Full text: Hessenland (36.1922)

lassen kann. Wie sich das plattdeutsche „lieben" im 
Konjunktiv und gar Konditionalis gestalten wird, 
wage ich nicht auszudenken; sicher werden sich die 
„Autochthonen" auf derartige schwierige Probleme 
gar nicht einlassen. 
Mich hat jedenfalls mein achttägiger Aufenthalt 
mit „Übung" wieder einigermaßen aufs Laufende 
gebracht. All die alten, dem Gedächtnis fast ent 
schwundenen Ausdrücke und Redensarten, all die 
vollsaftigen Vergleiche wurden wieder verwendbares 
Eigentum. Ich war erstaunt über die vielen eigen 
artigen Formen, über die Menge uralten Sprach- 
gutes, über die Beziehungen zum Niederdeutschen 
und Holländischen, über die große Zahl von Aus 
drücken, deren begrifflicher Inhalt zwar angedeutet 
werden kann, deren Wurzeln und verwandtschaftliche 
Beziehungen aber oft nur schwer festzustellen sind. 
Nur über eins war ich erbost: über die behörd 
lichen Bemühungen und Maßnahmen, die alten 
Straßen- und Ortsbezeichnungen durch hochdeutsche, 
nichtssagende Mlerweltsausdrücke zu ersetzen. Warum 
denn? Haben wohl Göttingen, Hannover, Ham 
burg, Bremen und andere Städte mit niedev- 
deutschen, inhaltsvollen Bezeichnungen auch eine 
hochdeutsche Umtaufe vorgenommen? und haben 
sie auch das geschichtlich und aus dem Volke 
heraus Entstandene durch neue inhaltlose hoch 
deutsche Ausdrücke zu ersetzen versucht? Warum 
sagt man für den großen Dorfplatz nicht mehr 
Anger? Warum Kaiserplatz? Weil — wie ein 
historisch interessierter Bürger mitteilte — ein kaiser 
liches Auto bei einer Fahrt nach Sababurg irrtüm 
lich hierher geraten und hier auf dem Anger wenden 
mußte? Dann konnte ein den Zeitläuften Rechnung 
tragender Gemeinderat nunmehr einen Präsidenten 
platz, oder noch besser einen Ebertplatz daraus 
machen! Manchem Eingeweihten würde es nicht 
schwer werden, zwischen dem neuen Namen und 
den alten Bräuchen und Gepflogenheiten an besagter 
Stelle mancherlei interessante Beziehungen festzu 
stellen. Warum tauft man den alten „Eickhof" um 
in Mündener Straße? Warum sagt man statt 
„Hingerm Dörpe" — Amtsstraße, statt „Höpper- 
paul" — Gartenstraße, statt „Kniep" — es bedeutet 
nämlich im Niederdeutschen eine schmale Gasse mit 
kleinen, engen Häusern — Burgstraße? In diesen 
alten begriffsstrotzenden Bezeichnungen steckt eine 
Unmenge orts- und kulturgeschichtlichen Materials,, 
aus dem der Sachkundige eine Lokalgeschichte auf 
bauen kann, daß die Zuhörer — ich denke vor 
allem an die Schuljugend — ihre helle Freude 
daran haben. 
Doch genug davon; ich hoffe, daß Volk und 
Jugend unter sich die alten Namen festhalten und 
auf die hochdeutschen Verbalhornisierungen nicht 
eingehen werden: hoffentlich ist die Zeit der Rück 
taufe nicht fern. 
Nun zu den eigentümlichen Ausdrücken und 
Redensarten, denen man auf Schritt und Tritt 
begegnet, wenn man mit den Leuten zu „klönen" 
beginnt; in den andern hessischen Gebieten, wenig 
stens in den südlicher gelegenen, trifft man sie selten 
oder gar nicht an. Man wird auch — bei vielen 
wenigstens — in Vilmars Idiotikon und dessen 
Nachträgen vergeblich darnach suchen. Vielleicht 
kann das in Marburg entstehende Hessen-Nassauische 
Wörterbuch das eine oder andere gebrauchen. 
Ich werde neben ihrer Bedeutung auch auf Ab 
stammung, Zusammenhang und Wandlungen hin 
weisen, ohne mir zu verhehlen, daß ich mich damit 
auf ein viel umstrittenes Gebiet begebe. Als ich 
den Herausgeber dieser Zeitschrift von meinem 
Vorhaben in Kenntnis setzte, sträubten sich seine 
sämtlichen Haare, und mit einem Seufzer gestand 
er, daß die vorhandene Druckerschwärze nicht aus 
reichen würde, die Meinungsverschiedenheiten auf 
diesem schwierigen Gebiete zum Ausdruck zu bringen. 
Ich gebe alles zu und bitte gleich von vornherein 
alle Sprachgewaltigen und Sprachwurzelsepps de- 
und wehmütig um Verzeihung, aber ich muß trotz 
dem in diesen sauern Apfel beißen, um wenigstens 
bei einzelnen mundartlichen Ausdrücken den Zu 
sammenhang ahnen zu lassen. 
Ein alter Kniereiter- und Tanzreim lautet: 
Junge lang Spahne, 
Mäken beut Für an! 
Js dat nich schane, 
Guket jät mol an! 
Für anbeuten — Feuer anmachen, nieder 
deutsch böten = einheizen, mit büßen, boßen, mhd. 
bozen zusammenhängend, dazu Amboß, ane boze — 
ein Ding, an oder auf das man schlägt. Wenn 
Fuchs, Deutsches Wörterbuch, meint: Anböten be 
deute, Holz in den Ofen stoßen, so möchte ich 
das bezweifeln. Warum sollen wir nicht an ein 
tatsächliches Feuer a nschla g en mit Stahl, Stein 
und Zunder denken? Ich erinnere mich aus meiner 
frühesten Kindheit, daß mein Großvater oft draußen, 
d. h. auf der „Däle", wo sich früher das Ofenloch 
befand, mit Stahl und Stein Feuer anbeutete, d. h. 
anschlug. 
Frauen und Mädchen, die sich faulenzend, nur 
ihr Mundwerk gebrauchend, von Haus zu Haus 
umhertreiben und über die Leute trätschen, werden 
als Schlappschlüre bezeichnet, d. i. eine Schleuder, 
die durch einen Schlag fortgetrieben wird. Schlud- 
derich = unordentlich, unreinlich sein, schlüren = 
ohne Zweck umhertreiben, Schlapp- = Schlag, Ver 
lust im Geschäft (Schlag ins Kontor). Schlapp-
	        

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