Full text: Hessenland (37.1925)

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Bis endlich der Leutnant der Wache nach dein 
Lärm sah und kurzerhand den Zug kassierte. 
Es wurde keine Gewalttätigkeit begangen an 
dem Tag und auch dem Fräulein, das auf der 
Wache fast ohnmächtig hinsank, lucís es zuviel 
für seine Kräfte gewesen ivar, konnte nichts 
Widersetzliches nachgewiesen werden; aber es 
ging bis in die Nacht hinein eine Unruhe in 
den Mainzer Straßen, daß der Gouverneur 
selber nach der Ursache sah. Der freilich kannte 
den Namen Stein und wußte gleich, ivas für 
einen Vogel er da im Käfig hatte; doch auch, 
was für eine Ungeschicklichkeit mit ihm begangen 
war, so daß der Kommissär schon ain Abend 
selber seinen Verweis erwartete. Die Sache 
schien ihm wichtig genug, dem Kaiser Mel 
dung zu machen, auch wurde das Fräulein 
vom Stein danach mitten im Frieden als 
Kriegsgefangene mit allen Ehren nach Paris 
gebracht. Sie war krank, als sie dort anlangte, 
und mußte lange warten, bevor der badische 
Gesandte ihre Ungefährlichkeit auf Diplomaten 
wegen beweisen konnte; auch unternahm sie 
nichts mehr zum Werk der Freiheit, weil ihre 
Kräfte hinfällig waren; trotzdem blieb ihre Tat 
lebendig, bis der Kehraus begann. Doch heißt 
es, daß Marianne vom Stein den Kehrbesen 
in den Jahren danach noch "manchmal gern in 
die Hände genommen hätte, wenn nicht auch 
ihrem Bruder des Staubes zuviel gewesen wäre. 
Der Dichter Wilhelm Schäfer. Von paul Gramer, Alsfew. 
»Nicht zu genießen, sondern zu wirken 
ist der Trieb seines Lebens." 
to cf) a f e r : 
Lebenstag eines Menschenfreundes. 178. 
Von einem hessischen Dichter wollen wir hier 
berichten, und diese hessische Abstammung 
Wilhelm Schäfers gilt es um so nachdrücklicher 
festzustellen, als man immer wieder lesen und 
hören kann, der Herausgeber der „Rhein- 
lande", der Sammler rheinischer Sagen und 
und Anekdoten sei Rheinländer, oder der Dich 
ter, der nun auf eigener Scholle in Ludwigs 
hafen am Bodensee sein Heim hat, sei ein 
alemannischer Poet. Gewiß, wer oberflächlich 
nach der Heimat der Jugend- und Mannes 
jahre oder nach dem jetzigen Aufenthaltsort 
fragt, mag in Wilhelm Schäfer einen rhei 
nischen oder gar alemannischen Dichter sehen. 
Allein nach seiner Stammesart und Bluts 
verwandtschaft gehört unser Dichter zu den 
Hessen, die, wie er in seiner kürzlich gedruckten 
Rede „Deutschland" hervorhebt, „zwischen 
Sachsen und Franken westlich der Thüringer 
Mark seit Urzeiten das Quellgebiet der Weser 
bewohnen: nach ihrer Bau- und Mundart un 
zweifelhaft Franken, nach ihrem Bauernstolz 
Sachsen, von Taeitus Chatten geheißen und 
Wilhelm Schäfers Schriften sind fast sämtlich in Georg 
Müllers Verlag in München erschienen. Zur ersten Ein 
führung kann das Bändchen 6200 von Reclams Universal 
bibliothek dienen: „Rheinische Novellen" von Wilhelm 
Schäfer, mit dem Selbstbildnis des Dichters und einem 
Nachwort von Hermann Meister. Wilhelm Schäfer selbst, 
hat zu seinem 50. Geburtstag einen „Lebensabriß" ver 
öffentlicht, und bei demselben Anlaß erschien (alles in 
Müllers Verlag!) ein von Karl Nötiger herausgegebener 
Sammelband von Urteilen über W. Sch. und. Be 
sprechungen seiner Werke durch namhafte deutsche Dichter 
und Kritiker. 
mit besonderer Bewunderung bedacht." „In 
Märchen und Sagen blieben die alten Götter 
lebendig, bis die Brüder Grimm kamen, sie 
aus dem Munde des hessischen Volkes zu sam 
meln als Mahlschatz der deutschen'Frühe. Und 
wie in dem Märchen blieb die Herkunft in 
Sitte und Tracht sichtbar bis auf den heutigen 
Tag, so daß der hessische Bauer un 
gebrochenes Deutschtu ui vorstellt 
wie kaum ein anderer." Aus diesem 
markigen Bauernvolk stammt Schäfer, und sein 
Geburtsort selbst weist ihn den Chatten zu: seine 
Wiege stand in O t t r a u, dem ein paar Stun 
den nordöstlich von Alsfeld im Kreis Ziegen 
hain gelegenen Dörfchen, das durch seine alte 
Kirche berühmt ist. Dort wurde er am 20. Ja 
nuar 1868 geboren als der zweite Sohn einer 
alteingesessenen Familie. Sein Vater kam von 
dem in der Nähe gelegenen Gut Oberkonrode, 
auf dem, wie eine Inschrift im Türbalken mel 
dete, schon 1640 ein Peter Schäfer saß. Wil 
helms Vater jedoch, Paul Schäfer, zog noch 
1868 mit seiner Familie in die Nähe von 
Düsseldorf, um dort ein neues Leben und 
einen neuen Beruf anzufangen. Dieser Vater 
hat auch soviel Hessentreue im Herzen, daß ihn 
in Deutschlands schlimmsten Notjahren sein 
Heimweh wieder in die Schwalmgegend zurück 
trieb. Noch heute wohnt der ¡greife Vater Wil 
helm Schäfers mit der einzigen ihm verblie 
benen Tochter in Alsfeld, von wo er bis vor 
kurzem, obwohl er längst die Achtzig überschrit 
ten hatte, gern seinen zwei Stunden entfernten 
Geburtsort Lingelbach aufsuchte, ein rüstiger 
Wanderer, der Wind und Wetter noch nicht 
scheuen gelernt haj und überhaupt in Gesin-
	        

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