Full text: Hessenland (36.1922)

wo der berühmte Augenarzt Jung-Stilling in Mar 
burg einer Menge Leuten durch seine Operationen 
das Augenlicht wieder verschaffte, sei dieser mit dem 
damaligen ersten Pfarrer der Gemeinde Schlarbaum 
eng befreundet gewesen. Der Pfarrer Schlarbaum 
habe nun durch Gottes Güte eine Lebensoauer 
von 80 Jahren erreicht. Und es sei nun sein inniger 
Wunsch für den jungen Pfarrer Wolfs, daß ihm 
ebenfalls ein „Schlarbaum-langes" Leben beschieden 
sein möchte. Mit allgemeiner Zustimmung wurde 
dieser Wunsch von der Versammlung aufgenommen. 
Mein persönliches Verhältnis zu Vilmar blieb 
bis an dessen Lebensende ungetrübt und vertrauens 
voll, was ich ihm niemals vergessen kann. Nach 
meiner Überzeugung ist Vilmar eine der bedeutend 
sten gelehrten Persönlichkeiten, die das Hessenland 
überhaupt hervorgebracht hat, nämlich an der Seite 
von Jakob und Wilhelm Grimm. Durch seine Ar 
beiten über die Entwicklung der deutschen Sprache 
und Literatur, über die in Hessen heimischen 
Familiennamen, durch seine Beiträge zur Geschichte 
des höheren Schulwesens in Hessen hat er bewirkt, 
daß sein Name unvergeßlich in die hessische Geistes 
und Landesgeschichte eingetragen ist. 
Die Stipendiateni-Anstalt besteht als Hessen- 
Kasselsches Schul- und Kircheninstitut noch bis auf 
diesen Tag; und mit ihr wie mit der ganzen kur 
hessischen Landesgeschichte ist sein Name für alle 
Zeit verwachsen. 
Frühling im Lahnlal. 
Von Werner Sunkel, Marburg a. d. L. 
Sonnabendmorgen. Im Beruf. Ein Geschäfts 
zimmer mit arbeitenden Beamten, die auf gleichen 
Stühlen an gleichen Tischen sitzen und lesen, rechnen, 
schreiben. Telephongeklingel, Schreibmaschinenrat 
tern. Rege Tätigkeit in dem trotz der Nähe des 
Mittags elektrisch erleuchteten Raum. 
Durch die offenen Fenster dringen von draußen 
die schrillen Rufe der hastig die Häuser überfliegenden 
Mauersegler oder Turmschwalben. „Vogel Wupp" 
hat der unvergeßliche Hermann Löns den Segler 
genannt, und er meinte, dieses rastlose Tier müßte 
der Wappenvogel der Wuppwuppmenschen der Börse 
sein: Wupp Telephon, wupp Auto, Wupp Börse, 
Wupp Telegraphenamt, wupp Kontor, wupp Hoch- 
zeit, wupp Scheidung, wupp Herzschlag. So ist 
auch unser Wuppvogel: wupp ägyptische Pyramiden, 
wupp Häuser der Wettergasse in Marburg. Er ist 
der modernste Vogel, der wie ein Geschäftsmann 
nie Zeit hat. Schon früh morgens sausen die 
schwarzen Vögel, die wie fliegende Adler aussehen, 
über den Dächern, und bis abends 9 Uhr ist die 
Luft voll von ihrem Geschrei. Der Segler lebt 
genauer nach dem Kalender als andere Tiere. Ab 
gesehen von einigen Vorboten kehren die Turm 
schwalben am 1. Mai von ihrer Afrikareise zurück, 
um am 1. August wieder zu verschwinden. Sein 
kurzes Hiersein benutzt der Segler zur Fortpflan 
zung. Aber er baut nicht ein kunstvolles Nest wie 
andere Vögel; auf so etwas legt er keinen Wert. 
Unter Dachziegeln erbrütet er seine Jungen, Un 
getüme, die nur aus Rachen, Kropf und Bauch zu 
bestehen scheinen. Kaum sind die kleinen „Wupps" 
flügge, so sausen sie alle über Spanien nach Marokko, 
den Oasen der Sahara und Südafrika, hasten dort 
über der einsamen Steppe genau so wie im Sommer 
bei uns, wo sie die Städte mit ihren Türmen und 
vierstöckigen Häusern beleben, eine „Natur", die 
aus Backsteinen, Essen, Ziegeln, Asphalt, Zement, 
Straßenbahngleisen und elektrischen Drähten be 
steht. 
Wuppwuppvögel — Wuppwuppmenschen! 
Schnell arbeiten! Bald ist es Mittag. Sonnabend- 
Mittag! Der Plan für die eineinhalb dienstfreien 
Tage ist schon fertig: heute kleiner Gang um Mar 
burg, morgen hinaus in die Natur, weit weg vom 
Wuppwuppgetriebe! 
Nachmittags begrüßt mich vor meiner Wohnung 
mit schmetterndem Gesang „mein" Buchfink. Er 
ist etwa 10 Jahre alt. Woher ich das weiß? Vor 
so langer Zeit habe ich ihn mal gefangen und an 
sein Bein einen Ring der Vogelwarte Rossitten 
gelegt, der ihn mir immer wieder kenntlich macht. 
Auf den Dächern schwatzen die Stare, die jetzt 
Junge in den Nestern haben, während die Bach 
stelzen schon flügge Junge füttern. Die vielen 
Robinien- und Rotdornbäumchen auf den Straßen 
sind beliebte Nistplätze der Buch- und Grünfinken 
und zierlichen Girlitze; herumstrolchende Hauskatzen, 
die schlimmsten Vogelfeinde, und nesterplündernde 
Schulbuben, deren strafwürdiges Treiben nichts mit 
dem berechtigten wissenschaftlichen Eiersammeln 
eines geschulten Zoologen zu tun hat, vernichten 
leider auch hier manche Brut. — Wo jetzt am 
Dammweg in einem Garten Kartoffeln und Kohl 
stauden wachsen, ergötzte früher den Naturfreund 
ein Tieridyll: der „Schützenpfuhl"; ein zu dem 
auch nach ihm benannten „Wirtshaus an der Lahn" 
gehörender Tümpel, den man im Krieg mit Schutt 
und Erde füllte. Die meisten Leute merkten von 
dem Tierleben hier nur das Quaken der Frösche, 
das ja auch aufdringlich genug war; der Tier 
freund aber entdeckte auch die in den Erlen herum 
turnenden Meisen und Zeisige, gewahrte das Stieg 
litznest in der Weide und freute sich an dem Pärchen 
grünfüßiger Teichhühner, das hier seine Brut groß 
zog. Wie kleine Federbällchen schwammen die 
Dunenjungen neben ihren lauchgewandten rotstir- 
nigen Eltern, die oft ohne Scheu auf dem deckungs 
losen Spazierweg herumliefen. Heutzutage können 
wir die anmutigen Familienbilder dieses Vogels
	        

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