Full text: Hessenland (37.1925)

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Die Entstehung der Städte im hessischen Diemelland. Von F. Pfaff. 
(Schluß.) 
Karlshafen, die jüngste Stadt des Gebietes, 
ist von den älteren Städten nach Zweck und 
Wesen völlig verschieden. Sie ist nicht als 
Feste zur Sicherung oder Erweiterung des 
Territoriums gebaut, sondern für die Zwecke 
friedlichen Verkehrs, sie wurde nicht mit hei 
mischen Bauern besiedelt, sondern mit Ro 
manen, die aus der Heimat vertrieben waren, 
in ihr spielte nicht der Ackerbau die Hauptrolle, 
sondern nach dem Willen des Gründers Ge 
werbe und Handel. Der Landgraf Karl von 
Hessen siedelte im Jahre 1699 eingewanderte 
Hugenotten und Waldenser in dem sumpfigen 
und bruchigen Winkel zwischen der Weser und 
der Diemel an, wobei er ihnen, wie einst seine 
Vorfahren den Bauern, Vorrechte und Frei 
heiten zusagte. Nicht immer war die Gegend 
unbewohnt gewesen. Hier lagen einst die Dörf- 
lein Gotlovessen und Seborg (Sieburg), das 
eine eigene Kirche hatte. Als man die Fun 
damente der Stadt legte, stieß man auf ein 
Urnenfeld, das man nach dem Brauch der 
Zeit den Römern zuschrieb, ohne sich um die 
Erhaltung und Sammlung der Gefäße zu be 
mühen. Es ist auffallend, daß auch in dem 
Winkel zwischen der Diemel und der Esse im 
Jahre 1847 beim Bau der Eisenbahn ein 
solches Feld angeschnitten wurde. Es wurde 
nur zum geringen Teil aufgedeckt, und wenige 
Fundstücke sind erhalten worden. 
Die Stadt, in die bald auch Deutsche ein 
wanderten, entwickelte sich zunächst langsam, 
und auch später blieben Stockungen und Rück 
schläge nicht aus, so besonders zur Zeit der 
Kontinentalsperre und des Königreichs West 
falen. Der Plan Karls, die Diemel schiffbar 
zu machen intb im Essetal einen Kanal anzu 
legen, um dem Handel eine neue Bahn zu er 
öffnen, blieb in den Anfängen stecken und 
wurde nach seinem Tode ausgegeben. Erst seit 
die Stadt gute Bahnverbindung erhielt und die 
Weserschiffahrt auflebte, zugleich auch eine 
nicht unbedeutende Industrie sich entwickelte und 
der Fremdenverkehr gehoben wurde, machte sie 
größere Fortschritte. 
Das der Stadt verliehene Wappen stellt eine 
Felsenburg dar, über der auf einem Band der 
bis zum Jahre 1716 gebrauchte Name Sieburg 
steht. So hieß der Nordkopf des Reinhards 
waldes, ehemals ein königlicher Bannsorst, der 
über der Stadt ansteigt. Heute noch führt er 
diesen Namen, und die Sage versetzt dahin eine 
alte Bergfeste. Doch finden sich von ihr keine 
Spuren, dagegen schließt eine Grabenlinie, der 
Hünengraben, den Kopf gegen Süden ab. 
Stephan Winterberg, der Lobredner seiner 
erst eben entstandenen Vaterstadt, rühmt beson 
ders an ihr, daß die Häuser in ihr nach bel 
gischer Art dicht aneinander gebaut seien, man 
könne die Stadt für ein einziges Haus halten, 
wenn nicht die Eingänge wären. Man wird 
das freilich kaum für ein' Lob halten dürfen. 
Hingegen ist für die älteren Städte die Ge 
räumigkeit der Anlage charakteristisch. Wenn 
der niedersächsische Bauer es liebte, gesondert 
zu wohnen, so hinderte ihn als Bürger daran 
der Manerring, aber getrennt von den Nach 
barn wollte er hausen, und so blieb auch in 
den Städten, in denen auch heute noch das 
niedersächsische Bauernhaus die bauliche Grund 
schicht bildet, viel unbebauter Raum. 
Erweiterung der Herrschaftsrechte und Ver 
mehrung des Eigenbesitzes bilden die Angel 
punkte, um die die Politik der Fürsten, der 
werdenden und gewordenen Territorialherren, 
vom 13. bis zum 16. -Jahrhundert sich bewegte. 
Überragend ist von alters her die Stellung des 
Erzstifts Mainz, aber sie beruhte viel mehr aus 
dem Recht der Oberhoheit als auf Eigenbesitz, 
auch der Landgraf muß seine Städte Wolf 
hagen, Zierenberg, Grebenstein und Jmmen- 
hausen von ihm zu Lehen nehmen. Indes be 
gann der Lehensverband, gerade bezüglich der 
großen Lehen, sich schon zu lockern. Das Ziel, 
das der Landgraf sich gesetzt hatte, sein wenig 
umfangreiches und unfertiges Gebiet abzurun 
den, hat er mit bewundernswerter Tatkraft, 
mit Konsequenz und auch mit Glück verfolgt, so 
daß es ihm schon gelang, im Diemeltale festen 
Fuß zu fassen, dessen Nordrand auch für seine 
Nachfolger das Endziel bildete. 
Die Städte wurden gegründet, um die Politik 
der Territorialherren zu fördern, und das ent 
scheidende Moment bei ihrer Entstehung ist der 
Mauerbau, an den sich öfters ein Burgbau 
anschloß, nicht umsonst heißt es: Bürger und 
Bauer scheidet nichts als die Mauer. Der 
Bischof Dietrich von Paderborn erlaubte den 
Klöstern Willebadessen (1317) und Gehrden 
(1319), sich mit einer Mauer zu umgeben unter 
der Bedingung, daß die so en t stand en e 15 
15 Stephan Winterberg, Oratio panegyrica in laudem 
urbis Carolshaviae. 1722.
	        

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