Full text: Hessenland (37.1925)

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seines Namens. Sie erzählt uns, daß in heid 
nischer Vorzeit hier an diesem Brunnen ein 
heidnischer Riese mit Namen „Flecke", der, 
nach Opfern gierig, Menschen, die sich durstig 
der Quelle nahten, verschlang. Als aber das 
Christentum ins Land kam, da bekehrte er sich, 
ließ sich in seiner Quelle lausen und führte 
fortan ein Leben als frommer Eremit. 
Hinter dem ganz modern und unmytho 
logisch klingenden Namen Flecke finde ich aber 
einen Teufelsnamen, den Namen „Fliege", der 
nach Grimms Mythologie dem Teufel beigelegt 
wurde. Bedenken wir, daß die hessischen Mis 
sionäre Angelsachsen waren und daß im Angel 
sächsischen Fliege kleoge heißt, so hätte der 
Brunnen von den angelsächsischen Glaubens 
boten den Namen „Üeogebrunno" erhalten, 
aus dem dann mit der Zeit „Fleckenbrnnnen" 
wurde. Fliege ist aber ein uralter Tenfels- 
name, nichts anderes als die Übersetzung von 
Baal und Beelzebub. Beelzebub heißt Fliegen 
baal. Und selbst der klassische Zeus trägt den 
Spottnamen Fliegenzeus, Zeus apomyios oder 
myiagros. Und der Fleckenbrunnen steht mit 
seinem Namen nicht allein. Im Wirkungs 
bereich der angelsächsischen Missionäre finden 
sich die Flurnamen: Fleckenbühl bei Marburg, 
Fleckengraben bei Berge, Kr. Homberg, Fliegen 
stall bei Elben, Kr. Wolfhagen, Fliegenstaller 
im Waldrevier des Johanneskirchenkopf bei 
Geismar. 
Diese Deutung des Fleckenbrunnens als 
Teufelsbrunnen, Götterbrunnen, wird noch 
durch den Namen der dritten Quelle, Riegel 
brunnen (Regilbrunnen) gestützt, der östlich der 
Hetze liegt. Ein mittelalterlicher Befestigungs 
turm trägt von der Quelle den Namen Riegel 
turm. Riegel ist aber ähnlich wie Fliege nach 
Grimms Mythologie ein Name für Teufel. 
Demnach dürfte auch der Riegelbrunnen als 
Teufels- oder Götterbrunnen anzusprechen sein. 
Nun verlockt es aber auch noch festzustellen, 
welcher Götterdreiheit diese drei heiligen Quel 
len wohl geweiht waren. Für den Riegel 
brunnen finden wir einen Anhaltspunkt im 
Flurnamen „Riegelgraben", der östlich vonl 
nahen Dorf Zennern in der Nähe der alten 
Wodansstätte Udenborn verläuft. Gräben, 
Hohlwege, Schluchten waren bei den Germanen 
mit Vorliebe Kultstätten. Ich erinnere da an 
die vielen „Teufelsgräben" in Hessen: bei 
Rauschenberg, Betziesdorf, Röddenau, Mur- 
dorf und Bottendorf, Grebenstein und Esch- 
wege, die Teufelshohl bei Großseelheim und 
den Opfergraben am Meißner. 
Der Riegelgraben, Teufels- oder Götter 
graben dürfte somit als Wodansgraben anzu 
brechen sein. Dann wäre zunächst der Fritz- 
larer Riegelbrunnen Wodan heilig. Kommt 
der Fleckenbrunnen. Da er nach der Volks 
sage auch Fritzlars Kinderbrunnen ist, wäre er 
der Menschenmutter Freia geweiht. Der Riese 
Flecke aber, der darin hauste, wäre dann kein 
andrer als Freias Gemahl Zin. Es bleibt 
dann als dritter der Hazze-Bonifatiusquell in 
der Mitte der beiden andern übrig, der dann 
Donarquell wäre. Donar waren nämlich nicht 
bloß Höhen und Bäume, sondern auch Quellen 
heilig. In Hesseir wird uns ein Donarbrunnen 
im 9. Jahrhundert bezeugt. 
Die germanische Götterdreiheit: Zin, Donar, 
Wodan hätte danil in beit drei heiligen Quellen 
unter starker Betonung der mittleren Donar 
quelle am Südabhang der Domhöhe — die 
Germanen orientierten ihre Kultstätten gern 
nach Süden — eine Kultstätte gehabt. 
Ein Gegenstück dazu, das unsere Annahme 
bestätigt, finden wir im nahen Udenborn. 
Früher, noch 1770 wie Gudensberg Guden- 
born geschrieben, scheint es als Wodansborn 
ein altes Wodansheiligtum >zn sein. Aber auch 
die beiden andern Götter sind dabei bedacht. 
Von Udenborn strahlen nach Norden hin zwei 
Gräben aus, der Siechengraben und der Zapfen- 
graben. Der Name Siechengraben scheint mir 
genau so wie der Fritzlarer Flurname Siechen 
rasen — Ziegenrasen, ursprünglich Ziegen 
graben geheißen zu haben. Ich halte ihn für 
einen Donargraben, da die Ziege das heilige 
Opfertier Donars war. Und was den Zapfen 
graben angeht, so weist dieses Wort mit ge 
nügender Deutlichkeit auf Zin, den Gott der 
Fruchtbarkeit hin. Zapfengraben wäre dann 
Ziugraben. Wieder die Götterdreiheit: Wo 
dan, Donar, Zin, hier in Udenborn mit Be 
tonung Wodans. 
In Fritzlar aber herrscht Donar. Sollte 
nicht auch das alte, nunmehr ausgestorbene 
Kinderliedchen, das noch vor vierzig Jahren 
in der Melodie äbäbäeäb in den Gassen 
Fritzlars erscholl, eine Erinnerung an Donar 
sein? Es hieß: 
Nin Zegen, ein Bock 
Git en alen Manns Rock. 
Offenbar ist das Liedchen uralt. Es stammt 
aus einer Zeit, wo sich die Menschen noch mit 
Tierfellen kleideten. Die Zerlegung der Zahl 
10 in 9 -tz 1 ist urgermanisch. Nach Dekaden 
rechneten die Germanen nicht. Mit der Zahl 
9 tritt Schluß der Zahlenreihe ein, mit 10
	        

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