Full text: Hessenland (36.1922)

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weise Entstehung sehr genau und wissen, daß die 
Naben erst eine Zutat des Jahres 1680 sind, wo sie 
zum ersten Male als Unglücksvögel den Berg um 
kreisen^ Sie gehören in den besonderen Kreis der 
Tiersage. Trotzdem ist eine mythische Grundlage für 
diese reich ausgestattete und geschichtlich so bedeut 
same Sage vorhanden: sie beruht auf der uralten, 
dem Seelenglauben entstammenden Vorstellung von 
dem Totenberg, der Behausung der Abgeschiedenen, 
aus der sie nur von Zeit zu Zeit als wildes Heer 
im tobenden Sturme hervorbrechen und unter Füh 
rung eines Winddämons, meist „der wilde Jäger" 
genannt, das Land durchbrausen. Nur in solchem 
Sinne dürfen wir bei diesen bekannten Wohnstätten 
schlafender Helden und Kaiser, also auch bei unserem 
Odenberg, an Wotan denken, jenen alten Wind- 
tz o t t, den Führer des Geisterheeres oder der wil 
den Jagd, dessen Name in Norddeutschland noch 
als W o d e, in Süddeutschland im „wütenden Heer" 
Wuotandes, d. h. Wotansheer fortlebt. Auch die 
spätere geschichtliche Sage, die hier mit dem ur 
sprünglichen Mythus verwachsen ist, zeigt noch man 
ches gemeinsame alte Sagengut neben großer Selb 
ständigkeit der Einkleidung: Gleißende Schätze birgt 
das Innere des Odenberges, eiserne ' Kugeln, die 
man von dort mitbringt, werden zu Gold, Wunder 
blumen öffnen den Eingang, auch hier ruft eine 
geheimnisvolle Stimme dem menschlichen Besucher 
beim Abschied zu: Vergiß das Beste nicht! Wird 
die Mahnung aber nicht beachtet, schlägt die Tür 
des Geisterreiches donnernd zu und verletzt den Ein 
dringling an der Ferse. Auch der rührende Zug 
fehlt nicht, daß ein Kind in den Berg. mitgenommen 
und im Eifer des Goldraffens vergessen, aber genau 
zur selben Zeit nach 7 Jahren an derselben Stelle, 
nachdem der Berg sich wieder geöffnet, lebend und 
unverändert vorgefunden wird, was z. B. ebenso 
vom Altkönig im Taunus erzählt wird. Hier zeigt 
sich deutlich eine spätere Ausbildung des Sagen 
motivs: der älteren Auffassung entspricht es mehr, 
wenn das wiedergefundene Kind beim Austritt aus 
dem Totenreich stirbt, weil alles ihm Verfallene 
ins Erdenleben nicht zurückkehren kann. Ähnlich wie 
mit Wotan im Odenberge verhält es sich auch mit 
der gleichfalls schön und reich entwickelten Meißner- 
sage von Frau Holle, die ja auch ihrer Lokalfarbe 
entkleidet ins benachbarte Märchenbereich abgewan 
dert ist. Auch ihr gegenüber ist die beliebte Deutung 
auf Frigga, Wotans Gemahlin, mit größter Vorsicht 
aufzunehmen. Mit größerem Rechte reiht die neuere 
Forschung die Holle oder Holda, deren Name viel 
leicht mit den griechischen Eumeniden zu vergleichen 
wäre, unter die Naturdämonen, wie die Roggen 
muhme und den Kornengel. Vermutlich ist sie ebenso 
wie die süddeutsche Berchta eine Gottheit der winter- 
lichen Natur, worauf der überall wiederkehrende 
Zug hinweist, daß es schneit, wenn sie ihr Bett 
schüttelt; auch ihr Umzug in den Unternächten 
und ihr Anteil an den im Winter vornehmlich tätigen 
Spinnerinnen scheint darauf hinzudeuten. Zu dieser 
Auffassung ihres Wesens als eines Eis- und Schnee 
geistes würde ihre Wohnstatt auf dem höchsten hes 
sischen Berge, der den Schnee am frühsten zeigt und 
am längsten bewahrt, vortrefflich Passen: die alte 
Erklärung des Wißner als Weißenberg käme dann 
gegenüber der jetzt bevorzugten = Wiesenberg wieder 
zu Ehren. Daß der Name nichts als Geist, Dämon 
bezeichnet, beweist der Umstand, daß er auch sonst, 
z. B. bei Volkmarsen, gleichbedeutend mit Wichtel 
gebraucht wird, die man dort die „guten Hollen" 
nennt; als Unholde, wie die christliche Kirche die 
verpönten heidnischen Götter gern bezeichnete, lebt 
er in unserer Sprache fort. Eine der Meißner- 
sagen, die in Dudenrode heimisch ist, weist ihr 
übrigens menschliche Abkunft §u und läßt sie mit 
einem Manne vermählt sein, der den Namen „Holle" 
trägt und sie nach einem wilden Lasterleben verläßt, 
später aber gebessert und als Christ zurückkehrt und 
sich mit ihr aussöhnt. In dieser Erzählung scheint 
sich der Übergang vom Heidentum zum Christentum 
zu spiegeln, wobei die alten Unholde ihres Charakters 
entkleidet oder gänzlich verbannt wurden. 
Eine andere germanische Gottheit, die man als 
verdunkelten Rest heidnischen Götzentumes in unserer 
Volkssage wiederzuerkennen glaubt, ist der alte 
Wetter- und Hammergott Donar, auf den gewisse 
Eigenschaften des Teufels zu weisen schienen: der 
Pferdefuß, das rote Haar, der ihm heilige Bock, der 
an sein Ziegenbockgespann erinnern sollte. Man er 
klärte mitunter das mittelalterliche Teufelsbild ein 
fach als eine Verschmelzung des biblischen Diabolos, 
des Versuchers, mit Donar. Daran ist so viel rich 
tig, daß auf die mit dem eindringenden Christentum 
übernommene Gestalt des Teufels und die im An- 
schluß daran sich entwickelnde ungeheuer verbreitete' 
und weit ausgesponnene Teufelssage Züge ger 
manischer Gottheiten und der an sie geknüpften 
Sagenvorstellungen übertragen wurden, auch mehr 
aus der niederen als aus der höheren Mythologie. 
Die außerordentliche Vereinfachung des Weltbildes, 
die diese Verkörperung des Bösen mit sich brachte, 
bedingte eine gewisse Zusammenfassung der menschen 
schädlichen Mächte in einer Person und verflocht in 
ihre Sammlung deren äußere Kennzeichen; so sind 
mißgestaltete seltsame Füße Zwergen und Alben 
meist eigen, Göttern wie Donar niemals. Als 
Beweisstück zur Beziehung auf Donar hat gerade 
eine sehr bekannte hessische Teufelssage dienen müs 
sen, deren verhältnismäßig später Ursprung sich 
genau bestimmen läßt. Sie knüpft sich an die so-
	        

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