Full text: Hessenland (37.1925)

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Nun aber war am Deutschen Eck Ab 
lösung aufmarschiert, ein junger Kerl aus der 
Champagne, vor wenig Tagen erst zum Heer 
gekommen. Der bemusterte den Ehrenbreitstein 
gleich einem Feldherrn, der sich den besten Weg 
ihn zu erobern sucht, als ihm von drüben aus 
den Schiffen ein Funkeln in die Angen kam 
und er genau hinspähend ein blankes Rohr auf 
sich gerichtet sah. Und weil er nicht geneigt 
war, sich wie ein aufgemalter Scheibenmann 
abschießen zu lassen, riß er die Flinte kaum 
bedacht herunter, und ehe der Furier mit 
seinem Rohr ans Rheintor hielt: da legte sich 
gleich einer Peitschenschnur ein Büchsenschlag 
quer übern Rhein und tippte ihm dermaßen an 
sein Perspektiv, zwar nur am Rand, jedoch so 
stark, daß er rücklings auf das Ponton zu 
liegen kam und mit dem Messingrohr den 
dunstig blauen Frühlingshimmel visierte. Das 
gab natürlich bei den Zimmerleuten ein Ge 
renne, wie wenn der Fuchs zu Hühnern kommt; 
und als dem ersten Schuß auch noch ein zweiter 
folgte, waren dieTrierschen Jäger im Johannes- 
turm schon alarmiert. Denn weil im Waffen 
stillstand scharf zu schießen nicht erlaubt ist 
wie Schnupfen oder Kartenspielen, so fingen 
sie als die Verratenen zu knallen an, daß um 
den raschen Schützen aus der Champagne die 
Kugeln in die Mauer spritzten und eine ihm 
dermaßen an den Kolben schlug, daß er gleich 
einem Toten glatt in den Kies zu liegen kam; 
obwohl ihm von dem Schlag und Schrecken 
nur die Nase blutete, so daß er aufkratzend noch 
ums Deutsche Eck herum zum Schwanentor 
den Hasen spielen konnte. 
So gab es mitten in dem Waffenstillstand 
Süßer Schlag der Heidelerche, 
Sonnenschein aus allen Hügeln! 
Tauwind sang, durch alle Schluchten 
flog er rasch aus weichen Flügeln. 
(F. W. Weber.) 
Wohl selten ist die Sehnsucht nach den: Frühling 
so allgemein und so tief empfunden worden wie 
am Ausgang des Winters 1923/24, der gar nicht 
enden wollte. Da hat auch mancher frohen Herzens 
die ersten Frühlingsboten begrüßt, der sonst dem 
wiedererwachenden Leben kaum seine Aufmerksam 
keit zuwandte. Der rechte Naturfreund aber ver 
folgt mit immer neuem Genuß jahraus jahrein das 
Werden und Vergehen in der Tier- und Pflanzen 
welt. In der Beurteilung ungewöhnlicher Verhält 
nisse läßt er sich nicht so leicht von Angenblicks- 
stimmungen leiten wie der bloße Gelegenheitsbeob 
ein Geschieße überm Rhein und ein Geschrei, 
wie wenn noch an demselben Tag Koblenz- in 
Stücke geschossen werden müsse. Und weil sich 
Trierer wie Franzosen überfallen und verraten 
glaubten, so blieb es nicht bei den Gewehren. 
Vom Ehrenbreitstein siel der erste Stückschuß 
in die Stadt, beit zu erwidern die Franzosen 
sich beeilten, so daß nach einer Viertelstunde 
eine Kanonade ihre Schrecken in die Gassen 
und Dächer der alten. Rheinstadt schüttete. Erst 
als sie schon an vielen Stellen brannte, kam 
über die Kartause niederreitend und im Spazier 
ritt aufgeschreckt Marschall Mareeau und ließ 
sogleich die weiße Fahne an das Rheintor 
tragen. 
Da war's, wie wenn der Zufall, dem die 
wilde Schießerei entfahren war, zum andern- 
mal die Schelmenhand erhöbe: indem genau 
zur gleichen Zeit der Kaspar Trittenmacher 
aus seiner Ohnmacht zu sich selber kam und erst 
ans Auge, danach an alle Glieder faßte und 
alles noch ganz heil fand und sich auf seine 
Beine hob und sehr verwundert in dem Früh 
lingstag sein Perspektiv zusammenschob. Denn 
weil die Zimmerleute, in Furcht und Neugier 
hinter Planken sitzend, die weiße Fahne nicht, 
nur den Furier aufstehen sahen, wie der sein 
Perspektiv ins Futteral versenkte, und all der 
Lärm verstummte sogleich, wie wenn er aus 
dem Rohr gekommen wäre: so spähten sie dem 
kleinen Mann mit sonderbaren Augen nach, 
als er das Teufelswerkzeug unterm Arm ganz 
still nach Hause ging, indessen von Koblenz 
her der Rauch von vielen Bränden sich braun 
und dick in all den blauen Dunst des Pulvers 
mischte. 
Von Otto Wiepken, Marburg. 
achter, ihm steht bald ein gewisser Vorrat an Er 
fahrungen zum steten Vergleich zur Verfügung. 
Das Auftreten der einzelnen Entwicklungsstufen 
im Ablauf der Jahreszeiten zu beobachten und wo 
möglich ihre ursächlichen Zusammenhänge unter 
einander und ihre Abhängigkeit von äußeren Bediw- 
gungen zu ergründen, ist die Aufgabe der Phänologie 
(Erscheinungslehre). Dieser Zweig der Wissenschaft 
vom Leben fand in Gießen die tatkräftigste Förde-- 
rung durch Hoffniann und Ihne, die 1883, schon 
«auf mehrjährige Erfahrung gestützt, einen Aufruf 
zur Mitarbeit an alle Naturkenner ergehen ließen. 
Seitdem wuchs die Zahl der Beobachtungsorte nickit 
bloß im damaligen Großherzogtum Hessen, auch 
nicht nur im Deutschen Reiche, sondern weit über 
dessen Grenzen hinaus in den verschiedensten euro 
päischen Ländern erfreulich an, und vor einigen
	        

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