Full text: Hessenland (37.1925)

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Das vereitelte Herkules-Bergrennen. Von Thilo Schnurre. 
Die Wilhelmshöher Tierwelt führte seit kurzem 
etwas Besonderes im Schilde. Geheimtun und Rau 
nen allenthalben, wie vor einer Revolution. In 
den verwachsensten Hecken, in den unzugänglichsten 
Felsspalten, in den verstecktesten Erdlöchern hockten 
die Verschwörer und brüteten über unheilschwangeren 
Plänen. Da aber jede Sippe, jede Gefolgschaft je 
nach Körperbeschaffenheit und Gemütsart die ver 
schiedenartigsten Anschläge ausheckte, wurde von den 
Ältesten zum Austausch der Meinungen eine all 
gemeine Volksversammlung ausgeschrieben. 
In der Dämmerung des 10. Mai zogen un 
gezählte Tausende zu Wasser, Luft und Erde nach 
dem verfallenen Steinbruch zwischen Merkurtempel 
und Fuchslöchern. Manche, wie der wohlbeleibte 
Feuersalamander und die phlegmatische Erdkröte, 
hatten Tagereisen gebraucht, um den abseits ge 
legenen Versammlungsplatz zu erreichen. Der Alters 
präsident, der zwanzigjährige Waldkauz Aluco, der 
mit seinen durchgeistigten Augen, seinen verschleier 
ten Zügen und seinem nachdenksamen Wesen jedem 
Lehrstuhl der Philosophie als Vertreter der meta- 
vhysischen Richtung zur Zierde gereicht hätte, er 
öffnete die Verhandlungen. In einem kurzen histo 
rischen Rückblick wies er darauf hin, daß seit alters 
der Vierfüßler gelaufen, der Fisch geschwommen, der 
Vogel geflogen sei. „DieSaurierperiode und die Frage 
des Archaeopterix", fügte er hinzu, „schalte ich aus 
meiner Betrachtung aus." „Zur Sache", krächzte 
vom Eschenstrauch herab der Eichelhäher. Und „zur 
Sache" wiederholte lärmend die ganze zänkische Sippe 
der Markwarte, die seit alters mit dem Geschlecht 
der Eulen in Todfeindschaft lebte. Rach einem weg 
werfenden Seitenblick auf die vorlauten Zwischen 
rufer fuhr der Waldkauz fort: „Rur der Mensch stört 
die Harmonie der Natur. Kaum war er auf der 
Welt, so vernichtete er durch seine Begehrlichkeit den 
Frieden des Paradieses." „Veraltete, längst wieder 
legte Anschauung", brummelte die Schleiereule, die 
von ihrem Horchposten auf dem Wahlershäuser 
Kirchturm mancherlei kritische Gespräche der Kirch 
gänger erlauscht hatte. „Ist es da ein Wunder," 
sprach der schwerhörige Waldkauz ruhig weiter, „daß 
dies ewig unzufriedene Geschöpf auch mit den ihnl 
von der Natur verliehenen Beinen unzufrieden ist? 
Es hat sich hölzerne Kästen gebaut und schwimmt 
damit schneller als der Haifisch, es hat sich Flügel 
umgeschnallt, mit denen es unsern behendesten 
Flieger, den -Turmfalken, überholt" — „oho!" 
schmetterte Sturmsegler, der schnellste aller Turm 
falken, dazwischen. „All das wollen wir ihm neid 
los gönnen. Aber jetzt droht uns eine furchtbare 
Gefahr. Offenbar nach Satanas Angaben in höl 
lischer Werkstätte hergestellte, schlimmer denn Pech 
und Schwefel stinkende Ungetüme durchrasen unsere 
Wilhelmshöhe. Viel rührende Züge berichtet die 
Tradition von der biedern Hessen Heimatliebe und 
Heimattreue. Es war einmal. Abgott Mammon, 
des Bösen treuester Knecht, hat ihre Herzen ver- 
steint, hat ihre Nasenlöcher und Lungenflügel ver 
zaubert, so daß sie Benzin und Benzol mit innigerem 
Wohlbehagen in sich hineinschnuppern als Blumen- 
und Waldesduft. Ihre in Sang und Sage gefeierte 
Wilhelmshöhe haben sie verraten und verkauft." 
„Kassel im Zeichen des Verkehrs!" Jawohl, ihr 
Geldgierigen, und Wilhelmshöhe — int Zeichen des 
Niedergangs. Die Perle des Hessenlandes zerrt ihr 
in den Schmutz, euer Dornröschen verwandelt ihr 
in ein Aschenputtel. Wäre der alte Recke dort oben 
auf dem Oktogon von Fleisch und Blut wie sein klas 
sischer Vorfahr, fürwahr, es gäbe für ihn im Habichts 
wald eine Heldentat auszuführen, die verdienstlicher 
wäre, als die Ausmistung des Augiasstalles." 
Aluco schwieg. Ganz gegen seine Gewohnheit 
war er in Erregung geraten; die dichten Federn 
sträubten sich an seinem hagern Leib, und die großen 
Augen glänzten in unheimlichem Feuer. Als erster 
Diskussionsredner meldete sich der Sprecher der 
Turmfalken. War es ein Wunder, daß dieser ritter 
liche Kämpe vorschlug, in offener Feldschlacht sich auf 
die dahinsausenden Ungeheuer zu stürzen und die 
am Steuer sitzenden Zweifüßler mit Fängen, Flügeln 
und Schnäbeln unschädlich zu machen? Lauter Zu 
ruf erscholl von der Seite, wo die Raubvögel saßen, 
die wehrhaften Geschlechter der Habichte, Bussarde 
und Sperber. Die Bedenken der schlauen Krähen 
und ihrer furchtsamen Vettern, der Dohlen, wurden 
niedergeschrien. Meister Reineke erhielt das Wort. 
„Schlauheit regiert die Welt", begann er, „und 
Heimlichkeit ist besser als offener Kampf. Laßt uns 
in der Nacht vor dem Rennen die Straßenkurven 
unterminieren. Wenn dann Mann und Wagen zu 
sammenstürzen, kann unser aus den Tapfersten aus 
erwählter Sturmtrupp — ich selbst verzichte gern 
auf die Ehre zu Gunsten der Sippe meines tapfern 
Vorredners — den Gestürzten ein Andenken an 
Wilhelmshöhe mitgeben, das ihnen das Wieder 
kommen auf immer verleidet." Reichen Beifall ern 
tete der rote Schlauberger bei allen Vier- und Mehr- 
füßlern, die in Erdarbeiten wohlerfahren waren. 
Die sonst so verachteten Wühlmäuse, die verhaßten 
Ratten, die geschäftigen Maulwürfe und viel son 
stiges Gesindlein, das im Bauch der Erde sein licht 
scheues Gewerbe trieb, hoben stolz das Haupt in 
die Höhe. 
Plötzlich schallte vom Wipfel der höchsten Tanne 
ein herrischer Schrei, der klirrte wie Schwerterschlag 
und klang wie Feldherrnruf. Es war der Wander 
falke. Ängstlich schaute alles Kleingetier auf den 
Gewaltigen, unter dessen krummem Schnabel und in 
dessen starken Fängen so mancher ihrer Artgenossen 
das Leben ausgehaucht hatte. Auf der Turmspitze 
der Lutherkirche hatte er jahrelang seinen Sitz gehabt 
und war der Schrecken aller Taubenzüchter der 
Stadt gewesen. Wie mancher Vorübergehende hatte 
verwundert in die Höhe geschaut, wenn aus der
	        

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