Full text: Hessenland (37.1925)

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D e r s ch, Wilhelm. O b e r h e s s i s ch e Heimat- 
g c f cf) i ch t e. Marburg a. L. (N. G. Elwert) 1925. 
8 0 VIII, 181 Seiten. 
Dieses prächtige Büchlein ist erwachsen aus Bor- 
lesungen, die sein Verfasser im 13. Kursus der wissen 
schaftlichen Vorlesungen für Lehrer und Lehrerinnen 1922 
in Marburg gehalten hat. Dersch bietet uns mit ihm 
den ersten Versuch, wenigstens einen Teil der hessischen 
Geschichte über den engen Rahmen der politischen und 
Territorialgeschichte hinaus vor allem auch nach der bis 
her nur allzu sehr vernachlässigten kulturgeschichtlichen 
Seite hin zu behandeln. In gedrängter Kürze, aber klarer 
Herausarbeitung aller geschichtlich bedeutsamen Seiten 
des Staats- und Volkslebens gibt er eine Darstellung 
der Verfassungs-, Verwaltungs- und Rechtsgeschrchte, 
der Wirtschaftsgeschichte, der Kirchen- und der Schul 
geschichte — Gebiete, für die zum großen Teil Bear 
beitungen oder auch nur umfassendere Vorarbeiten fehlten. 
Nicht minder wertvoll ist der 1. Teil des Buches, in 
dem Dersch erstmalig eine bis dahin schmerzlich vermißte 
Einführung und Quellenkunde zur hessischen Geschichte 
gibt. Wer immer wieder feststellen muß, welche eigen 
artige Anforderungen recht häufig an Archive und Bib 
liotheken gestellt werden, wie mühsam sich Anfänger den 
Weg zu einer ernsten, vertieften Behandlung der heimat 
lichen Geschichte erschließen müssen, wird gerade auch 
diesen Teil des Buches als besonders beachtlich und wert 
voll begrüßen. Der Überblick über die hessische Geschichts 
forschung, der alle Entwickluugsphasen von den Anfängen 
bis in die neuste Zeit umfaßt, ist mit ebensolcher Liebe! 
und wissenschaftlich zuverlässiger Gründlichkeit bearbeitet, 
wie die Ausführungen über Heimatschutz, Heimat- undj 
Denkmalpflege, die jeden in dieser Richtung tätigen Freund 
der Heimat fesseln und anregen werden. Und wenn 
schließlich noch die Lehrer als die berufenen .Heimat- 
pfleger und -forscher das Kapitel „Die Heimatgeschichte 
in der Schule" gebührend beachten und die in ihrer Kürze 
besonders willkommenen Anregungen mit den chier ge 
zogenen Richtlinien im Sinne des Verfassers würdigen 
und berücksichtigen, ist dem Buch die Wirkung gesichert, 
die es in reichem Maß verdient. — Dersch hat mit seiner 
Arbeit, die nach der gegebenen Aufgabenstellung nur das 
oberhessische Gebiet erfaßt, eine bedeutsame Vorarbeit 
für die immer uoch ausstehende und wohl auch vorerst 
nicht zu erwartende wissenschaftlich aufgebaute Geschichte 
des nachmaligen Kurhessens gegeben; er hat damit ge 
zeigt, wie geschickt seine Feder für die Lösung derartiger 
Aufgaben ist, und sich selbst damit als den berufenen 
Heimat-Geschichtsschreiber vorgestellt. Wenn er sich ent 
schließen könnte, diesem Merkchen eine Darstellung der 
niederhessischen Geschichte als Ergänzungsband folgen zu 
lassen, und sich gleichzeitig daraus einrichten wollte, diese 
Arbeiten zu einer Gesamtgeschichte Hessens zu erweitern 
und zusammenzufassen, würde er nicht nur einem 
längst gefühlten Bedürfnis abhelfen, sondern sich selbst 
auch Freude und erneute Anerkennung erarbeiten. — 
Das Büchlein, das durch ein zuverlässiges Register bestens 
erschlossen wird, ist als Heft 1 der 3. Reihe von Elwerts 
Hessen-Büchern erschienen, die damit in verheißungs 
voller Weise eröffnet ist. De. Hopf. 
Speyer, Edward. Wilhelm Speyer, der 
Liederkomponist. 1790—1878. Sein Leben 
und Verkehr mit seinen Zeitgenossen, dargestellt von 
seinem jüngsten Sohne. Mit 47 Bildtafeln. München 
(Drei Masken-Verlag) 1925. XV, 454 Seiten. Preis 
brosch. 12 M, in Ganzleinen 15. M. 
Seit Hendels „Familie Mendelssohn" ist in Deutsch 
land lange keine derart umfassende und beziehungsreiche 
Musilerbiographie erschienen wie dieses, dem fast ver 
gessenen Offenbacher Komponisten der Romantik von sei 
nem jüngsten Sohne gewidmete Werk. Zu Frankfurt 
1790 als Sohn eines Bankiers geboren, siedelte Wilhelm 
Speyer schon zwei Jahre später mit seiner Familie nach 
dem nahen Offenbach über, das auch damals noch im 
deutschen Geistesleben eine beachtenswerte Rolle spielte. 
Bei seiner schon früh ausgesprochenen musikalischen Be 
gabung wurde er Schüler des Hofrats Andre, dessen mit 
Goethe befreundeter Vater „Erwin und Elmire" in Musik 
gesetzt hatte. Das erste Opus des 17 jährigen verlegt 
Simrock in Bonn, der Freund Beethovens. Zwei Jahre 
studiert er in Heidelberg Philosophie, um sich daun in 
Paris seiner weiteren musikalischen Ausbildung zu wid 
men. Nach Offenbach zurückgekehrt, verheiratet er sich 
mit einer Tochter des Fürstlich Jsenburg-Birsteinschen 
Ministers von Goldner, und das junge Paar bezieht das 
heute noch stehende sog. Speyerhaus in Offenbach. Nach 
dem durch den Wiener Kongreß das Fürstentum Isenburg 
mcdiatisiert und 4816 teils dem Großherzogtum, teils dem 
Kurfürstentum Hessen einverleibt worden, ging Offenbach 
der seit Jahrhunderten innegehabten Würde einer fürstlichen 
Residenz verlustig. Der geschäftliche Zusammenbruch des 
Vaters zwang den Sohn, in Frankfurt den ihm wider- 
. wärtrgen Beruf des Börsenmaklers zu ergreifen; die Zahl 
der Kinder wuchs schließlich auf zwölf an, so daß ihn die 
Sicherung eines so großen Haushaltes mit nicht geringen 
Sorgen erfüllte. Trotzdem galten seine Mußestunden 
der Schöpfung von Liedern und Balladen, die ihn bald 
in ganz Deutschland bekannt machten; auch seine lang 
jährigen Beziehungen zu seinen Leipziger Verlegern 
Breitkopf und Härtel förderten seine Popularität. Erst 
als Greis erfährt er eine Besserung seiner Lebensver 
hältnisse und genießt einen behaglichen Lebensabend. 
Die Stadt Offenbach, in der er 88 jährig im Jahre 1878 
verschied, ehrte ihn auch dadurch, daß sie eine Straße 
nach ihm benannte. Speyer hinterließ eine nicht geringe 
Zahl von Werken; er komponierte Orchester-und Kammer 
musik, am meisten bekannt wurde er durch seine Lieder, 
Gesänge und Balladen mit Klavierbegleitung, deren er 
etwa 130 schuf. Ein reich ausgelebtes Leben fand nun 
durch die Pietät des Sohnes seinen Niederschlag in 
dem vorliegenden Band. Dieser Mann, der mit dem 
ersten Napoleon in der Großen Pariser Oper saß, der 
der Hinrichtung Sands beiwohnte, weiß uns in seinen 
Aufzeichnungen immer wieder zu fesseln. Daneben gab 
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