Full text: Hessenland (36.1922)

Nahe dem Kanal kreuzt eine Kleinbahn die 
Straße. Die Bahn führt nach Uchte. Also auch, 
wenn man will, noch ein Stückchen Althessenland. 
Denn seit dem Aussterben der Grafen von Hoya, 
1558, waren die drei sog. Hoyaschen Äm 
ter Uchte, Auburg und Freudenberg als 
heimgefallene Lehen an Hessen gekommen. Bis 
1815 waren diese Gebiete, von denen Auburg 
ein festes Schloß war und als Landesfestung galt, 
und Freudenberg mit dem Hauptflecken Bassum 
nahe bei Bremen liegt, hessisch gewesen. Dann 
gingen sie mit der Grafschaft Plesse und Neuen 
gleichen an Hannover über, und später sind auch 
die darauf bezüglichen Archivalien von Marburg an 
das Staatsarchiv Hannover überwiesen worden. In 
dem ganz interessanten Buche von Fr. Heusinger: 
„Achtundvierzig Jahre. Zeichnungen und Skizzen 
aus der Mappe eines konstitutionellen Offiziers" 
(Kassel 1851, anonym) ist ein Bild gezeichnet aus 
der letzten Zeit, da diese Ämter hessisch waren. Der 
Band I Seite VII sf. erwähnte Amtshof ist jener 
von Bassum, denn hier war das Stift inmitten 
des hessischen Amtes wieder kurhannoversch, sowie 
z. B- in Hamburg der alte Dom noch unter han 
noverscher Hoheit stand. Als dies Verhältnis durch 
Napoleon beseitigt war und der Hamburger Dom 
an die Stadt übergegangen, hielten es aber Senat 
und Bürgerschaft für besser, den Dom niederzulegen, 
um später nicht wieder etwa zur Rückgabe an Han 
nover gezwungen zu sein. Eine weise Voraussicht! — 
Heute erinnert nur noch der Jahrmarkt, „der Dom" 
genannt, an jenes Hamburger Gotteshaus. 
Nach dieser kleinen Abschweifung, die sich aus 
den verwickelten Grenzverhältnissen hier in Nieder 
sachsen, resp. seinen hessischen Enklaven, ergab, 
sei wieder zu den „hoyaschen Ämtern", die bislang 
noch keinen Geschichtsschreiber gefunden, zurück 
gekehrt. Ich muß gestehen, die Akten in Hannover 
durchgesehen zu haben, aber leider fehlte mir die 
Zeit, mich ernstlicher damit zu beschäftigen, da ich 
nicht so oft, als nötig, nach Hannover hinfahren 
konnte und dies mir auch bald zu teuer ward. 
Große Faszikel sind gefüllt mit Grenzstreitigkeiten, 
ein dickes Packet enthält Akten über mehrere Hexen 
prozesse in diesen Ämtern und so mehr. 
Die Grafen von Hoya, das an der Weser liegt 
und berühmt ist durch seine Pferde und Schweine, 
führten zwei schwarze Bärenpranken im Wappen, 
die noch heute fröhliche Urständ feiern in den Nien 
burger Biskuits, die in dieser Form gebacken werden. 
Man sieht, daß selbst bis auf dies gastronomische 
Gebiet die hoyaschen Ämter verführen können. 
Da ich nun aber gerade Nienburg, die alte 
Festung an der Weser, erwähnte, die heute hinter 
ihren lindenbestandenen Wällen träumt, will ich 
auch nicht unterlassen, daran zu erinnern, daß 
auch dieser Name sich mit Kassel verbindet. 
Der kleine Bremer Schleppdampfer „Nienburg" 
mit Kahn „Bremen 18" kam als erster Schlepp 
dampfer am 1. August 1895 in den Kasseler Hafen, 
nachdem als erstes Schiff der Frachtdampfer „Cas 
sel" und als zweites der Schraubendampfer „Gustav" 
(heute umgebaut als Personendampfer „Elsa") ein 
gelaufen waren. 
Am Abend des 15. Juni fuhren wir in Bremen 
ein. Wenn einst Landgraf Philipp nach Bremen 
ritt, so konnte er stets auf eigenem oder lehnbarem 
Grund und Boden übernachten, aber auch zu Bremen 
selbst hatte er Beziehungen. Er war Domherr des 
Stiftes Bremen, und als eine der Deutungen für 
den von ihm um den Hals getragenen Schlüssel 
gilt jene, die auf den Schlüssel als Wappen Bremens 
Bezug nimmt.* 
„Von Kassel bis Bremen" — so ging 
die Weserstrombereisung, die hoffentlich auch für 
Kassel reiche Früchte tragen wird, wenn die auf ihr 
erörterten wasserwirtschaftlichen Fragen in das Leben 
treten, wenn der Ausbau der Weser zu einer erst 
klassigen Großschiffahrtsstraße erfolgt, wenn an den 
Staustufen dieser Wasserstraße elektrische Energie 
erzeugt wird und weiter, sei es über die Fulda oder 
die Edder und Lahn der Wasserweg von Bremen 
zum Maine geführt wird. 
Aber auch nicht ganz leer geht der aus, der die 
Wasserreise von Kassel nach Bremen unternahm 
als Sohn der Heimat, der ihre Spuren auch in 
der Ferne sucht — und findet! 
* Vorzeit 1821, S. 320. 
Es vergingen Jahre, ohne daß mein Vater je 
mals wieder über das Bild des Mönches mit mir 
gesprochen hätte. Ich empfand nach wie vor diese 
heilige Scheu vor dem Bild. Und ich konnte nicht 
unterlassen, es in eine Beziehung mit dem fernen 
Bruder zu bringen. Nach und nach war es mir 
zur festen Gewohnheit geworden, so oft ich, das 
Zimmer durchschreitend, zu dem Bild aufsah, in 
Gedanken zu bitten: „Hilf ihm, du, der du lebst 
ungebunden an Raum und Zeit! Hilf ihm, daß er 
das Böse überwindet!" 
Das Bild des Mönches. 
Eine Erzählung von Lotte Gubalke. 
(Schluß.) 
Die Muhme war inzwischen älter und wunder 
licher geworden. Sie hatte die Angewohnheit an 
genommen, Selbstgespräche zu führen. Sie schlief 
immer noch mit mir in einem Zimmer, das groß 
genug und hell und luftig war, so daß keine durch 
die andere gestört wurde. Außerdem war das Zim 
mer durch eine spanische Wand in zwei Teile ge 
schieden, so daß jede ihr Reich für sich haben 
konnte und doch eine der andern Schutz war. Jetzt 
piar ich der ihre, während sie früher in ihrer Art 
mich betreut hatte. Sie pflegte sehr spät zu Bett
	        

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