Full text: Hessenland (36.1922)

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veranlaßt zu haben, 1574 ein Jahr lang eine 
Hauptmannstelle bei dem Grafen Johann von Ol 
denburg anzunehmen. Dann führte er ein Jahr 
lang seinem alten Kriegskameraden von Schoonen 
her Hilmar von Quernheim die Rechnungs 
bücher und ließ sich schließlich von zwei alten 
Spießgesellen Ste ntz el von Namslo und Ru 
dolf Leffert, Hauptleuten in des Obristen 
Lazari Müller Regiment, überreden, noch ein 
mal einen Feldzug als Regimentsschultheiß mitzu 
machen. Es scheint sein letzter gewesen zu sein. 
Er sagt nicht, wohin es ging, nur daß die finan 
ziellen Versprechungen, die man ihm gemacht, nicht 
gehalten wurden. Neun Monate hielt er aus, dann 
kehrte er „on alle frucht" zurück. Wie es dann kam, 
daß er in die Dienste des Landgrafen Wil- 
h e l m s IV. von Hessen trat, ist nicht recht klar. 
Er erzählt nur, daß er „für ein gewisses geld" im 
Jahre 1579 von seinem gnädigen Landesfürsten 
und Herrn zum „Hauptmann von Haus aus" be 
stellt wurde, und zwar war dies eine Bestallung für 
Lebenszeit. Seine Verpflichtung bestand wohl nur 
darin, im Falle eines Krieges die Werbung und 
Führung eines Landsknechtshaufens zu übernehmen; 
denn stehende Truppen hatte der Landgraf noch 
nicht. Riege blieb daher auch in Westfalen, wo 
er weiter von seinen ritterlichen Freunden mit ver 
schiedenen Verwaltungsgeschäften beauftragt war. 
Drei Jahre lang war er Statthalter „uf der Laghe" 
für den Johanniterkomtur Moritz L e s ch von 
Müllnheim; und 1585 vertauschte er dies Amt 
mit der Verwaltung der Komturei zu Hervord 
ebenfalls im Aufträge von Ritter Lesch. Es war 
sein letztes Amt dieser Art. Der Ärger mit den 
Bauern, die Kargheit seines Brotherrn und vor 
allen Dingen das Bedürfnis nach Ruhe veranlaßten 
ihn, die Verwaltung der Komturei aufzugeben. Er 
verließ Hervord und zog „in der Rintelschen Hos6, 
Zu fuern ein einsam stilles leben 
In meines Herrn Lantgraven Pflicht 
Und sonsten keines andern nicht. 
Riege benutzte die Muße seines Lebensabends 
auf dem Rintelschen Hofe dazu,' seine zahlreichen 
Dichtungen und Kompositionen zu ordnen und auf 
zuzeichnen. Sie sind ups in fünf handschriftlichen 
Bänden der Berliner Staatsbibliothek (Ns. germ. 4° 
864) erhalten, die früher einmal im Besitze des 
Büchersammlers Ludolph von Münchhausen und 
später eines gewissen Jakob Bernhard von Weicker 
gewesen sind. Aus einem Briefe R i c o l a u s 
Selneccers an Riege geht hervor, daß Riege 
6 Ich habe nicht feststellen können, wo dieser Rintelsche 
Host lag. Krabbes Vermutung, daß R. nach Rinteln 
selbst an den Hof gezogen sei, vermag ich nicht zu teilen. 
Jedenfalls lag der Hof in der Nähe von Rinteln bzw. 
Minden. 
seine geistlichen Lieder (sie füllen- zwei Bände der 
Handschrift) einmal an diesen Leipziger Theologen 
und Psalmendichter (1532—92) 6 7 zur Begutachtung 
gesandt hat, der ihm dringend zuredete, die „schönen 
herrlichen Psalmen ufs eheste in Druck zu geben. 
Dann es ja fünde wehre, so ihr sie allein für euch 
wollet haben". Dazu ist es aber nicht gekommen. 
Wir können auch nicht in das überschwengliche Lob 
Selneccers einstimmen, der von Nieges „geistreichen 
gesengen" sagt, daß sie „weder mit gold noch silber 
zu bezalen" seien. Auch Vilmar, der freilich nur 
wenige Bruchstücke kannte, hat diese offenbar über 
schätzt. Größeres Interesse für die Nachwelt als 
Nieges geistliche Lieder können seine weltlichen Dich 
tungen beanspruchen, weniger um ihrer oft recht 
mäßigen Form als um des Inhalts willen. Wüßte 
man es nicht schon aus der Lebensgeschichte des 
Dichters, daß er viel in der Welt herumgekommen 
war und in die politischen Händel seines Jahr 
hunderts manchen Einblick getan hatte, so würde 
man es aus seinen Gedichten erfahren. Er besang 
alle möglichen Zeitereignisse, rein lokale wie die 
Hexenverbrennungen zu Buxtehude und Stade oder 
die Todesfälle und Familienfeste seiner großen enge 
ren und weiteren Bekanntschaft, aber auch wichtigere 
Weltbegebenheiten wie die politischen Wirren in 
den Bistümern Bremen und Minden und im Herzog 
tum Braunschweig, die Kämpfe der Niederländer 
gegen Alba, die Hugenottenkriege usw., oft in der 
vielfach variierten Form deutscher Chronostichen, in 
denen die als römische Zahlzeichen dienenden Buch 
staben der Verse die Jahreszahl des besungenen Er 
eignisses angeben. Solche Künsteleien und Spiele 
reien liebte er überhaupt. So muß man in seinem 
Lebenslaus alle angegebenen Daten erst umständlich 
nach einem ziemlich komplizierten Zahlenrätsel be 
rechnen. Viele Gedichte sind den kirchlich-religiösen 
Zeitereignissen gewidmet, wobei Riege, ein leiden 
schaftlicher Anhänger Luthers, es nicht an scharfen, 
oft direkt unflätigen Ausfällen gegen den Antichrist 
in Rom und seine Anhänger fehlen läßt. Die 
Kalenderreform Gregors XIII. gab ihm den Anlaß 
zu einem langatmigen „Gesprech eines reisenden 
Kaufmanns, Wirtes und. Studenten", worin der 
kluge Student Johannes den beiden andern ein 
Licht über den neuen in Rom ausgeheckten Schwin 
del aufsteckt? 
7 Dichter der bekannten Gesangbuchslieder „Laß mich 
Dein sein und bleiben" und „Ach bleib bei uns, Herr 
Jesu Christ". 
s Was konfessionelles Vorurteil in dieser Frage be 
deutete, kann man an dem Urteil eines so klugen und 
mathematisch gebildeten Fürsten, wie LandgrafWilhelmIV. 
>var, über das verdienstvolle Reformwerk des Papstes 
sehen. Vgl. Rommel 5, 490 ff. Nach Einführung der 
Reform renommierten die mainzischen Bauern der hes-
	        

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