Full text: Hessenland (36.1922)

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bis sie der schweren Arbeitslast erlag. Wilhelm 
Diebeners zweite Gattin war diesen Sorgen nicht 
ausgesetzt. Wenn der fleißige Mann bis tief in 
die Nacht hinein am Schreibtisch saß, dann konnte 
sie ihm ab und zu eine schöne Stunde bereiten, wenn 
sie seine Gedanken in das Reich der Musik hinüber 
lenkte und so dem regsamen Hirn etwas Erholung 
schaffte. 
Wer Wilhelm Diebener zum Freunde hatte, be 
saß in ihm ein anderes Ich. Selbstlos, herzlich bot 
er uns sein Inneres. Auch zu helfen und stützen 
verstand er — auch da, wo ein anderer nie seine 
Hilfe anzubieten gewagt hätte. Sein Auge erfaßte 
schnell, wo Hilfe not war. Sein großes Personal 
hing mit herzlicher Liebe an ihm. Er war ein 
gütiger Vorgesetzter, der Arbeit und Pflicht ver 
langte. Wußte er doch aus eigener Erfahrung nur 
zu gut, was der einzelne leisten konnte und mußte. 
Alle, die diesem trefflichen Mann im Leben 
näher getreten, werden ihn als ein leuchtendes 
Vorbild in lieber Erinnerung behalten. 
Die Viehmännin. 
Da Kommen sie, die Herren aus der Stadt, 
An meiner schmalen Türe anzuklopfen! — 
Der eine hält im Mund ein Lindenblatt 
Und wischt vom Angesichte sich die Tropfen. 
Der andre, mehr von eckiger Gestalt, 
Versonnen schaut er aus den kleinen Augen; 
Die breite Stirne, lockenhaarumwallt, 
Für ernste Dinge scheint sie nur zu taugen. 
Heiß ist der Tag und kaum ein Lüftchen weht; 
Nun sitzen endlich sie bei mir im Kühlen; 
Ein Glas voll kalter Milch vor jedem steht, 
Den Staub aus ihren Kehlen fortzuspülen. 
Im Zwiegespräche reiht sich Wort an Wort; 
Bald aber wissen sie den Weg zu wählen: 
„Viehmämnn", heißt es hier, „Viehmännin" dort, 
„Will sie uns nicht ein Märchen heut erzählen?" ' 
Da kram ich denn im alten Hessenkopf 
Und freue herzlich mich, der Last entbunden, 
Wenn ich dadrinnen unter meinem Zopf 
Ein tief verstecktes Märchen noch gefunden. 
Aus meiner Gäste Augen fällt ein Strahl 
Und ihre Hände danken mir verstohlen — 
Nicht einmal nur, ein halbes Dutzend mal 
Muß öfters ich mein Märchen wiederholen. 
Zuweilen drückt's mich etwas wie ein Joch, 
Schreit grad das Enkelkindchen in der Wiegen! 
Indes mich freut's! Kommt meine Jugend doch 
Aus all dem Märchenschatz heraufgestiegen! 
Dort wo die Straße sich zur Höhe reckt, 
Ein altes Wirtshaus steht mit Schild und Zeichen; 
Zwei Schritt vom Wege nur, doch fast versteckt 
Tm grünen Mantel wetterfester Eichen. 
Weit schaut das Auge dort ins Hessenland, 
Die blau verklärte Ferne zu erkunden, — 
Dort ist, bewahrt von lieber Elternhand, 
Mir meine Jugendzeit dahin geschwunden. 
Kassel. 
Im Sommerslaube und im Wintereis 
Der Wandersbursche kommt vorbeigezogen, 
Zigeuner, Bettler — lästiges Geschmeiß! — 
Versprengtes Kriegsvolk, trotzig und vermögen! 
Dort hält, den steilen Berg emporgekeucht, 
Der Fuhrknecht an, im Schatten zu verschnaufen, 
Knallt mit der Peitsche, macht die Kehle feucht 
Und wirst das Heu den Gäulen in die Raufen. 
So geht das dort den lieben langen Tag; 
Nicht eine Seele naht, um zu verweilen; 
Ein jeder spricht, was jeder hören mag 
Und mit sich fortnimmt im Vorübereilen. 
Dem einen brach das Rad am Straßenknie, 
Der andre sah Gespenster in den Lüsten, 
Der hörte, wie der Hirsch im Walde schrie, 
Und jenem rief der Kobold aus den Klüften. 
Ein andermal, in dunkler Winternacht, 
Da ist die Stube voll von blonden Zöpfen; 
Gesponnen wird, gesungen und gelacht ^ 
Mit einer Freude, die nicht auszuschöpfen. 
Zum Heimgeleite durch den tiefen Schnee 
Auf ihren Kirmesschatz die Burschen warten — 
Unsichtbar aber mit der guten Fee 
Dornröschen wandelt durch den Mädchengarten. 
Ich aber hocke auf der Gfenbank . 
Und kraule unsrer Katze in den Haaren; 
Als letzter Gast mit ärgerlichem Zank 
Der Sturmwind kommt den Schlot herabgefahren. 
Mucksmäuschenstill in meinem Winkel drin 
Verwundert schau ich in das wilde Wesen 
Und mühe mich, mit scharfem Kindersinn 
Mir all die bunten Märlein aufzulesen ... 
Was ich gefunden, nur für mich allein 
Durch all die Jahre hab ich's still getragen»- 
Auf daß ich's heute hole aus dem Schrein 
Zu meiner Freunde herzlichem Behagen. — 
Fritz Gölner. 
Aus dem Leben eines kurhessischen Beamten. 
Nach den Aufzeichnungen des Geh. Regierungsrats Karl August Fritsch. 
(Fortsetzung.) 
An Stelle Henkels wurde Adolf Harnier, bisher 
zweiter Leutnant der zweiten Kompagnie, mit Über 
gehung des ersten Leutnants Dr. Schwab zum Haupt 
mann der zweiten Kompagnie gewählt. Ich bekleidete 
die hohe Stellung eines Genleinen, wurde aber später 
in das Kompagniegericht gewählt., Anfangs hatte ich 
ein von meinem Vetter Jul. Hünersdorf mir zu 
gestelltes Perkussionsgewehr, das jedenfalls in der
	        

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