Full text: Hessenland (36.1922)

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genannte Teuselsscheune in dem benachbarten Ellen 
bach auf der .Höhe zwischen Sandershausen und 
Uschlag; sie ist vor 20 Jahren abgebrannt und er 
neuert worden. Wir haben es hier deutlich mit 
einer sogenannten Bildstöckl- oder. Marterlsage zu 
tun, wie sie sich gern an Gedenktafeln für Ver- 
unglückte knüpfte: das Relief an der Wand zog 
eine der verbreiteten Wastdersagen magnetisch an 
sich. Müllenhoff erzählt in seinem holsteinischen 
Sagenbuch dasselbe fast mit den gleichen Worten 
von einem Bauern in EiderstedeL Alle Behauptun 
gen von einer alten Tonarstätte in Ellenbach, worauf 
die Füchse, die Bezeichnung Teufelsberg und ein 
angebliches Hammerzeichen an dem Bilde deuten 
sollen, werden demnach dadurch hinfällig. Unter 
den mannigfachen anderen Teufelssagen, die bei uns 
im Schwange sind, verdient eine wegen ihrer Eigen 
art und ihres humorvollen Gepräges noch eine be 
sondere Erwähnung, die vom Junker .Hans in Neu 
stadt bei Treysa, nach dem dort der bekannte ge 
waltige Turm benannt worden ist. Bei diesem 
gefürchteten Ritter und Hexenmeister, der von außen 
ohne Treppe in sein Turmgemach zu fahren Pflegte, 
wollte es selbst der Teufel, der ihm um den Preis ■ 
seiner Seele dienen mußte, nicht mehr aushalten^ 
da er bei seinen Fahrten statt des vierten Rades, 
das der Junker abzuschrauben pflegte, nebenher 
taufen und den Wagen halten mußte. Er wollte 
selbst den Vertrag lösen und auf seine Seele ver 
zichten, aber der Ritter ließ ihn nicht frei, so wenig 
gab er auf sein Seelenheil. 
Wenn vorher angedeutet wurde, daß der Teufel 
in der Sage eine Art Sammelgestalt wurde, die 
von den verschiedensten Seiten Sagenstoff anzog, so 
gilt dies besonders für die Welt der Riesen, von 
denen manches auf den neuen Widersacher des 
Menschen übertragen wurde, besonders die zahl 
reichen Schwänke vom geprellten Baumeister, wie 
sie uns ja auch aus der Edda geläufig sind, oder 
die ebenso häufigen von verpflanzten oder geschleu 
derten Felsblöcken, wie sie uns in der Teufelskanzel 
über der Werra entgegentritt, die er vom Blocksberg 
hierher verpflanzt haben soll; der Name gab sogar 
Anlaß zu der scherzhaften Behauptung, daß er von 
hier aus gepredigt habe. Die Riesensage ist natür 
lich in einer Landschaft, wie es die hessische ist, ganz 
besonders reich ausgebildet; fordert sie doch den 
unverkünstelten Sinn des gemeinen Mannes geradezu 
aus, für bestimmte Erscheinungsformen in Natur 
lind Kunst riesische Gewalten als Urheber anzu 
nehmen. Ties ist ganz besonders in dem sagen 
reichsten Kerngebiet des alten Chattenlandes um * 
* Ebenso Wucke, Sagen der mittleren Werra, von 
Fambach bei Schmalkalden. 
Gudensberg der Fall, wo ja noch ein Ortsname, 
Dorla, nach seiner urkundlichen Form thursloh als 
„Riesenwald" gedeutet wird. Aber auch sonst hören 
wir überall von ihrem Walten und sehen dessen 
Spuren. Wo im freien Felde ein Felsblock aufragt, 
hat ihn ein Riese oder der Teufel hingeschleudert, 
um den Bau einer Kirche zu hindern, Felsenmauern 
haben die Riesen getürmt, Bauwerke aus grob be 
hauenen Steinen haben sie geschaffen, einen mäch 
tigen Balken, im Spangenberger Schloß hat ein 
Riesenbaumeister, der sich dazu einen Baumstamm 
im Walde holte, eingesetzt, vereinzelte, steile Berg 
kegel ragen allenthalben empor, auf denen sie hausten 
und von wo sie einander im Streite mit Felsbrocken 
bewarfen. Einen greifbaren Beweis von ihrem vor 
zeitlichen Dasein schienen vor allem, wenn auch 
mehr in Norddeutschland, die ungeheuren Stein 
grabstätten zu. geben, unter denen die Fürsten dieses 
ungeschlachten Urvolkes ruhen; so erklärte man mit 
diesen Hünengräbern die unverstandenen Grabhügel 
einer verschollenen geschichtlichen Kulturperiode. 
Späteren Ursprung dagegen verrät es, wenn im 
Reinhardswald von drei Riesinnen Brama, Saba 
und Trendila eine Wandersage von einer betrüge 
rischen Goldzuteilung erzählt wird, da der Name 
Sababurg erst eine spätere Umgestaltung des älteren 
Zapfenburg ist. Von echtem Volkshumor zeugt es, 
wenn ein hessischer Riese einem weit getrennten 
Nachbarn dadurch ein Zeichen gibt, daß er sich am 
Leibe kratzt, ähnliche Züge finden wir schon in der 
altnordischen Überlieferung, Hessen zeigt darin echt 
germanische Derbheit und Kraft. So heißt es hier 
auch, daß di.e Steine, die sie geschleudert haben, 
noch den Abdruck ihrer gewaltigen Tatze zeigen, 
wie am Albstein im Felde von Wiera bei Willings 
hausen oder dem Stein von Gombet, den sogar 
eine Riesin vom Hornberger Schloß dorthin be 
fördert hat. 
Stark entwickelt, wenn auch nicht in dem Maße 
wie in Niedersachsen, ist im Hessenlande die Vor 
stellung von Zwergen oder Wichteln, deren all 
gemeine Verbreitung über Deutschland die Ansicht 
hervorgerufen hat, man habe in ihnen die Vertreter 
einer verdrängten, vorgermanischer, kleinwüchsigen 
Rasse zu erblicken, worauf manche Züge hinzuweisen 
scheinen. Schon Grimm regte diesen Gedanken in 
seiner Mythologie an, wenn er sagt: „Die vor dem 
Menschengeschlecht zurückweichenden Zwerge machen 
den Eindruck-eines unterdrückten, bedrängten Volks 
stammes, der im Begriff steht, die alte Heimat 
den neuen, mächtigeren Ankömmlingen zu über 
lassen." Was hier nur als Möglichkeit angedeutet 
war, ist als Deutung später sehr beliebt geworden, 
und einer unserer bekanntesten hessischen Sagen 
forscher, der sonst durchaus seine selbständige Auf
	        

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