Full text: Hessenland (36.1922)

MLKL 25 
Kinder brachten noch Stückchen Steinsalz mit. Die 
gingen anfangs in der Schulstunde heimlich unter 
den Bänken von Hand zu Hand. Die Dorfkinder 
kannten das Salz nur in der Gestalt, wie es von 
der Saline heraus kam und beim Kaufmann im 
Ort zu haben war. Nun leckte jedes verstohlen an 
den hellen, glatten Bröckchen und wurde inne, daß 
es wirklich Salz und kein Zucker war. 
Wie es kam, daß die fremde Familie sich im Dorf 
niederließ? Der Posthalter, der die Pferde für den 
Postwagen nach A. zu stellen hatte, suchte einen 
neuen Knecht, der zugleich „Postillion" sein mußte, 
wie es damals noch hieß. Im Ort selbst war keine 
geeignete Persönlichkeit zu finden, der man das 
verantwortungsvolle Amt eines Postkutschers hätte 
anvertrauen können, oder die sich zu seiner Über 
nahme bereit gefunden hätte. ' Aber es hieß, daß 
Henner Fischer seine Stelle wechseln wolle. Da zog 
der Posthalter Erkundigungen über den Fremden 
ein. Der sei arbeitsam und zuverlässig, sagte man 
ihm, und weder sein früherer Herr auf dem Nonnen 
hof noch der jetzige auf Gut Welferode wollte ihn 
gehen lassen. Nur — von Zeit zu Zeit tränke der 
Henner 'mal ein Kännchen über den Durst und 
dann könne er eklig werden. Jedoch daran fet sein 
Marie schuld, das es erst an ihn bringe. Der Henner 
sei sonst kein unrechter Kerl. Die Auskunft be 
friedigte den Posthalter, und Fischer wurde gemietet. 
Eines Tages zog also die fremde Familie mit 
ihrem bißchen Plunder, den sie auf einem Hand 
wagen zogen und schoben, in ihren neuen Wohnsitz 
ein. In der Hintergasse hatten sich ein paar 
Kämmerchen für sie gefunden. Die grobknochige, 
rothaarige Frau sah man mit Mißtrauen an. 
„Krause Haare, krauser Sinn, 
Spitze Nase, spitzes Kinn, 
Sitzt der Teufel mitten drin", 
sagte mancher hinter ihrem Rücken. Die jungen 
Frechdachse riefen ihr auch wohl nach: „Fuchs, 
Fuchs, die Hecke brennt!" um sich dann mit bösem 
Gewissen schnell hinter einer schützenden Hausecke 
oder Tür zu bergen. 
Doch die Neue hatte auch ihre guten Seiten, die 
bald von den Nachbarn geschätzt wurden. Zu ihren 
Vorzügen gehörten ihre derben Arbeitsfäuste, um 
derentwillen man ihre Hilfe bei allen landwirtschaft 
lichen Verrichtungen begehrte. So tagelöhnerte das 
Marie bei den Bauern, wenn nicht der Brotherr 
ihres Henner auf Hof und Feld für sie Beschäftigung 
hatte. Zu dem ging sie am liebsten. Denn dort 
fiel auch für die Kinder immer ein Löffel voll Essen 
mit ab, und die Fischern brauchte nicht, wenn's elf 
Uhr geläutet hatte, heimzugehen, um den Kochtopf 
über die Herdflamme zu hängen. Die Frau kam 
aber auch außerdem nicht zu kurz, wenn sie bei 
andern arbeitete. Sie deutete das Bibelwort „Laß 
deine Linke nicht wissen, was die Rechte tut", auf 
ihre eigene Weise und hieß in Tragkorb und Schürze 
allerlei mitgehen, was eigentlich nicht für sie ge 
wachsen war. Ein paar Kartoffeln oder Apfel, 
einige Stauden Salat, ein Krautkopf, ein bißchen 
Gras für die Ziege, eine Handvoll Brennholz fand 
immer seinen Weg in die Hintergasse. „Alle batte 
hilft", dachte die Strebsame. Sparsam war sie und 
der Henner, so brachten sie bald 'was vor sich, und 
die Silbergroschen sammelten sich im Strumpf un 
term Strohsack des Ehebettes. 
Der Henner war ein echter Mann und von An 
fang an gut angeschrieben bei den Dorfleuten und 
seinem Arbeitgeber. Er war hoch aufgeschossen, eine 
lange Latte, wie die Dorfleute sagten, ging etwas 
vornübergeneigt und stieß immer ein bißchen an, 
d. h. er hüstelte. Seine blauen Augen verrieten, daß 
er ein gutmütiger Kerl war. 
Nun hatte er also einen Doppelberuf, er war 
Knecht und Postillion. Die Knechtsarbeit war jeden 
falls die anstrengendere, das Postfahren hatte aber 
auch seine Unannehmlichkeiten. Wohl nicht im Som 
mer, dann steht der Bauer doch früh vom Strohsack 
auf. Um einhalbvier Uhr bereits hielt Fischer mit 
dem Postwagen vor dem Posthaus, zu dem er einen 
Schlüssel besaß. Der Iostverwalter hatte schon 
abends zuvor die Pakete zurechgelegt und die Bries 
beutel zugesiegelt, so brauchte er nicht schon vor 
Sonnenaufgang aus den Federn. Der getreue Fischer 
holte alles selbständig aus dem Dienstzimmer und 
verstaute die Sachen im Kasten des Wagens oder 
unter der Wäsche, während der Postverwalter den 
Schlaf des Gerechten weiterschlief. Das war noch 
in der „guten alten Zeit", als die Post noch deck 
Turn und Taxis gehörte. 
Der Henner war ein Naturfreund. Mit hellen 
Sinnen fuhr er, auf seinem hohen Kutscherbock 
sitzend, durch das erwachende Tal hinunter zur 
Poststation in A. Er freute sich des Farbenspiels,,, 
das die aufgehende Sonne am Osthimmel zauberte. 
Seine Augen stiegen mit der Lerche aus dem Saaten 
grün zum Himmelsblau. Das Gezwitscher der 
munter werdenden Vögel hörte er gern, pfiff wohl 
selbst noch ein Stückchen mit ihnen. Im Höllental 
lauschte er dem Geplätscher der Berka, mit der sich 
hier der Dorfbach vereinte, beobachtete, wie sich der 
Nebel zwischen den Bergwänden hin und her schob 
und nach einem Ausweg suchte. Er hatte seinen 
Spaß daran, wenn die Sonnenstrahlen den Sieg 
über die Nachtgeister gewannen und es im Tälchen 
heller und wärmer ward. Und wie der Wald duftete 
und lebendig wurde! Wenn ihm nur nicht etwa 
ein Hase quer über den Weg lief! Nebenbei betrieb 
der Einsame auf seinen Morgenfahrten Wetter 
beobachtung. Er kündete nachher den Bauern da 
heim, ob Morgenrot gewesen und deshalb ein nasses 
Abendbrot zu erwarten sei, ob die Spinnen an den 
Weg gebaut und damit gutes Wetter in Aussicht 
gestellt hätten. 
In A., im Gasthaus zum Heiligenstein, wo sich 
das Postamt befand, mußte der Postillion auf die 
Fahrpost warten, die von einem hannoverschen Städt 
chen aus durch das Werratal ins Thüringsche fuhr. 
Waren die Postsachen ausgetauscht, so konnte die 
Rückfahrt angetreten werden. Sein blinkendes Post 
horn hat aber der Henner nie meistern gelernt, so
	        

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