstentum Paderborn, 
Nr. 496 und 521. 
17 Staatsarchiv Marburg, Urkunde des Klosters Lip 
poldsberg. 
u Westfälisches Urkundenbuch IV. Nr. 418. 
berger Brüderschaften, sondern auch dieMeier- 
schaften in Hofgeismar, agrarische Genossen 
schaften, deren Mitglieder gewisse Pflichten in 
den früheren Sonderfluren erfüllten urrd Teile 
der gemeinen Mark als Eigentum sich erhalten 
hatten. Nachdem eine Meierschaft sich auf 
gelöst hat, bestehen'noch vier, doch haben sie 
bei der Verkoppelung gegen die Aufhebung 
ihrer Pflichten einen Teil des Grundbesitzes 
der Stadt überlassen müssen. 19 
Für die Bedeutung der Städte wurde die 
Größe und Ergiebigkeit der Gemarkung fast 
ausschließlich maßgebend. Hofgeismar und 
Wolfhagen erhielten durch den Zuwachs wei- 
tererDorfschaften Gemarkungen von etwa 4000 
Hektar, die zur Zeit des größten Tiefstandes 
der Landwirtschaft im 18. Jahrhundert zum 
Ausbau in Kolonien einluden. Die Bürger, 
die ein hohes Interesse an der Erhaltung des 
Landfriedens hatten, sicherten sich nicht nur 
durch Mauern uitb Türme, sondern auch ihr 
Stadtgebiet durch Landwehren, Schläge, Knicke 
und Warten? 9 Dies alles wurde fast nur durch 
das Scharwerk der Bürger geschaffen. Ge 
legentlich gaben sie auch den Beweis einer- 
später abhanden gekommenen politischen Mün 
digkeit, indem sie sich zum Schutz des Land 
friedens verbündeten. Ein solches Bündnis 
schlossen die Städte Marburg, Hofgeismar, 
Volkmarsen, Wolfhagen und Marsberg im 
Jahre 1358 unter genauer Festlegung der 
übernommenen Pflichten? 1 Die Städte waren 
im Interesse des Landesherrn gegründet, sie 
waren seine Burgen und die wehrfähig gewor 
denen Bürger bildeten die Besatzung. Die 
Städte stellteir auch eine stets bereite Mann- 
schaft für den Auszug, die bei den größeren 
einige hundert Mann betrug, die Diemelstädte 
insbesondere bei der starken Pferdehaltung, 
die dort herrschte, ein starkes reisiges Auf 
gebot. Die Städte leisteten endlich durch Steu 
ern, Darlehen und Bürgschaften dem Landes 
herrn finanzielle Hilfe. 
Blieb auch der Ackerbau die wichtigste Er 
werbsquelle der Bürger, so entwickelte sich doch 
auch das in Zünften organisierte Handwerk 
und einzelne Gewerbe, unter denen die Brauerei 
hervorragte. Das Geismarsche Bier genoß im 
Mittelalter solchen Ruf, daß die Weserklöster 
Hilwartshausen und Bnrsfelde ihre Pflicht 
lieferungen an den Hof des Herzogs von 
Braunschweig in diesem Gebräu erfüllten und 
io „Hessenland" 1907, S. 231, 245. 
20 „Hessenland" 1910, S. 193. 
21 Lyncker in der Zeitschr. f. Hess. Gesch. Bd. 6, S. 176.
	        

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