Full text: Hessenland (36.1922)

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zeit war er weniger zu Haus. Darum berührte es 
ihn gar nicht, daß der ganzen niederhessischen Kirche 
durch das neue Regulativ ein schwerer Schade zu 
gefügt wurde. Im Gegenteil: Er freute sich der 
Neuordnung, die er als einen Fortschritt ansah. In 
dieser seiner Freude machte er mit seinem besser 
unterrichteten Kollegen Ernst Ludwig Theodor Henke 
einen Ausflug zur Kartenfrau auf der Amöneburg. 
Da diese nicht nur aus der Wetterau, der Gegend 
von Frankfurt und selbst vom Rhein einen be 
ständigen Zulauf hatte, wollten auch sie es wagen, 
sich von ihr die Zukunft vorherverkündigen zu lassen. 
Die Alte ging auf dieses Verlangen bereitwillig 
ein, verkündete Herrn Rettberg aber, er werde 
binnen Jahresfrist sterben. In Wirklichkeit ist diese 
Voraussage eingetroffen. Rettberg ist hinweggerissen 
worden. Nachdem das März-Ministerium in Kassel 
gestürzt war, berief der Minister Hassenpflug mit 
Zustimmung des Kurfürsten den konservativen und 
kirchlich strengen Gymnasialdirektor August Vilmar, 
der vor einer Reihe von Jahren nach Aufhebung 
des alten Marburger Pädagogiums das nun ein 
gerichtete Gymnasium als eine entschieden kirchliche 
Bildungsanstalt geleitet hatte, und übertrug ihm 
>im Ministerium das Referat über alle Angelegen 
heiten der Universität Marburg und der hiermit 
zusammenhängenden Stipendiaten-Anstalt. Wollte 
der Ephorus Ernst Ludwig Theodor Henke jetzt 
einen geprüften und mit guten Zeugnissen ver 
sehenen Stipendiaten zum Repetenten vorschlagen, 
so mußte er alle ihn betreffenden Personalakten 
über seine Leistungen, seine Gesundheit, die Richtung 
seiner Studien und dgl. vollständig mit einsenden, 
so daß der als Referent vom Kurfürsten bestellte 
Konsistorialrat August Vilmar ein deutlicheres Bild 
von dessen Persönlichkeit empfing als irgend ein 
Mensch in der Welt. Als daher der Kurfürst aus 
kirchenpolitischen Ursachen den Konsistorialrat Vil 
mar nicht zum Superintendenten in Kassel bestätigte, 
wie dieser es doch sehr gewünscht hatte, sondern 
zum Professor der Theologie in Marburg ernannte, 
kam hierdurch ein Mann nach Marburg, der mir 
ohne mein Wissen äußerst freundlich gesinnt war. 
Er wußte zwar längst, daß ich als Student und 
Kandidat niemals das gewesen war, was man 
damals in Hessen einen Vilmarianer nannte. Aber 
im Hauptpunkt alles christlichen Glaubens hat sich 
Vilmar ganz mit mir eins gefühlt. Besser als 
meine meisten Zuhörer in der Kirche hat er meine 
Herzensstimmung in dieser Richtung verstanden. 
Gesellschaftlich bin ich in den vielen Jahren, die 
ich mit ihm in Marburg verlebte, niemals mit ihm 
zusammengetroffen. Denn ich stand außerhalb des 
sogenannten Wasserklubs, in dem sich seine kirchen 
politischen Anhänger aus Marburg und Umgebung 
vertraulich trafen; aber einmal in meiner Laufbahn 
fand sich doch eine Gelegenheit für ihn, mir gegen 
über aus dieser Isolierung herauszutreten. Diese 
Gelegenheit fand sich freilich auf eine sehr eigen 
tümliche Weise. Um die Sache verständlich zu 
machen, muß ich dabei weit zurückgreifen. Als ich 
nämlich im Herbst 1850 durch den Metropolitan 
Feyerabend zu Felsberg mit Zustimmung des dor 
tigen Bürgermeisters und Stadtrats wegen meines 
vorzüglichen Reifezeugnisses allen andern Bewerbern 
um das Felsberger Stipendium vorgezogen und 
dem Ephorus Henke präsentiert wurde, ging dieser 
ohne weiteres darauf ein und nahm mit mir eine 
Prüfung im Lateinischen, Griechischen und in der 
Kirchengeschichte vor, die zu seiner Zufriedenheit 
ausfiel. Ich hatte mich aber nicht nur bei ihm 
zu melden, sondern als reformierter Kandidat auch 
bei dem geistlichen Inspektor aller reformierten Ge 
meinden von Oberhessen, dem Konsistorialrat und 
Professor der Theologie vr. Wilhelm Scheffer, den 
ich schon als Knabe bei seinen kirchlichen Prüfungen 
in Ziegenhain kennen gelernt hatte, vr. Scheffer 
nahm mich sehr freundlich auf und ermunterte mich, 
mich recht bald dem reformierten Pfarrer Schmitt 
und seiner Frau Hedwig, der Tochter des luthe 
rischen Superintendenten Justi, vorzustellen, von 
denen er wisse, daß sie mich freundlich aufnähmen 
und zu recht häufigem Besuch bei ihnen auffordern 
würden. Zur Erklärung fügte er hinzu, daß Pfarrer 
Schmitt und Gemahlin seit vielen Jahren ein ganz 
zurückgezogenes Leben führten, nachdem ihnen die 
Freude am geselligen Verkehr durch den Tod ihres 
einzigen hochbegabten und heißgeliebten Sohnes Karl 
gänzlich zerstört war. 
Jedoch gegenwärtig waren Umstände eingetreten, 
die für Pfarrer Schmitt eine Rückkehr zu solchem 
Verkehr wünschenswert erscheinen ließen. Da nämlich 
gerade jetzt die erste Pfarrstelle der reformierten 
Stadt- und Universitätskirche durch den jetzt ein 
getretenen Tod des bisherigen Pfarrers Klöffler 
erledigt und auf Wunsch der Gemeinde sowie nach 
dem Vorschlag des Konsistoriums durch die Gnade 
des Kurfürsten dem bisherigen zweiten Pfarrer 
Schmitt Überträgen war, hielt es der nunmehrige 
erste Pfarrer für seine -Pflicht, wieder in die früheren, 
gesellschaftlichen Verhältnisse der Stadt Marburg 
zurückzukehren. Zu diesem Zweck schlug er mir, der 
ich zum zweiten Pfarrer bestellt war, vor, durch eine 
gemeinsame Erklärung dies der Gemeinde mitzu 
teilen. Da eine feierliche Einführung mit zu- 
gehörigenr Festessen bei den Marburger reformierten 
Pfarrern niemals früher vorgekommen war, indem 
die gesetzliche Verpflichtung zur 'Deckung der be 
treffenden Kosten, die im übrigen Hessen den Orts 
gemeinden nach festen Sätzen oblag, der Marburger
	        

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