Full text: Hessenland (36.1922)

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Aus Hersfeld. Mit Genehmigung des Reichs 
schatzministers werden im nächsten Sommer auf dem Ge 
lände zwischen dem westlichen Portal der Stiftskirche und 
der ehemaligen Kriegsschule sowie auf dem Gelände 
zwischen der Turnhalle und dem Amtsgericht Aus 
grabungen vorgenommen. Ebenso sind von der Reichs 
vermögensverwaltung Mittel bereit gestellt worden, um 
den Rest der mittelalterlichen Stadtbefestigung, einen 
Wehrgang zwischen dem Teich der Anlagen und der 
früheren Kriegsschule, zu erhalten. 
Hessische Bücherschau. 
Losch, Philipp. Geschichte des Kurfür st en- 
ckums Hessen 1803 bis 1866. Marburg (N. G. 
Elwert) 1922. VIII, 460 Seiten. Preis 35 M., 
geb. 45 M. 
Es ist das große Verdienst Professor Or. Loschs, hier 
zum ersten Mal eine zusammenfassende Geschichte Hes 
sens unter seinen drei Kurfürsten, oder was dasselbe be 
sagt, eine Geschichte des Untergangs Kurhessens geboten 
zu haben. Da dieses Werk aus der Feder eines der 
besten Kenner unserer hessischen Geschichte stammt, ist 
sein durch den rührigen Elwertschen Verlag ermöglichtes 
Erscheinen doppelt zu begrüßen. Die Schilderung setzt 
mit dem Augenblick ein, da am 15. Mai 1803 unter dem 
Läuten der Glocken die Annahme der Kurwürde durch 
Landgraf Wilhelm IX. mit festlichem Gepränge in Kassel 
gefeiert wurde. Damit war der neue Kurfürst auch for 
mell unter die ersten Fürsten des Römischen Reiches 
eingereiht. Das geistige Leben in Hessen war damals 
wenig entwickelt, Literatur, Musik und Theater erfreuten 
sich keiner sonderlichen Blüte, ein eigentliches politisches 
Leben existierte so gut wie gar nicht. Das anspruchslose, 
zäh konservative Volk lebte zufrieden in der Ruhe des 
Friedens; daneben sorgte schon seine militärische Er 
ziehung dafür, daß der neuzeitliche Geist keinen Eingang 
fand. Aber schon nach den ersten Jahren des neuen 
Kurfürstentums kam es zum Konflikt mit Frankreich. 
Unter Verzicht auf Vergrößerungen lehnte der Kurfürst 
den Beitritt zum Rheinbund ab. Die Katastrophe von 
Jena entschied dann auch das Schicksal Hessens. Waffen 
los mußte der Kurfürst sein Land, das er flüchtig ver 
ließ, dem Feinde ausliefern. Der Friede zu Tilsit schlug 
Hessen zum Königreich Westfalen, und erst nach sieben 
Jahren der Fremdherrschaft konnte Wilhelm I. wieder 
in seine Residenz einziehen und das ancien regime 
wiederherstellen. Er blieb noch für eine Reihe von 
Jahren der letzte konsequente Vertreter des fürstlichen 
Absolutismus in Deutschland. Er wollte der Vater seines 
unmündigen Volkes sein, war in der Tat auch ein aus 
gezeichneter Organisator, aber seine Anschauungen vom 
fürstlichen Beruf vertrugen sich nicht mehr mit den 
Ideen der neuen Zeit, die ihn ebenso wenig verstand wie 
er sie. Diese neue Zeit schien sein Sohn Wilhelm II. 
mit militärischen, wirtschaftlichen und Verwaltungs 
reformen anfänglich heraufführen zu wollen, machte sich 
aber trotz der dem Lande eingeräumten neuen Verfassung, 
nicht zuletzt durch seine häuslichen Zwistigkeiten, so 
unbeliebt, daß er schließlich fahnenflüchtig seine Residenz 
für immer verließ und die Leitung der Regierung seinem 
Sohne als Mitregenten überließ, der als Friedrich Wil 
helm I. Hessens und Deutschlands letzter Kurfürst werden 
sollte. Auch unter ihm waren die hessischen Zustände 
keineswegs ideal, entsprachen aber, was der Verfasser im 
einzelnen eingehend nachweist, trotz Revolutionswirren 
und den die ruhige Entwickelung des Staatswesens hem 
menden Verfassungskämpfen doch auch nicht dem Zerr 
bild, das man von ihnen zu entwerfen gewohnt ist. Loschs 
Darstellung schließt nicht mit der Stunde ab, da im 
Hessenland zum ersten Mal die preußischen Fahnen 
flatterten, sondern reicht bis zum Tode des Kurfürsten, 
mit dessen Person immer noch gewissermaßen ein Rest 
des Kurstaates und die Hoffnung aus dessen Wiedererstehen 
vorhanden war. 
Es ist wohl auch heute noch unmöglich, die Geschichte 
vom Untergang Kurhessens ohne Stellungnahme für oder 
wider Preußen zu schreiben. Als alter Hesse und Ge 
sinnungsfreund des unlängst dahingegangenen trefflichen 
Wilhelm Hopf legt Losch selbstverständlich gegen die 
Bismarcksche Annexion schärfsten Protest ein. Im übrigen 
bietet das mit umfassendster Materialbeherrschung ge 
schriebene Buch viel Neues. Konnte doch sein Verfasser 
eine ganze Anzahl bisher gar nicht oder nur wenig be 
nutzter Quellen benutzen, so u. a. die Memoiren, Tage 
bücher und Korrespondenzen des ersten Kurfürsten, die 
noch vorhandenen Bestände des kurfürstlichen Geheimen 
Kabinettsarchivs, die im Berliner Geh. Staatsarchiv 
bewahrten preußischen Gesandtschaftsberichte von 1813 
bis 1830 und den handschriftlichen Nachlaß des Darm 
städter Ministers v. Dalwigk. Ferner finD noch in 
keinem einschlägigen Werk die Zeitungen, Landtags 
verhandlungen usw. so eingehend benutzt worden, wie 
denn die gesamte gedruckte Literatur kaum je in solchem 
Umfang zur Vervollständigung des Gesamtbildes heran 
gezogen wurde. So ergaben sich auch von den bisherigen 
Darstellungen vielfach abweichende Werturteile. Beson 
deres Interesse beanspruchen die tief nachspürenden 
Charakteristiken nicht nur der drei Kurfürsten, sondern 
auch zahlreicher anderer Männer, die in diesem Zeitraum 
eine Rolle spielten. Nicht alle Leser freilich werden mit 
allen diesen Beurteilungen einverstanden sein; so will 
mir beispielsweise gegenüber der überaus günstigen Ein 
schätzung Hassenpflugs, der ganz gewiß seine Verdienste 
hatte, die Beurteilung Sylvester Jordans doch zu abfällig 
erscheinen. Neben den poliUschen räumt der Verfasser der 
Schilderung der kulturellen Verhältnisse einen breiten 
Raum ein; Literatur, Musik, bildende Kunst und wirt 
schaftliche Lage finden überall eine abgerundete, alles 
Bedeutsame und Charakteristische umfassende Darstellung. 
So wird dieses mit echter Heimatliebe geschriebene Werk 
zum eisernen Bestand unserer hessischen Literatur ge 
hören, an dem keiner, der sich irgendwie mit der Geschichte 
des Kurstaates befaßt, wird vorübergehen können. Hof 
fentlich läßt uns Losch nun auch nicht mehr allzu lange 
auf seine in Aussicht gestellte Biographie des ersten 
hessischen Kurfürsten warten. 8. 
K n e t s ch , Carl. Der Forsthofund dieRitter- 
straße zu Marburg. Mit Zeichnungen von 
Otto Ubbelohde. 2. Auflage. Marburg (Adolf 
Ebel) 1921. 64 Seiten und 1 Stammtafel. Preis 
25 M. 
Der am Marburger Schloßberg halb im Grün ver 
steckte Forsthof hat seit Jahrhunderten an allem, was 
das alte Marburg an Gutem und Bösem betroffen hat, 
teilgenommen. Bis etwa 1500 läßt sich die Geschichte 
des Hofes, der der Burgmannenfamilie der Rode zu 
gehörte, zurückverfolgen, der jetzige Bau ist etwa um 
ein Jahrhundert jünger. An seine innere Geschichte 
knüpfen sich unter vielen anderen die Namen v. Meysen- 
bug, von Wildungen, Savigny, Brentano (Bettina 
turm), Günderode, Creuzer, Bang, Grimm, Ranke, Luise
	        

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