Full text: Hessenland (36.1922)

ich mehr als rote, weiße oder gelbe. Ich weiß, ich 
habe einmal im Walde als Enzian geblüht, ganz 
bestimmt nicht als Vergißmeinnicht oder Wege 
warte; ich weiß das genau." 
Immer noch schwieg mein Vater, ohne meinen 
Reden Einhalt zu tun. 
„Auch sind meine Augen blau, genau so blau 
wie deine, Vater, und wie die des Mönches auf 
dem Bild, das an der Wand am Fußende deines 
Bettes hängt. Wenn ich außerdem zurückdenke, ist 
es mir, ich hätte als Meise vor dem Fenster einer 
Klosterzelle gesungen." 
Ich hatte Widerspruch erwartet und fand nur 
einen Schweigenden. Nach einer Weile fragte mein 
Vater: „Wie kommst du dazu, unsere Augen mit 
denen des Mönches zusammenzustellen?" 
„Sind sie nicht so wie die deinen?" 
Ich weiß nicht, woher ich den Mut nahm, ohne 
eine Antwort abzuwarten, ihn zu fragen: „Kann 
test du den Mönch gut?" 
Er antwortete mit wehmütiger Feierlichkeit: 
„Den kannte ich seit ewigen Zeiten." 
Und dann, ganz seinen Erinnerungen hingegeben, 
schien er vergessen zu haben, daß er ein halbes 
Kind vor sich hatte: „Auf einer Wanderfahrt durch 
den Dünn, an einer jener seltsamen Quellen, die 
dort in unheimlicher Stärke aus dem Erdinnern 
drängen, trafen wir uns. Er wallfahrtete nach einem 
heiligen Ort, ich war auf dem Wege zu meiner 
Braut, wollte Hochzeit machen. Er betete im Wan 
dern, ich sang. Er ging an der rechten Seite des 
Weges, ich an der linken. Als wir uns zuerst, 
an jener Quelle haltmachend, in die Augen sahen, 
erschraken wir beide. Es war wie ein Erkennen. 
Wir tranken beide durstig aus dem Quell; ich 
schöpfte mit einem silbernen Becherlein, das ich 
bei mir trug, einem Geschenk meiner Braut, er 
trank aus der hohlen Hand. Ich wollte mein 
Vesperbrot mit ihm teilen, er lehnte freundlich ab 
und ließ sich an den Beeren genügen, die am 
Waldessaum wuchsen. Wir sprachen nicht viel da 
mals miteinander. Ich dachte an die Seligkeit, 
die mir bevorstand, und fand, ein Mönch könne 
kein Verständnis dafür haben, ein Mönch, der 
fastend und betend nach einem Gnadenbild wallte. 
Dennoch sagten wir am Ausgang des Waldes, als 
sich unsere Wege schieden: „Auf Wiedersehen!" 
zueinander und vergaßen uns nie, ich nicht den 
Beter, er nicht den Weltsänger. Nach einer Reihe 
von Jahren führte mich das Schicksal nach einer 
Stadt, einem Bischofssitz. Ich leitete dort ein 
^Krankenhaus und erwarb mir das Vertrauen eines 
großen Kreises. Eines Tages wurde ich in das Kloster 
gerufen, das, einen Büchsenschuß von der Stadt 
entfernt gelegen, dem heiligen Bernhard geweiht 
war. Der Prior war erkrankt. Es handelte sich 
um eine Blutvergiftung, die durch eine Verletzung 
an der rechten Hand hervorgerufen war und die 
einen operativen Eingriff erheischte. Ich erkannte 
in dem Erkrankten jenen Mönch von der Quelle 
am Dünn. Das Lächeln, das bei meinem Anblick 
trotz der furchtbaren Schmerzen über seine Züge 
glitt, offenbarte mir, daß auch ich erkannt sei. 
Es gelang mir, dem Klosterarzt erfolgreich beizu 
stehen. Nach bangen Wochen, in denen das Leben 
des Priors mehr als einmal nur noch an einem 
Haar zu hängen schien, genas er. Von da an 
wurden wir Freunde. Es war gerade nach dem 
Tod meiner ersten Frau. Der Gram um ihren 
Verlust hatte mich stark mitgenommen. Die Muhme 
sorgte für mein leibliches Wohl und nahm sich des 
Kindes an. Aber mein Herz war einsam und fror. 
Da war es, daß ich ihm einmal wieder begegnete, 
dem Bruder von Ewigkeit her. Nun lernte ich die 
Größe und Schönheit reiner Freundschaft verstehen. 
Unermeßliches Glück habe ich in diesen Zeiten ge 
nossen, da wir miteinander Hand in Hand gingen 
durch den Wald, durch den Klostergarten, durch 
die stillen Straßen der Stadt oder über blühende 
Wiesen im Abendschein und durch reifendes Korn 
im Mondschein. Wir erinnerten uns an alles, was 
war, was wir in Sternenweiten erlebt, in Jahr 
tausenden — nein, Jahrmillionen — nein, in un- 
ermeßbaren Zeiten erlebt. Wir wurden reich einer 
durch den andern. Das Böse, das wir durchkämpft, 
das Gute, das wir errungen, das Schöne, das 
wir ersehnt, es wurde größer und erst verständlich 
durch die Gemeinsamkeit des Erlebens. Bruder 
Leid, Schwester Freude, Schicksal, das uns lieb 
wurde, und über allem Gottes Vaterauge. 
Dann kam ein Tag, da wir scheiden mußten. Der 
Tod holte zu einem Schlag aus; wir schieden: Ge 
borenen ist der Tod gewiß, Gestorbenen die Geburt. 
Es gab nur jenes Bild aus seinen Jugend 
jahren. Je mehr ich ihm in die Augen sah, desto 
gewisser wurde mir, daß alles Wahrheit war, daß 
es kein Auslöschen gibt. In diesem Bild lebt ein 
Hauch seiner Seele." 
Ich hatte meinem Vater zitternd vor Aufregung 
zugehört. Das Bild lebte oder vielmehr etwas lebte 
in ihm, in diesen schönen, tiefen blauen Augen. 
Jetzt sagte ich: „Ich fürchte mich vor dem Bild. 
Ich habe immer Angst, es könne an zu reden 
fangen, eine Frage tun." 
„Furcht sollst du nicht empfinden vor diesem 
Bild, nur Ehrfurcht, und den Glauben, daß die 
ganze Ewigkeit dein ist." 
„Finde ich in der Ewigkeit meine Mutter 
wieder?" 
„Du hast deine Mutter nie verloren, du wirst 
es eines Tages freudig erschreckend erfahren." 
„Und —" ich zauderte, ich wußte nicht recht, 
wie ich die Frage formen sollte; dann aber sagte ich 
mutig: „Und meinen Bruder Eberhard, werde ich 
ihn sehen? Wird er zu uns zurückkommen?" 
Mein Vater sah über mich hinweg und fuhr sich 
mit dem Handrücken leise stöhnend über die Augen: 
„Wer weiß, wann und wie wir einen, der zurück 
fiel, wiederfinden? Wiederfinden — das ist gewiß, 
aber es kann sein, daß uns dies Wiederfinden alle 
Qualen der Hölle bringt. Verbindet uns doch 
Schuld noch fester mit einer Seele als Leid und
	        

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