Full text: Hessenland (36.1922)

zu gehen; meist hatte ich schon mein Lager auf 
gesucht, wenn sie hinter ihrer Wand verschwand. 
Einmal hörte ich, wie sie sagte: „Du könntest es 
doch wissen, Wilhelmine, daß ich alles zu seinem 
Empfang bereit habe. Es ist mir zwar widerlich, zu 
denken, daß ihn der Mönch zurückbringen soll; du 
kannst mir glauben, der hat nie etwas Gutes ge-, 
stiftet! Mir hat er bestimmt mein Glück verbaut. 
Wäre er damals nicht auf der Bildfläche erschienen, 
hätte ich die Mutter deines Sohnes werden können 
. . . So, so — du glaubst, das hätte nicht in des 
Doktors Lebenslauf gehört? Ach, der Hochmut, der 
Hochmut! Aber zu Eberhards Empfang ist alles 
bereit. Du könntest es nicht besser machen als ich." 
„Wen wollen Sie empfangen, Muhme?" fragte 
ich erregt. Sie trat hervor und sah mich erstaunt 
an: „Was weißt du davon?" 
„Mir war, Sie sprachen etwas von einem Besuch." 
„Sprach ich wirklich mit dir davon?" 
Ihre braunen Augen blitzten mich strafend an. 
Ich hatte nie eine Vorliebe für braune Augen, sie 
schienen mir immer seelenlos zu sein. Heute sahen 
die Augen der Muhme aus, als wären sie von 
innen her beleuchtet. Die Muhme war neunund 
fünfzig Jahre alt, sie hatte ein lückenloses Gebiß, 
und ihr Haar war nur wenig ergraut; deshalb sah 
sie jünger aus als sonst Frauen in ihrem Alter; 
zumal Gang und Haltung straff geblieben waren. 
„Sie sollten vor mir kein Geheimnis haben, 
Muhme, wenn es sich um Eberhard handelt. Ich 
sehne mich nach ihm, solange ich denken kann." 
. Nun kam sie zu mir, setzte sich auf meine Bett 
kante und nahm ergriffen meine Hand. „Das war 
ein gutes Wort, Mädchen. So — du sehnst dich 
nach ihm? Dein Vater tut es auch, wenn er sich's 
auch nicht merken läßt, und ich, die ihn besser kennt, 
als ihr alle, genau so liebt wie eine Mutter^ ich 
sehne mich so sehr, so sehr und wünsche ihn her. 
Wollen sehen, ob meine Sehnsucht nicht stärker ist 
als der Wille des Priors." 
„Was will der, Muhme?" 
„Er war es, der damals, als das Übel geschah, 
als der Eberhard — zum Dieb wurde — sieh mich 
nicht so entsetzt an! Wir sind wohl alle Diebe und 
Räuber, es kommt nur nicht jeder gleich auf die 
Anklagebank also damals war es der Prior, 
der da wollte, daß er arm übers Meer fahren sollte, 
um in harter Arbeit zu büßen. Steine solle er 
tragen zu einem Bau! Wenn der Bau unter Dach 
und Fach sei, solle er wiederkommen. Wenn einer 
so viele, viele Jahre schon baute, muß er doch 
endlich fertig sein und heimkommen." 
Aus Heimat 
Hessischer Geschichtsverein. Der erste 
Sommerausflug des Kasseler Vereins am 17. Juni 
galt dem eingemeindeten Vorort Kirchditmold. In 
der dortigen Kirche gab zunächst Lehrer Halber st adt 
einen Rückblick aus die alte Geschichte des Ortes, an die 
den Besucher schon der Name der Zentgrafenstraße und 
der als alte Gerichts- oder Malstätte angesprochene 
„Wir warten gemeinsam auf ihn", sagte ich 
begütigend. — 
Einige Wochen danach starb die Muhme. Sie 
hatte vergeblich gewartet. Dann erkrankte mein 
Vater. Ich pflegte ihn, er lag fast ein Jahr an 
einer das Leben lähmenden Blutzersetzung fest zu 
Bett. Und wie es geschieht, wenn ein rastlos 
tätiger Mensch plötzlich von der Welt und seinem 
,Werk abgeschieden ist — er wurde mitteilsam, er 
zählte auch von seinem Sohn, von seiner Ver 
fehlung und den Unternehmungen zu seiner Besse 
rung. 
Es war an einem stürmischen Tag im Februar, 
am zwanzigsten dieses Monats, als ich in der 
Dämmerung am Bett meines Vaters stand, um 
ihm ein Glas Wein zu reichen. Es stürmte draußen, 
der Wind kam von Südwesten und stieß gegen die 
Fenster und rüttelte an dem Schindelbehang deL 
Seitenflügels, heulte im Schornstein und blies die 
Flamme der Holzscheite durch die Zuglöcher der 
Ofentür, da hörte ich Schritte auf der Galerie, hörte 
die Doppeltür des Ausgangs, der dorthin führte, 
öffnen; sie wurde nur nachts abgeschlossen. Ich 
stellte das Glas zur Seite, faßte nach der Klinke 
der inneren Tür und sah durch die Scheiben eine 
männliche Gestalt, ein Männerantlitz mit den Zügen 
des Mönches. Ich schrie laut auf: „Eberhard!", 
hörte einen scharfen Knall, als ob ein harter Gegen 
stand auf Steinboden fällt, und dann kniete mein 
Bruder am Bett des Kranken. Ich faßte mich 
mühsam, zündete Licht an. Ja, er war zurück, ein 
Mann, durch harte Arbeit entsühnt. Tie Lebens 
flamme meines Vaters flackerte noch einmal auf, 
für Tage, ein trügerisches Hoffen. Aber in diesen 
Tagen lernten wir drei den Begriff Ewigkeit schätzen. 
Und das Bild des Mönches? Das schöne Pastell 
lag in Trümmern am Fußende des Bettes. Die 
Glassplitter hatten das Antlitz mit den Augen, 
aus denen heiliges Leben strahlte, vollkommen ver 
nichtet. 
Aber der Heimgekehrte glich fast Zug um Zug 
dem zertrümmerten Bild, nur daß sein Antlitz durch 
die Spuren seelischer Kämpfe schärfere Konturen 
angenommen hatte. 
Mein Bruder blieb nur ein Jahr in der alten 
Heimat. Es zog ihn in das Land zurück, in dem 
er durch harte Arbeit zum Menschen geworden war, 
der die Anfechtung überwand. 
Mir aber ist seitdem alle Erdenangst und Not im 
Licht der Ewigkeit erschienen; ich liebe mein Schick 
sal als Stufe zur Vollendung." — — — 
So die alte Malwine. Segen ihrem Andenken! 
und fremde. 
Lindenberg erinnern. Schon der hl. Heimerad hat 1019 
in der Kirche zu Kirchditmold gepredigt. Der dortige 
Priester war Vorsteher eines alle Kirchen vom Habichts 
wald bis nach Münden umfassenden Dekanats. Vor 
einigen Jahrzehnten waren noch vier Gemeinden dort 
eingepfarrt. Die alte Kirche stand mit dem Friedhofe 
hinter der heutigen neuen Knabenschule. 1787 wurde
	        

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