Full text: Hessenland (36.1922)

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Stein, der den verborgenen Quell schloß, mit dem 
Hnfabdruck an der Kirchhofsmauer zu Gudensberg 
eingesetzt und noch zu sehen sei. Das Volk glaubte 
daran wie die Harzer an ihren Vogelsteller Heinrich 
und die Schweizer an ihren Tell, wovon die stren 
gere Geschichte nichts weiß. Sehr zu beachten ist, 
daß in der Odenbergsage wie im Kyffhäuser auch 
ein Kaiser den anderen verdrängte, wenn auch erst 
nach Jahrhunderten: dort Barbarossa Friedrich den 
Zweiten, hier den gewaltigen Frankenkaiser Karl V., 
der Quinte im Volksmund genannt, dessen Sieg 
über das widerstrebende Kleinfürstentum, insbeson 
dere den Landesherrn Philipp, ihm eine gewisse 
Größe verleihen mochte. Der dem Odenberg vor 
gelagerte, wildzerklüftete und zackige Scharfenstein 
hat natürlich auch die Sage angezogen, aber was 
das Volk von ihm berichtet, ist nur eine harmlose 
Erlösungsgeschichte von einer verzauberten Jung 
frau, .die der vorbeiziehende Wanderer, der sie 
niesen hört, durch ein geduldig wiederholtes „Helf 
Gott" erlösen kann, was beim letzten Male miß 
lingt. Rudolf Baumbach hat eine dieser verbreiteten 
Sagenformen in anmutige Verse gebracht. Was 
Dingelstedt dagegen in seinem schönen Gedicht vom 
schlafenden Römerheer im Scharfenstein berichtet, 
beruht auf eigener Erfindung wie Brentanos Lore 
ley, die Heine in eine so volkstümliche Form zu 
kleiden wußte, daß sie wie echtestes Volksgut wirkte. 
So abenteuerlich und heroisch auch die Vulkan 
trümmer des Scharfensteins in dieser Landschaft 
wirken, zu der Kaisersage haben sie von Haus aus 
keine Beziehung. Nicht unerwähnt möge übrigens 
bleiben, daß die Prophezeiung von der Wiederkehr 
des Kaisers und der Rettung des Landes, die in 
dem Kyffhäuserdenkmal eine so großartige Verbild 
lichung gefunden hat, einerseits durch die Nero- und 
Herakliussage im klassischen Altertum verankert 
ist, andererseits in verschiedenen Kalifengestalten des 
Muhammedanismus und in dem Aztekenfürsten 
Montezuma in Neu-Mexiko, dessen Wiederkehr die 
Indianer erwarten, eine merkwürdige. Entsprechung 
hat. ^ 
Nächst Karl dem Großen hat aus der älteren 
Zeit besonders die ehrwürdige Gestalt des Hessen 
apostels Winfried Bonifatius am meisten sagen-- 
bildend gewirkt, dessen Gedächtnis ja ohnehin durch 
die Tätigkeit der Kirche immer lebendig blieb. Wo 
er auf deutschem Boden gewandelt ist, finden wir 
die Sage in seinem Geleite. So hat er auf seiner 
Fahrt nach Fulda bei Horas wie einst Moses in 
Durstesnot mit seinem Stabe einen sprudelnden 
Quell eröffnet, worin sich vielleicht, die Wünschel 
rutenerfahrung verkörpert, und der Sarg des Märty- 
Röhricht, Zeitschrift für Kirchengeschichte, S. 632 ff. 
rers hat sich der Bestattung in Mainz widersetzt 
und selbst seinen Weg nach der Lieblingsstätte Fulda 
gelenkt, was der Legende eine besonders ergreifende 
Färbung gibt. Von Fritzlar, der geweihten Haupt 
stätte seines Wirkens, berichtet Lyncker noch aus 
dem siebenjährigen Kriege, daß bei einem feind 
lichen Angriffe Bonifatius selbst auf der Mauer 
stehend die feindlichen Kugeln abgewehrt und die 
Stadt gerettet habe, worin vielleicht in einer zeit 
gemäßen Umformung der alte Bericht von der 
wunderbaren Bewahrung des Domes vor dem Schick 
sal der Verbrennung durch die Sachsen im Jahre 
773 eine Art Auferstehung feierte. 
Die gleichfalls uralte Hessenstadt Marburg aber 
ist neben Eisenach die Hauptheimstätte der in Kunst 
und Dichtung hochgefeierten, jedem Deutschen teuren 
heiligen Elisabeth, die dort am Schröcker Brunnen 
der Armen Kleider wusch und sie danach in die 
Luft warf, wo sie auf den Sonnenstrahlen hängen 
blieben, weshalb die Frauen noch lange zu diesem 
Wunderbrunnen wallten und dort ohne Seife 
wuschen. Auch die finstere Gestalt ihres grausamen 
Beichtvaters Konrad ist dem Gedächtnis noch nicht 
entschwunden und lebt gewissermaßen in der Ketzer 
bach fort, einer durch die Sage beeinflußten Um 
formung aus Kerzenbach. Der Untergang alter 
Herrengeschlechter gab vielfach den Anlaß zur Sagen 
bildung, für ihn verlangte das Volk eine Art roman 
tischen Abschluß. So mußte Otto von Bilstein, 
der letzte seines Stammes, der 15 Jahre nach der 
Übergabe seiner Burg an Albrecht den Enterbten 
starb, mit 'Gattin und Tochter auf einem Vier 
gespann sitzend den Tod in der felsigen Tiefe 
suchen, während andern solche Todesstürze gelingen, 
wie bei dem reuigen Büßer Hermann von Treffurt 
und Ludwig dem Springer (Salier). Ebenso ist auch 
der Übergang der Grafschaft Ziegenhain an Hessen 
ausgeschinückt: Der letzte Insasse des Thrones, 
Johann der Starke, unternahm der Überlieferung 
nach mit dem Landgrafen Ludwig dem Friedfertigen 
eine Wallfahrt zum heiligen Grabe, wurde in 
Venedig von einem Kaufmanne, den er angeblich 
früher beraubt hatte, erkannt und mit Verhaftung 
bedroht, aber durch ein Lösegeld seines Begleiters 
gerettet, worauf er ihm sein Land vermachte. Der 
geschichtliche Kern ist, daß Landgraf Ludwig tat 
sächlich eine Pilgerfahrt unternommen und auch in 
seiner Heimat Johann mit Geld unterstützt hat, 
im übrigen scheint eine Raubrittersage damit ver 
schmolzen zu sein. Hervorragende Männer jeder 
Art erscheinen so von der Sage umrankt von alter 
Zeit bis in unsere Tage, von Otto dem Schützen, 
den 'Kinkels Epos unsterblich gemacht hat, bis zu 
dem letzten Kurfürsten oder einem genialen Men 
schen, wie dem Forstmann und Dichter Wildungen,
	        

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