Full text: Hessenland (37.1925)

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Hans Thoma, putto auf Vogel. Mit Erlaubnis von Frau Sofie Bergman-Küchler. 
Frankfurter Nähe, nur lose indirekte Beziehungen. Der 
erste Lehrer, der ihm den Weg ebnete, Stipendium und 
Eintritt in die Karlsruher Kunstschule verschaffte, war 
durch seine Heirat mit Emilie von Bardeleben der Kasseler 
Gesellschaft nahe getreten. Es war der Landschafter und 
Maler-Radierer Joh. Wilh. Schirmer (1807—1863), 
der mehrfach in Kassel weilte und 1849 eine mehrmonatige 
Studienreise durch Kurhessen machte, um in den schönen 
hessischen Wäldern Schaffensimpulse zu sammeln. Die 
kräftige Art seiner Naturstudien und der tief religiöse 
Unterton all seines Schaffens fesselte den Jüngling, 0er 
begierig zu ihm aufblickte und noch als Achtzigjähriger 
voll Dankbarkeit bekennt: „Er starb für mich zu früh, er 
hätte meine Lehrzeit um einige recht leere Jahre, die 
nachfolgten verkürzt." Während feiner Karlsruher Stu 
dienzeit genoß er im figürlichen Fach auch den Unter 
richt von Ludwig Des Coudres (1820—1878), einem 
Historien- und Porträtmaler, der aus Kassel gebürtig, 
sich zunächst dort erst auf der polytechnischen, dann der 
Kunstschule heranbildete. Unter seiner Leitung zeichnete 
Thoma fleißig Köpfe nach Antiken, wobei ihm Des 
Coudres ein gar freundlicher Korrektor war. Thomas 
Bildkunst hat gerade in Kassel oft 
und gern dankbare Zuschauer ge 
funden, vielleicht weil sein Orplid 
nicht allzu fern liegt von den Sehn- 
suchsgefilden der hessischen Heimat 
künstler, die sich dem Bernauer Pa 
triarchen innerlich aufs engste ver 
wandt fühlen. 
Wer so an der Heimat, Bauern 
winkel, Hügelketten, Bächlein und 
Tannenduft hing wie Thoma, für 
den war die L a n d s ch a f t e r e i 
etwas Heiliges. Aus der Fülle der 
Kompositionen ist hier einiges Cha 
rakteristische herausgegriffen. Mit 
kleinen unscheinbaren, aber liebevoll 
andächtig gemalten Studien der sech 
ziger Jahre beginnen sie. Sanft und 
freundlich grüßen uns die „Schwarz 
waldhöhen" und das einsame Bauern 
haus in der „Winternacht". Die 
„Studie bei Bernau" läßt sinnvolle 
Raumgestaltung erkennen. Die 
„Mühle" von Bernau" und das be- 
„Mühle von Bernau" und das be- 
Bersenken ins Gegenständliche der 
Umwelt. Dann folgen Ansichten 
vom Oberrhein und der Nied aus 
Ende der sechziger bis in die neun 
ziger Jahre, die im Wechsel der 
Motive (z. B. Rhein bei Säckingen 
erst Kuhidyll, dann unendliche Fluß 
weite), in den Stimmungen, Belich 
tungen und der Malweise die Ent 
wicklung der Münchener und späte 
ren Zeit nicht mehr verleugnen 
können. Das Format wächst, die 
Atelierfarben werden wirkliche Natur 
farben und weiter zu Phantasie 
farben verfeinert. .Die Linien wer 
den durch leichte Stilisierung kon 
zentriert. Auch die erhabene, welt 
ferne Stille des „Bernauer Tales" 
und das reizende „Bernauer Bäch 
lein" verraten uns den Wandel, 
während die England-Erinnerungen 
(Meer bei ■ Liverpool und Am 
Wasser) mehr technisch auffallen. Den Abschluß bilden 
die „Berge von Carrara", neben denen noch eine Aquarell- 
Variation mit der heiligen Familie im Vordergrund (aus 
der Kasseler Gemäldegalerie) vorhanden ist. Immer rei 
ner und durchsichtiger ist die Farbigkeit, immer weicher, 
unwirklicher, märchenhafter und sehnsüchtiger ist der 
Pinselstrich des übersinnlich Schauenden geworden. 
Thomas B i l d n i s k u n st ist begrenzt im Ausdruck. 
Offenbar interessierte den Künstler an seinen Modellen 
weniger das Individuelle als das Typische. Kraftvoll 
ist die Kunstschulstudie (Bernauer Bauer mit Pfeife), 
feinsinnig ein Herrenbildnis, altmeisterlich-vergeistigt das 
Bild der Frau Victor Müller. Am besten aber gelangen 
ihm, dem großen Kinderfreund, der selbst durch all die 
Jahre seinem Jugendparadies so innig verbunden war, 
die Konterfeis der Kleinen mit den dicken Pausbacken uno 
hellen Guckaugen, mit Vögelchen, Blümchen oder Löffel; 
auch die kleine Ella, sein reizendes Pflegetöchterchen, ist 
dabei nicht vergessen. 
Die sonst so abgehetzte und entseelte Genremalerei 
wird bei Thoma wunderbar verinnerlicht, veredelt und 
verklärt. Die Rast des Einsamen im traulichen Waldeck
	        

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