Full text: Hessenland (36.1922)

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viel redliche Mühe er sich auch auf seiner Morgen 
reise gab, wenn er sich vor unberufenen Ohren 
sicher wußte. Wenn bet der Heimkehr in der Nähe 
des Posthauses seine mißfarbenen Töne die Morgen 
luft zerrissen, war's noch so früh am Tag, daß sich 
manch ein nicht bäuerlicher Bewohner des Dorfes 
erst besann, ob es schon Aufstehzeit sei. 
War die Fahrerei im Sommer vergnüglich und 
nicht ohne Retz für den Postkutscher, so hatte die 
Sache am Wintertage doch barbarisch ihre Nucken. 
Bei nachtschlafender Zeit sich aus den Federn krab 
beln und fort in Dunkelheit und Kälte- das hat 
was zu bestellen! Eine Tasse warme Zichorien 
brühe, der man die Bezeichnung „Kaffee" beilegte, 
gab's auch nicht vorher. Das Marie war nicht da 
für, daß der Ofen um die Zeit schon angemacht 
werde, das war für sie unbequem und auch nicht 
sparsam. Und sparen mußte man doch, wollte man 
in absehbarer Zeit ein eigenes Dach überm Kopf 
sehen. Der dritte Strumpf im Strohsack war noch 
längst nicht voll. So nahm der Mann vor dem 
Weggehen oft nur eine Gabel voll Essen, das noch 
vom Abend her auf dem Tisch stand, waren's nun 
kalte Unterkohlraben oder gar Sauerkohl. Manch 
mal wärmte er sich den nüchternen Magen durch 
einen Schluck aus der Branntweinflasche. 
Oben am Wissener schüttelt Frau Holle früh ihr 
Bett, und gleich ausgiebig. Dann mußte Henner 
mit seiner umfangreichen Laterne von der Hinter 
gasse her durch die hochgeschichteten Schneefedern in 
den Teil des Ortes stapfen, in dem das Posthaus 
lag. Und sich in dörflicher Stille und Dunkelheit 
nicht verschlafen, rechtzeitig auf dem Posten sein, 
ohne Wecker und alles, das will auch 'was heißen! 
Einmal hatte der Henner aber doch den Schlag 
der Turmuhr überhört. Es war konträrer Wind 
gewesen, der hatte den Schall nach anderer Rich 
tung verweht. Da klopfte der Mann um die Stunde, 
in der er längst am Ziel in A. hätte sein müssen, 
an die Schlafkammer des Postbeamten. „Herr Post 
verwalter, ich habe die Post vermißt!" In Ver 
legenheit drehte er die Kappe in den vor Kälte 
klammen Fäusten. Da war nichts mehr zu machen. 
Die Pakete und Beutel wurden mit der Nachmittags 
post befördert. Der ganze Schaden war der, daß 
die paar Leute, die damals eine Zeitung hielten, 
diese erst am Abend lesen konnten. 
An einem andern Wintermorgen geschah wieder 
etwas ganz Ungewöhnliches. Es hatte schon am 
Abend vorher tüchtig geschneit, so daß Henner von 
seiner Wohnung bis zur Posthalterei bereits müde 
Füße bekam, weil sie so tief im Schnee versanken. 
Beim Posthalter sollte heute geschlachtet werden. 
Der Metzger mit seinen Mannen war dabei, das 
erste der quiekenden, sich mit allen Kräften sträu 
benden Borstentiere aus dem Stall zu ziehen. 
Henner sollte mit zufassen. Mit der Post sei es 
nicht so eilig, meinten sie, die könne warten. Aber 
der Kutscher lehnte ab. Er habe eben nüchtern 
schon gehöriges Nasenbluten gehabt. Das bedeute 
doch so wie so nichts Gutes. Da wolle er sich 
wohl hüten, bei dem blutigen Geschäft mit Hand 
anzulegen. Das sahen die andern ein, und Henner 
zog mit seinen Gäulen Luchs und Fritz zum Postamt. 
Die Fahrt ging diesmal des hohen Schnees wegen 
langsam von statten. Die Tiere hatten ihr Tun mit 
dem ungefügen Gefährt, in dessen Speichen sich 
der Schnee klumpte. Der Mann auf dem Bock ließ 
die beiden gewähren, die auch ohne Antrieb durch 
die Peitsche ihre Pflicht taten. 
Nun war die Mitte des Höllentals erreicht, und 
der Weg bog um den Felsvorsprung des Bilsteins. 
Die Höllemühle kam in Sicht. Die Fenster der 
Mahlstube waren erhellt, und das Klappern des 
Mühlrads tönte, Leben kündend, durch die Einsam 
keit der Nacht. Es war, als ob Licht und Schall die 
angestrengten Tiere neu belebten. Henner jedoch, 
erschöpft von Blutverlust, Hunger und Kälte, ge 
wahrte nichts von der Nähe der Menschen. Er 
war auf seinem Kutscherbock eingenickt. In der 
Mühle hatte er täglich die Zeitung abzugeben, die, 
im Postbeutel verschnürt, er jedesmal am vorher 
gehenden Tage mit von A. heraufbrachte. Durch 
dies vereinfachte Verfahren wurde dem Briefträger 
der tägliche Gang zu dem einsam gelegenen Hause 
erspart. Die klugen Tiere wußten also, daß sie hier 
zu halten hatten, und taten es, froh der kurzen Rast, 
ohne auf das „Brrr" ihres Führers zu warten. 
Der fuhr bei dem Ruck aus seinem Dusel auf, sah 
sich selbst als Schneemann und seine beiden Braunen 
als Schimmel. Die Männer aus der Mühle schoben 
Luchs und Fritz die Last von den Lederdecken, 
stießen die Schneeklumpen aus den Rädern und 
versprachen, für die Rückfahrt um den Bilstein 
herum Bahn zu schippen. Die weitere Fahrt bis 
nach A. gestaltete sich etwas erträglicher, der Weg 
führte am Wald entlang und die Bäume trugen 
das, was Frau Holle so überreich gespendet hatte, 
zum großen Teil auf den Armen. Zum Glück hörte 
das Schneien auf. Aber dafür pfiff der Wind 
mann sein Lied, und Henner bewerte vor Kälte. 
Nach Stunden war endlich die Bergfahrt heim 
wärts überstanden. Schon zeichnete sich der Kirch 
turm des Heimatdorfes wie ein aufgereckter Finger 
am bereits dämmergrau werdenden Morgenhimmel 
ab. Die Pferde hatten, sich bis auf ein paar Hundert 
Ellenlängen ans Dorf heraufgequält, nur noch die 
letzte Steigung galt's zu bewältigen. Da standen 
sie, keuchend und schnaubend, bis an die Weichen 
im Schnee eingekeilt. Die Räder wollten sich nicht 
mehr drehen. Das „Höhlchen", d. h. die Stelle der 
Fahrstraße, wo sie sich durch hohe Wegraine hin 
durchzwängt, war ganz zugeweht. Da blieb für den 
Postillion nur eins zu tun. Mit steif gewordenen 
Beinen und halberfroren kletterte er von seinem 
luftigen Sitz hinab und fühlte sich bis an die Hüften 
von der kalten, weichen Masse eingeengt. Mühsam, 
mühsam überwältigte er den weißen Tod, der ihn 
an seine starre Brust pressen wollte, und arbeitete 
sich durch bis zur Posthalterei. Hier ließ man die 
Schlachtarbeit stehen und liegen, griff zur Schippe 
und befreite die halb begrabenen Gäule aus ihrer
	        

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