Full text: Hessenland (37.1925)

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Luft Federn von Tauben herunterwirbelten, die der 
fluggewaltige Räuber in aller Geinütsruhe auf seiner- 
hohen Warte kröpfte. Mit scharfen Augen hatte er 
Leben und Treiben der Menschlein, die tief unter 
ihm herumkrabbelten, beobachtet. Zuerst mit Inter 
esse, dann aber mit wachsender Wut hatte er die Ent 
wicklung der Autos und Flugzeuge verfolgt. Waren 
sie doch auf dem besten Wege, ihm, dem schnellsten 
Segler der Lüfte, den Geschwindigkeitsrekord zu ent 
reißen. Dazu kam noch ein anderer Umstand. Öfters 
umflorte sich sein Blick, ihn schwindelte, die Glieder 
zitterten und sein starkes Herz flatterte ängstlich. 
Der Wanderfalke klagte seiner Freundin und Nach 
barin, der Schleiereule, sein Leid. Sie horstete im 
Turmstuhl der Martinskirche. Vor Jahrhunderten 
hatte ein Urahn von ihr in Salerno, dem Sitz der 
höchsten medizinischen Weisheit, studiert, und seit 
dem erbten sich die über ein halbes Jahrtausend ge 
hüteten Kenntnisse von Geschlecht zu Geschlecht fort. 
Bedächtig fühlte die Schleiereule dem Wanderfalken 
den Puls, sah ihm lange aufmerksam in die Lichter 
und erklärte: „Automobil-Kohlenoxydgasvergistung, 
inein lieber Freund, wenn dir dein Leben lieb ist, so 
entfleuch der vergifteten Kasseler Atmosphäre; freie 
Berg- und Waldesluft wird dich heilen." Nachdem 
der Wanderfalke dem alten Einsiedler zum Dank und 
als willkommene Abwechslung des täglichen Mäuse 
speisezettels noch einen feisten Täuberich gebracht 
hatte, verlegte er seine Jagdgründe in die Berge des 
Habichtswaldes, sehr zum Mißvergnügen der dor 
tigen Krähen, Eichelhäher und Sperber, die einen 
Oberlehnsherrn bekamen, der jedem, der ihm ins 
Gehege kam, ohne weiteres Federlesen das Herz 
aus dem Leibe riß. 
Der Wanderfalke also ergriff das Wort und ent 
wickelte unter ehrfurchtsvollem Schweigen der Menge 
seinen Plan, der auf genauer Kenntnis der tech 
nischen Fortschritte und unter eingehender Berück 
sichtigung der menschlichen Psyche aufgebaut war. 
Er selbst wurde einstimmig zum Generalissimus er 
wählt. Zu seinen Meldern ernannte er die beiden 
schnellsten Turmfalken, Rüttelblitz und Sturmsegler. 
Allgemeiner Burgfriede wurde verkündet. — 
Der Morgen des 24. Mai graute. Menschen 
massen wälzten sich über die wehrlose Wilhelms 
höhe, der Teufel schien seinen Sack ausgeschüttet zu 
haben. Rasenflächen wurden niedergewalzt, Gebüsche 
zertrampelt, quer durch den Aufwuchs Wege ge 
treten, unzählige Vogelnester mit junger Brut zer 
stört. Es war, als wenn Rotten von Wildsauen den 
Park sich zum Suhlplatz auserkoren hätten. Am 
Start herrschte fieberhafte Aufregung. Es war drei 
viertel 7 Uhr, kurz vor Beginn des Rennens. Die 
Telephvnleitung, die quer durch den Wald nach dem 
Endpunkt des Rennens lief und die Abfahrt der 
'Wagen signalisierte, war von dem Streckenkontrvl-> 
leur noch einmal geprüft worden. Aller Blicke waren 
auf die Erde gebannt, keiner sah den Wanderfalken, 
der mit seinen beiden Kampfgenossen von der hohen 
Tanne gegenüber der Domäne Wilhelmshöhe scharf 
äugig die Vorgänge beobachtete. Jetzt, es war 10 
Minuten vor 7 Uhr, gab er Sturmsegler einen iui> 
zen Befehl, und im Nu war dieser im Parkwald ver 
schwunden. 
Am Endpunkt des Rennens herrschte dieselbe Auf 
regung. Der Zielrichter hat den Hörer der Fern 
sprechleitung am Ohr, die Stoppuhr vor sich — 
Sieben Uhr! 1 Minute nach, 2 Minuten, 3 Mi 
nuten, 4 — kein Signal! Da plötzlich, was war 
das? Der erste Wagen saust durchs Ziel, unan 
gemeldet, ohne daß die Stoppuhr angestellt werden 
konnte. Entrüstet schreit der Zielrichter durchs Tele 
phon hinunter. Keine Antwort ertönt. Er brüllt 
lauter — aber alles bleibt still wie zuvor. „Meine 
Herren," sagt er nach Luft schnappend, „Leitungs 
störung, bitte sofort die Strecke absuchen lassen." 
Reichswehrverkehrssoldaten, Schupos, Parkwärter— 
alles rennt. Nach einer halben Stunde hat man des 
Rätsels Lösung. Zwischen Schloß und Start ist 
der Leitungsdraht auseinandergerissen, die Enden 
hängen verbogen im Pestwurzgestrüpp. Mit fieber 
hafter Eile wird der Schaden wiederhergestellt; 
keiner achtet auf die höhnischen Fratzen der Krähen, 
die aus dem Faulbaumgebüsch herausgrinsen und 
sich soeben die krummen Schnäbel mit heilendem 
Birkensaft bestrichen hatten. War doch dieser Kupfer 
draht erheblich härter gewesen, als der härteste ver 
eiste Bullenschenkelknochen, mit dem sie in magerer 
Winterszeit sich abgequält hatten. 
Nach einstündiger Verzögerung sollte der erste 
Wagen noch einmal laufen. Wieder gab der Wander 
falk zehn Minuten vor dem Abfahrtsignal des 
Mannes mit der blauen Armbinde — diesmal seinen 
beiden Adjutanten — einen leisen Wink, und Rüttel 
blitz und Sturmsegler sausten weg. Am Endpunkt 
wiederholte sich dieselbe Tragödie. Der Wagen 
schoß, ohne daß Anruf erfolgt war, durchs Ziel. 
Nach langem Suchen entdeckte man, daß die Leitungs 
drähte an zwei fern von einanderliegenden Stellen 
zersplittert auf der Erde lagen. Nicht entdeckte man, 
daß im benachbarten Baumwipsel Bussard und Wald 
kauz hockten und höchst befriedigte Gesichter schnitten. 
Trotz des strengen Schweigebefehls des gefürchteten 
Generalissimus stieß der Bussard einen schmettern 
den Triumphruf aus, der zwar von den ratlos 
herumblickenden Männern nicht beachtet wurde, wohl 
aber den hellen Ohren des Wanderfalken nicht ent 
ging. Sofort schickte er Rüttelblitz mit zehn Krähen 
ab, die den unvorsichtigen Bussard nach dem Grab 
mal des Vergil in Gewahrsam abführten. 
Die Rennleitung war außer sich. Offenbar lag 
wohldurchdachte Sabotage vor von fanatischen Natur 
freunden oder sonstigem idealistisches Gesindel. Tele 
phonisch wurde Verstärkung bei der Schupo an 
gefordert, so daß schließlich eine achtunggebietende' 
Armada von hundert Mann die Strecke bewachte, als 
um 11 Uhr der erste Wagen zum dritten Mal ab 
gelassen wurde. Daß die Schlacht jetzt vor ihrer 
Entscheidung stand, hatte Generalissimus Wander 
falke aus dem großen Hauptquartier im Tannen 
wipfel wohl erkannt. Er selbst sauste mit Sturm 
segler im letzten Augenblick fort, um wie Hannibal
	        

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