Full text: Hessenland (36.1922)

v. Auerswald, zu, das mit großem militärischen 
Pomp und unter Teilnahme vieler hervorragender 
Parlamentsmitglieder stattfand. Dieser Aufstand 
war die erste dunkle Wolke am Himmel der deutschen 
Erhebung und die erwähnte Bluttat ein häßlicher 
Schandfleck in solcher. 
Kehre ich nun zu den heimatlichen Verhältnissen 
zurück, so war Oberst Weiß zu meinem Bedauern 
schon im Sommer 1848 wegen Meinungsverschieden 
heiten mit dem Kurfürsten von dev Stelle eines 
Vorstandes des Kriegsministeriums zurückgetreten 
und zum Kommandeur des kurhessischen 3. In 
fanterieregiments ernannt worden, mit dem er später 
unter dem Oberbefehl des Prinzen von Preußen, 
des nachherigen Kaisers Wilhelm I., den ba 
dischen Aufstand mit zu bekämpfen hatte. Nun 
wurde Generalleutnant von Bardeleben zum Kriegs 
minister ernannt, ein alter, schon seit längerer Zeit 
pensionierter Mann, der früher ein tüchtiger Offizier 
gewesen, nun aber doch schon abständig war und 
nur mit Mühe seinen Namen noch schreiben konnte. 
Um ihn zur Annahme des Ministerpostens zu be 
wegen, hatte man die bisherigen Sektionschefs im 
Kriegsdepartement, die Obersten Kröschell und Nor- 
mann, durch jüngere Kräfte, Oberstleutnantv.Hohen 
fels und Hauptmann Schneider, ersetzt. Trotzdem 
blieb von Bardeleben nicht lange; ich fand ihn, 
als ich am 22. September 1848 aus dem Urlaub 
in mein Amt zurückkehrte, nicht mehr als Kriegs 
minister vor. Ihm folgte als Vorstand des Kriegs 
ministeriums Oberst d'Orville. Nach seinem Ab 
gang im Anfang 1849 war zunächst Oberst von Urff, 
der Kommandeur des Leibgarde-Regiments, einige 
Wochen mit Versetzung der Stelle beauftragt. Ich 
hatte mir ihn als einen sehr adelsstolzen und dem 
Kurfürsten gegenüber sehr gefügigen Mann gedacht, 
mich aber hierin sehr geirrt; denn ich lernte in 
ihm einen sehr biederen und rechtschaffenen Mann 
kennen. Nun wurde, jedenfalls schon im März 
1849, Major Boedicker von den Husaren zum Vor 
stand des Kriegsministeriums bestellt. Ihn hatte 
ich bisher nur als einen gewandten Salonoffizier 
gekannt und dachte mir daher, daß er ein gefügiges 
Werkzeug des Kurfürsten sein würde. Aber wieder 
um hatte ich mich geirrt. Denn. Boedicker trat 
dem Kurfürsten gegenüber fest auf und zeigte sich 
überhaupt als ein tüchtiger und ehrenwerter Mann 
und Beamter. Eben darum war aber auch seines 
Bleibens im Amte nicht allzu lange. Denn als ich 
am 18. August 1849 von einem kurzen, zu einer 
Reise nach Rinteln und Bremen verwendeten Ur 
laub zurückkehrte, war B. als Kriegsministeriums- 
vorstano inzwischen abgegangen. Es folgte ihm als 
solcher (provisorisch) Oberstleutnant von Roques, 
der bisher Vortragender Offizier im Kriegs- 
ministerium gewesen war. Er verblieb in jenem 
Amte etwa bis zum Februar 1850*, wo das frei 
sinnige Ministerium Eberhard seine Entlassung er 
hielt und an seine Stelle ein Ministerium Hassen 
pflug mit dem Artilleriemajor von Haynau als 
Vorstand des Kriegsministeriums und Major Wachs, 
einem bereits als Hauptmann pensionierten, zwar 
wissenschaftlich gebildeten, aber der pietistischen Rich 
tung angehörenden Offizier, als vortragendem Of 
fizier trat. Die Nachricht von dieser Veränderung 
war eine niederschmetternde; denn sie bedeutete, 
daß die Reaktion, die infolge des allmählichen 
Niedergangs der deutschen Freiheits- und Eini 
gungsbewegung bereits überall ihr Haupt erhoben 
hatte, nun auch in Kurhessen mit vollen Segeln 
einzog. Zwar sagte mir von Haynau, es solle und 
werde von der Staatsregierung streng nach der Ver 
fassung verfahren werden. Und ich glaube auch, daß 
es i hm damit Ernst war; denn ich habe von Haynau 
als einen Mann von ehrenhafter Gesinnung kennen 
gelernt; aber er war fanatisch strenggläubig, und 
hierin dürfte der Grund zu finden sein, daß er 
.Hassenpflug später auf seinen Abwegen durch dick 
und dünn folgte. In Kassel herrschte ob des 
Ministerwechsels große Aufregung; am Nachmittag 
des betr. Tages sammelte sich auf dem Königsplatz 
ein großer Zug von Männern, die den abtretenden 
Ministern vor deren Wohnungen ihre Huldigung 
darbrachten. Auch ich nahm ohne Scheu an diesem 
Zuge teil. > 
Hassenpflug („der Reffen Fluch", wie man später 
zu sagen pflegte), der schon während seiner ersten 
Ministerschaft in den 1830 er Jahren Unfrieden 
zwischen Regierung und Landstände gesät hatte, 
wußte auch jetzt den Bruch mit diesen herbeizu 
führen. Nachdem schon im Juni 1850 eine Auf 
lösung der damaligen Landstände erfolgt war, wurde 
solche auch gegen die neu gewählten Landstände 
durch Verordnung vom 1. September 1850 aus 
gesprochen, weil sie einem — ohne Vorlage eines 
Finanzetats für das Jahr 1850 eingebrachten — 
Gesetz, betr. die Forterhebung der Steuern, im 
ivesentlichen nicht zugestimmt und dadurch einen 
Verfassungsbruch begangen hätten. Durch Verord 
nung vom 4. September 1850 verfügte nun die 
Regierung die Forterhebung der Steuern und er 
klärte, als die oberen Staatsbehörden hierbei wegen 
Verfassungswidrigkeit jener Verordnung ihre Mit 
wirkung versagten, durch Verordnung vom 7. Sep 
tember die kurhessischen Lande in Kriegszustand. 
Als die Regierung auch hiermit nichts erreichte, 
insbesondere der Widerstand der Behörden ein 
schließlich der Gerichte noch zunahm, reiste der 
* von Roques starb bereits am 3. Juli 1850.
	        

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