Full text: Hessenland (36.1922)

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die Farbe der Augen, des Haares, der bartlose 
Mund, das schön gemeißelte Kinn, nur daß alles 
weicher und milder bei meinem Vater erschien. 
Eine sonderbare Scheu verbot mir, Fragen nach 
dem Bild zu stellen. War ich mit dem Bild allein 
im Zimmer, befiel mich eine unbeschreibliche Furcht 
vor diesen Augen, die mich fragend und anklagend' 
anblickten. 
Meine Mutter war bei meiner Geburt gestorben. 
Sie war meines Vaters zweite Frau, die er sieb 
zehn Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau nahm, 
ein Mann von sechsundfünfzig Jahren. Aus seiner 
ersten Ehe lebte ihm ein Sohn, von dem ich kein 
Erinnerungsbild hatte, da er mit achtzehn Jahren, 
gleich nach meiner Geburt, ausgewandert war. Wes 
halb? Ich wußte es nicht. Erst später hörte ich, 
daß ihn Verfehlungen forttrieben, die mein Vater 
nicht glaubte verzeihen zu können. 
Mein Vater sprach niemals von diesem Sohn, 
und die Muhme, die seit dem Tod der ersten Frau 
im Haus war und auch blieb, als meine Mutter 
für ein kurzes Jahr an der Seite meines Vaters 
lebte, hob nur die Schultern und schüttelte ab 
wehrend den Kopf, wenn ich nach diesem Bruder 
fragte. Ich wuchs sehr einsam auf. Mein Vater 
beschäftigte sich zwar viel mit mir, ließ sich Rechen 
schaft von meinem Tagewerk geben, von meinen 
Fortschritten in der Schule, aber Altersgenossen, 
mit denen ich hätte Freundschaft schließen können, 
besaß ich nicht. Wir bewohnten ein Haus vor 
dem Tor allein. Mein Vater hatte zu ebener 
Erde sein Sprechzimmer, seine umfangreiche Bib 
liothek und mancherlei Sammlungen, von denen 
mich die seltener Mineralien am meisten ansprach. 
Stundenlang konnte ich vor den Versteinerungen, 
den seltsamen Pflanzenabdrücken und schönen Kri 
stallen sitzen, mit einem Gefühl, das ich nicht be 
schreiben konnte, das mir aber eine Verwandtschaft 
mit diesen Gebilden wahrscheinlich sein ließ. 
Jin ersten Stock des Hauses befanden sich die 
Wohnräume, und zwar hielt mein Vater darauf, daß 
alles so blieb, wie es zu Lebzeiten seiner ersten 
und seiner zweiten Frau gewesen war. Den Haus 
rat, den beide mitgebracht, ließ er unangetastet 
so stehen, wie ihn die Frauen aufgestellt hatten. 
Man sprach vom Zimmer der seligen Wilhelmine 
und von dem der seligen Elisabeth. Es hat für 
mich immer eine wehmütige und etwas unheim 
liche Stimmung ausgelöst, wenn mein Vater von 
diesen beiden Frauen mit gleicher Liebe und gleicher 
Bewunderung sprach, nicht etwa in einer gemil 
derten Trostlosigkeit über ihren Verlust, sondern so, 
als ob ihn eine ganz große Dankbarkeit erfülle, 
daß er sie besessen und eigentlich nicht verloren 
habe. Es gab von jeder der Frauen ein Bild. 
Ich gestand mir neidlos zu, daß Wilhelmine die 
schönere gewesen sein müsse. Die Zimmer waren 
so verteilt, daß in der Mitte ein geräumiges Balkon 
zimmer lag, in dem wir alle Mahlzeiten einzu 
nehmen pflegten. Rechts davon befand sich das 
Zimmer der ersten Frau, dahinter ein Schlaf 
zimmer, das ich mit der Muhme teilte. Zur linken 
Hand war das meiner seligen Mutter und dahinter 
das Schlafzimmer meines Vaters, von dem aus 
eine Tür nach einer überdachten Galerie führte, die 
das Vorderhaus mit einem Seitenflügel verband. 
Dieser enthielt einen Gartensaal, in dem mein Vater 
schöne und seltene Gewächse überwinterte: Zimmer- 
akazien und andere Mimosenarten. 
Ich konnte viel und wahllos lesen, da sich, wie 
gesagt, mein Vater infolge einer umfangreichen 
ärztlichen Praxis nur abends mit mir beschäftigte. 
Die Muhme aber hatte so viel in Haus und Garten 
zu tun, daß sie zufrieden war, wenn ich ihr nicht 
im Wege stand, vor den Füßen herumlief, wie sie 
zu sagen pflegte. Infolgedessen befand ich mich in 
einem Chaos widerstreitender Gefühle. Aus einer 
Furcht heraus, daß mir das Lesen, das zurLeidensthust 
geworden war, verboten werden könne, unterdrückte 
ich Fragen, obgleich sie mir auf der Seele brannten. 
So hatte ich in meines Vaters Bücherei ein altes, 
zerlesenes Heft gefunden, das von der Seelen 
wanderung handelte. Es war von einem begeisterten 
Anhänger dieser uralten Lehre geschrieben, ein Ver 
such, die Gerechtigkeit alles Geschehens zu recht 
fertigen. 
Ich war damals vierzehn Jahre alt, ein lang 
aufgeschossenes, mageres Ding, das sich schon mit 
vielen Zweifelsfragen herumschlug, dem der Kon 
firmandenunterricht die Unsicherheit der Gefühle 
noch erhöhte, dem eine Mutter fehlte, die mit liebe 
voller Zärtlichkeit die junge Seele beruhigt hätte. 
Gott und Welt, Himmel und Erde, Geborenwerden 
und Gestorbensein — alles das beunruhigte mich, 
besonders nachts in mondhellen Nächten, in denen 
mich der Schlaf floh. Der Inhalt jenes Buches 
gab meinen Gedanken eine ganz andere Richtung. 
Oh, es erschien mir so begreiflich. Die Menschen 
kamen und gingen, wanderten und wandelten sich 
sich. Bald war es mir ganz gewiß, daß ich schon 
oft auf diesem Erdenstern geweilt hatte, und ebenso 
natürlich erschien es mir, daß, ehe meine Wesen 
heit menschliche Gestalt annahm, sie im Stein, in 
der Pflanze, im Tier vorhanden war. Ich spann 
mich in diese Gedanken ein und war beseligt. 
An einem Abend, an dem mein Vater in einer 
besonders guten Stimmung war, weil er einen 
sehr schwer krank gewesenen Menschen als Ge 
nesenen aus seiner Behandlung entlassen hatte, 
faßte ich mir ein Herz und sagte: „Ich glaube, 
als ich zum erstenmal auf diese Erde kam, war ich 
ein blauer Basaltstein." 
Er sah mich verwundert an: „Wie kommst du 
auf diesen Gedanken?" 
„Wenn ich an einer Basaltsäule im Walde vor 
beigehe, muß ich sie streicheln, und wenn ich sehe, wie 
die Menschen unseren schönen Basaltbruch abbauen 
und zu Pflastersteinen zurechthauen, erfassen mich 
Kummer und Zorn." 
Er sah mich schweigend an, den Kopf schüttelnd, 
nicht mißbilligend, sondern eher ermunternd. Dar 
um fuhr ich fort: „Und alle blauen Blumen liebe
	        

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