Full text: Hessenland (36.1922)

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ernannt. — Die theologische. Fakultät verlieh Herrn 
William Braitioaite Libba aus Banbury, der sich durch 
seine grundlegenden Arbeiten über das Quäkertum um 
die Kirchengeschichte verdient machte, die Würde eines 
Ehrendoktors. 
P e r s o n a l ch r o n i k. Am 14. Januar beging in 
Karlsruhe Geheimrat Or. Oskar E i s e n m a n n seinen 
80. Geburtstag. Eisenmann war von 1876 — 1908 
Direktor der Kasseler Galerie und hat es als solcher 
verstanden, deren Besitz um eine ganze Reihe wertvoller 
Bilder, darunter einen Rembrandt, zu bereichern. 1888 
erschien sein großer wissenschaftlicher Katalog der Galerie, 
1907 sein „Album der Kasseler Galerie". Wie er als 
bald nach seinem Amtsantritt die berühmte Kasseler 
Gemäldesammlung in den neuen Räumen aufstellte, so 
wirkte er auch bei der Neuordnung anderer Galerien 
mit, so bei derjenigen der Sammlungen des Maurits- 
hauses im Haag, bei der Überführung und Katalogi 
sierung der Gemäldesammlungen des Welfenhauses nach 
Hannover und auf Wunsch seines Freundes Hans Thoma 
bei der Neugestaltung der Kunsthalle in Karlsruhe. Eisen 
mann bearbeitete außerdem den alten Band der Schnaase- 
schen Kunstgeschichte und das „Faust-Album". Mit dem 
Dichter Martin Greif und der Dichterin Josefine Gräfin 
zu Leiningen-Westerburg befreundet, ist Eisenmann auch 
selbst dichterisch hervorgetreten. — Gleichfalls seinen 
80. Geburtstag beging in Hanau Rechnungsrat Justus 
Wagner, der'besonders auf dem Gebiet der hessischen 
Militärgeschichte eine Anzahl verdienstvoller Arbeiten 
veröffentlichte. — Ihren 60. Geburtstag feierte am 
4. Januar die Vorsitzende des israelitischen Franen- 
vercins Frau Kommerzienrat Eugenie W e r t h e i m , 
die sich auf dem Gebiete der Kasseler Wohlfahrtspflege 
reiche Verdienste erworben hat. Sie war u. a. die erste, 
die schon vor dem Kriege die Lage der Heimarbeiterinnen 
in rastlosem Bemühen zu verbessern strebte und auch die 
Kasjeler Ortsgruppe der Heimarbeiterinneu ins Leben 
rief. 
Todesfälle. In München starb kurz vor Weih 
nachten der Architekt und Rektor der Technischen Hoch 
schule Professor vr. Friedrich v. T h i e r s ch , der 
Erbauer des Münchener Justizpalastes und neben Wallot 
erster Preisträger bei dem Wettbewerb um die Erbauung 
des Reichstagsgebäudes. Er entstammte einer alten 
Theologenfamilie und wurde am 18. April 1852 in 
Marburg geboren, wo er noch am 13. Dezember als 
Vorsitzender des Preisrichter-Kollegiums für das Aus 
schreiben von Kleinwohnungsbauten weilte. — Am 8. Ja 
nuar setzte der Tod dem Leben des Oberingenieurs a. D. 
Karl Gerstung in Kassel ein Ziel. Er war 37 Jahre 
lang (1871—1909) als Oberingenieur und Chefkonstruk 
teur an der Dolomnaer Maschinenfabrik im Gouverne 
ment Moskau tätig und leistete als solcher deutschem 
Wissen und deutscher Technik treue Pionierdienste. Ge 
boren in Braach, verlebte er seine Kindheit in Wilhelms 
hausen und brachte auch nach seiner Rückkehr aus Ruß 
land seinen Lebensabend in der hessischen Heimat zu. — 
Am 10. Januar entschlief in Kassel im 76. Lebensjahr 
der Fabrikant Arwed Hahn. Als Erfinder und Ver 
fertiger von Entfernungsmessern für Armee und Marine 
hat er gemeinsam mit seinem Bruder seit den 70er Jahren 
seiner Firma weit über Deutschlands Grenzen hinaus einen 
Ruf verschafft. — Erst 60jährig erlag am 19. Januar 
der Inspektor des städtischen Zeichenunterrichts Wilhelm 
Lüttebrandt in Kassel den Folgen eines Schlag 
anfalles, nachdem er herzleidend aus dem Weltkrieg 
heimgekehrt war, an dem der Dreiundfünfzigjährige als 
kriegsfreiwilliger Sanitätshundführer teilgenommen hatte. 
In Kassel als Sohn eines Kunstmalers geboren, hat er 
seit 1882 als Lehrer, seit 1906 als Zeicheninspektor er 
folgreich im städtischen Dienst gestanden. Erfreute sich 
dieser kernige aufrechte Mann schon als Persönlichkeit 
der weitesten Wertschätzung, so wird er als Mundartdichter 
in seiner hessischen Heimat unvergessen bleiben. Herzog, 
Jonas und Lüttebrandt können geradezu als Klassiker der 
Kasseler Mundart bezeichnet werden, und deshalb werden 
auch seine beiden mit eigenen Zeichnungen geschmückten 
Bände „Gasgenaden un Schmaguggen" und „Mä honn's, 
mäh kunn's" bleibenden Wert behalten. 
Hessische E r i n n e ru n g s t ag e. Im Januar 
1822, in dem Louis S p o h r sein Amt in Kassel an 
trat, wurde auch Karl Schomburg Bürgermeister 
von Kassel. — Ferner waren am 27. Januar hundert 
Jahre verflossen, seit Adam Trabert, der bekannte 
kurhessische Demokrat, der erst 1914 zweiundneunzigjährig 
verstarb, in Fulda geboren wurde. 
Kriege rehrun g. Die Erinnerung an die im 
Weltkrieg Gefallenen in Denkmälern festzuhalten, ist 
Pflicht der Nachkommen. Die nach dem Krieg einsetzende 
Maßenerzeugung solcher Denkmäler hat aber bereits so 
zahlreiche Geschmacklosigkeiten gezeitigt, daß auf Ver 
anlagung des Kultusministeriums in allen Verwaltungs 
bezirken Beratungsstellen eingerichtet wurden, die den 
einzelnen Gemeinden bei der Platz- und Materialwahl 
sowie bei der Formgebung im einzelnen ratend zur Seite 
stehen sollen. Eine ganze.Reihe von Denkmälern in der 
Nähe Kassels — es sei nur an Oberkaufungen, Waldau, 
Lichtenau, Heiligenrode, Harleshausen, Obervellmar, 
Uschlag, Wolfsanger und Elgershausen erinnert — zeigen, 
daß auch ohne erhebliche Mittel künstlerische Wirkungen 
erzielt werden können. Es müßte daher als selbst 
verständlich gelten, daß keine Gemeinde unseres Hessen 
landes an die Errichtung eines derartigen, für die Nach 
welt berechneten Ehrenmals herantritt, ohne zuvor ihre 
Pläne der Beratungsstelle vorgelegt zu haben. 
Die Kasseler Frühjahrs-Aus st ellung. 
Der glänzende Erfolg der Deutschen Kunstausstellung im 
Kasseler Orangerieschloß 1913 legte es nahe, den durch 
den Krieg unterbrochenen Gedanken einer steten Wieder 
holung solcher für das künstlerische wie materielle Leben 
Kassels so wichtigen Ausstellungen wieder aufzugreifen. 
Legt doch ohnehin das Vermächtnis der künstlerischen 
Vergangenheit Kassels der Stadt Verpflichtungen auf, 
die zu erfüllen ihr eine hohe Aufgabe sein muß, wenn 
anders sie nicht hinter anderen, unter weit ungünstigeren 
Bedingungen stehenden Städten zurückstehen will. Schwie 
rigkeiten bot in erster Linie noch die Lokalfrage, da das 
Orangerieschloß, um dauernde Ausstellungen, aufzuneh 
men, gewisser Veränderungen im Innern bedarf. Eine 
von Akademiedirektor Geheimrat Prof. vr. B a n tz e r 
und Galeriedirektor vr. Gronau im Dezember iu 
den Rembrandtsaal der Galerie einberufene Versammlung 
hatte ein derart günstiges Ergebnis, daß der gezeichnete 
Garantiefonds schon jetzt die für den Mai geplante 
große Kunstausstellung sicher stellt. Es muß Pflicht be 
sonders der Kasseler Bürgerschaft sein, anch weiterhin 
diese für Kassel und Hessen so wichtigen Bestrebungen, 
die auch einsichtsvolle Unterstützung der Behörden finden, 
durch materielle und ideelle Beihilfen zu fördern, um so 
die alte Hessenhauptstadt immer mehr zu jener künst 
lerischen Zentrale zu gestalten, die zu sein sie ihrer ganzen 
Vergangenheit nach Anspruch hat.
	        

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